kehrt und begab sich zu ihrem Mann hinunter . Der Amtmann stand über den Tisch der kleinen Kammer gebeugt , blätterte aufgeregt in dem großen Merkbuch und schien etwas zu suchen , was sich nicht finden lassen wollte . » Ruppert ! « fragte Frau Marianne sanft . » Was ist denn schon wieder ? Bist du mit dem Buben überkreuz gekommen ? « Der Gestrenge blätterte . » Laß mich in Ruh , jetzt bin ich im Amt . « Vor dem geweihten Wörtlein Amt schien Frau Someiner eine wesentlich geringere Ehrfurcht zu besitzen als ihr Sohn . » Ach geh , du , mit deinem Amt ! Mir ist ' s um den Hausfrieden . Und die Supp ist fertig . Komm ! Tu dich mit dem Buben in Ruh wieder ausgleichen . Bei guter Schüssel wird das Gemüt schön nachgiebig . Aber so eine trückene Rechtsläpperei - « Frau Marianne konnte diese kostbare Perle ihrer Lebenserfahrung nicht zu Ende drehen . Denn der Amtmann hatte im Merkbuch gefunden , was er suchte . Alle mißmutige Strenge seines Gesichts verwandelte sich in triumphierende Freude . » Recht hab ich ! Recht ! Da steht ' s Da ! Da ! Da ! « Dreimal stieß er mit dem Zeigefinger auf das Merkbuch hin . » Und jetzt , meinetwegen , jetzt kann ich auch Langmut zeigen . Weil es schwarz auf weiß bewiesen ist , daß ich recht hab . Ruf den Buben , Mutter ! Das soll er lesen ! Da steht ' s ! Sub 28. Junio 1391 : Den Hängmooser Auftrieb visitiert , sind aufgetrieben zwanzig Kalben und sechzig Ochsen , item ansonsten alles befunden nach Recht und Weidbrief von Anno 1356 . Da steht ' s ! « Herr Someiner war in diesem Augenblick der glücklichste der Menschen . Frau Marianne grollte wohl : » Du liebe Güt ! Schon wieder die Hängmooser Ochsen ! « Doch sie lachte , weil sie aus der frohen Sonne , die in der Amtsstube aufgegangen war , den Friedensschluß bei der Suppenschüssel erglänzen sah . » Geh , Ruppert , komm - « Da kroch die schöne Sonne hinter eine dicke Wolke . Denn Herr Someiner , der bei jeder Erscheinung des Lebens gleich zu rechnen anfing , beugte sich mißtrauisch über das Buch . » Der 28. Junius 1391 ? Und heut ? Was ist denn heut ? Der 26. Junius 1421 ! « Zwischen diesen beiden Kalenderziffern schien ein Abgrund des Unheils zu klaffen . In den Augen des Amtmanns malte sich ein Schreck , als hätte sich vor seinem Blick etwas Grauenvolles ereignet . In Sorge faßte Frau Marianne den Gatten am Ärmel . » Geh , Ruppert , laß doch jetzt - « Herr Someiner befreite seinen Arm und brauste los : » Da hört sich doch - . Und ich in meiner Gut und Nachsicht hätt jetzt bald - . Ist das ein Kerl ! Will die Schweizer Freiheit einführen im Land ! Und redet wie ein Bruder vom freien Geist ! So ein Heimtücker wie der ! So ein geriebener Hinterlister ! « Frau Marianne wollte immer reden . Es gelang ihr nicht . Der Zorn ihres Mannes brauste weiter wie ein entfesselter Wildbach . » Ein Glück , daß Gottes Segen über meinem Amt ist ! Und daß ich den Schaden noch zu rechter Zeit besehen hab ! Zwei Tag noch , und es wär zu spät gewesen ! Und das ochsenmäßige Unrecht , das sie verüben auf dem Hängmoos , wär verjährt und wär ein ersessen Recht geworden . Und das Stift wär wieder ärmer um ein Herrengut . Aber Gott sei Dank , ich bin noch allweil da . « Als der Amtmann dieses letzte Wort gesprochen hatte , war er schon nicht mehr da . Er hatte Hut und Stock ergriffen und war schon auf der Straße . Frau Someiner sah die offene Tür an , schüttelte kummervoll den Kopf und predigte ins Leere : » Gott hat die Welt geschlagen , wie er die Mannsleut erschaffen hat ! Ist jeder wie ein kranker Narr , dem man bei Tag und Nacht das kalte Tüchl um das Hirndach legen sollt . « Als gewissenhafte Hausfrau versperrte sie die Amtsstube und das Eisengitter , nahm den heiligen Schlüsselbund in die Wohnstube mit hinauf und gab ihn an seinen Platz . Nun war sie allein mit ihrer guten Suppe . Lampen kam aus seinem selbstgewählten Gefängnis nicht herunter , und des Gatten Heimkehr war nicht abzuwarten , solang die Suppe noch lau blieb . Frau Someiner saß am gedeckten Tische . Aber sie rührte den Löffel nicht an . Bei vielen trefflichen Eigenschaften , die man ihr nachrühmen mußte , war sie eine von den Frauen , die sowohl der Kummer wie die Freude veranlaßt , sich dem Irdischen zu entwinden und Hunger zu leiden . Doch sie ließ das Mahl für Vater und Sohn getrennt in zwei Töpfen warm halten , während sie selbst keinen Bissen berührte . Hätte Herr Someiner dieses Widerspruchsvolle in der Handlungsweise seiner Gattin gewahrt , so hätte er vermutlich wieder einmal festgestellt , daß weder Jubel noch Elend eine sinngemäße Ursach wäre , um sich der Speise zu enthalten ; Sättigung des Leibes wäre ein natürlicher Brunnen der Lebenskraft , die man gerade in Elend und Jubel doppelt nötig hätte ; essen müßte der Mensch noch , auch wenn er wüßte , daß ein Viertelstündlein später die Welt zugrunde ginge ; aber , freilich , das Natürliche wäre für die Frauen immer das Unverständlichste . Der Gelegenheit , sich solcher Weisheit zu entledigen , war Herr Someiner an diesem Tag entrückt . Während Lampert , wunderlich verstört , sich auf der Altane seines Stübchens in einen zierlich geschriebenen Traktat über des Boethius Werk de consolatione philosophiae vergrub und die Mutter mit feuchten Augen vor dem trockenen Teller saß , eilte der Amtmann aufgeregt dem Stifte zu , um seinem gnädigsten Fürsten diesen brennend