habe das nötig . « Der letzte Besuch , den Olga in Wien zu machen hatte , galt der Frau , die sie hier am liebsten sah . Und so fuhr sie denn zum letztenmal hinauf , in das hochgelegene Cottageviertel . Die Luft war hier frei und frisch , und Olga atmete immer wohlig auf , wenn sie aus den » Niederungen « , wie sie es nannte , hierher kam . Die Blätter der Bäume waren nun schon fast gelb , und das dürre Laub bedeckte die Erde und raschelte unter den Tritten . Aus den Gärten , in deren Tiefe man hie und da durch ein Gitter einen Blick werfen konnte , strömte der feuchte , süßliche Duft herbstlichen Welkens , und Olga atmete ihn tief ein . Sie machte absichtlich einen kleinen Umweg , überstieg den Hügel des Türkenschanzparkes und kam bei dem Tor , das der Ackerbauhochschule gegenüber liegt , wieder herunter . Um den stolzen Palast dehnte sich freies Ackerland , nur ein paar vereinzelte Villen standen da , zumeist ganz neu , im modernen Landhausstil . An solch einem Häuschen machte sie Halt . Das große , schmiedeeiserne Gartentor , das sich nur öffnete , um das Automobil aus der Garage oder dahin zurück zu lassen , war verschlossen , und sie klingelte an dem kleinen Nebenpförtchen . Als sie den Garten durchschritten hatte und auf dem Podest unter dem Vordach stand , öffnete Eva , - bevor sie noch geklopft hatte , - selbst die Entreetür der Wohnung . Sie war nicht , was man im landläufigen Sinn eine Schönheit nennt , - sie war weit mehr . Auf dem zarten , in seinen Maßen vollkommenen Körper saß ein Kopf , den die Bildhauer » durcharbeitet « zu nennen pflegen . Im Gegensatz zu der Verschwommenheit der Züge , die man sonst nicht selten bei hübschen Frauen findet , waren die Linien dieses Gesichtes deutlich festgelegt . Ein unverkennbarer Ernst lag auf diesem Gesicht und kontrastierte seltsam mit der roten Blüte ihres Mundes , der sehr klein war , dessen Oberlippe fast herzförmig schien , und einen tiefen Schatten , eine Art Furche , in ihrer Mitte barg . In diese kleine Grube , inmitten der geschweiften Oberlippe , - » in der der Amor nistet « , wie Herr Reisenleitner festgestellt hatte , - hatte er sich seinerzeit verliebt ... Sie sah zugleich ernst und klug und dabei pikant und sonnig aus , mit ihren flimmernden , braunen Augen und dem hellbraunen Haar mit seinen goldenen Reflexen , das sich in zarten Löckchen an diese gerade , hohe Stirn schloß und am Wirbel in einen bescheidenen Knoten geschlungen war . Was ihr den Ausdruck besonderer Frische gab , das war das Aufwärtsstreben aller Linien der unteren Gesichtspartie . Die Mundwinkel und die Wangenmuskulatur schienen leicht gehoben , als ob sie die Schläfen und die Augenwinkel suchten , die sich ihnen zusenkten , während sich die Nase , die mit der Stirn mehr als zwei Drittel des Gesichtes in Anspruch nahm , - fein und steil abwärts streckte . Von ihrem Ende bis zu dem kräftig umrissenen Kinn konnte man eine gerade Linie ziehen , die der zurücktretende Kiefer , trotz der Üppigkeit jener herzförmigen Oberlippe , auch nicht annähernd berührte . - Das Beisammensein der beiden Frauen war heute von besonderer Wärme getragen , - Olgas Scheiden half ihnen , ihre bisher fast uneingestandene , fein verdeckte Gefährtenschaft zu klarerem Gefühl zu bringen . Als sie im dämmerigen , traulichen Zimmer beim Tee saßen , erzählte Eva , daß sie nun , nach nur einjähriger Vorbereitung , eine Staatsprüfung als französische Lehrerin abgelegt habe . Da französisch ihre eigentliche Muttersprache war , - zumindest die viel gehörte Sprache der Mutter , - so hatte die kurze Vorbereitung genügt . Von jetzt ab würde sie sich eifrig mit der Pflege skandinavischer Sprachen befassen . Olga ahnte , daß dieses systematische Vorgehen einen Zweck haben müßte , und sie fragte danach . Eva sah mit ihren braunen Augen ernst vor sich hin . und die Goldpünktchen hörten auf , darin zu tanzen . » Es ist möglich , daß ich einmal mich und mein Kind erhalten muß . « Das Wort , das an das Geheimnis ihrer Ehe rührte , war gefallen . Olga fragte nicht weiter , sie wußte , die Stunde , in der die Freundin sprechen wollte , war da . Und mit ihrer dunkel gefärbten , unsagbar wohllautenden Stimme , von der einmal Professor Diamant gesagt hatte , wenn Mutter Natur sprechen könnte , so würde sie so sprechen , - berichtete Eva , wo und wie ihr Schifflein festlag , wie gefährlich es aufgefahren war . Diese Ehe war bereut worden , und nicht nur auf einer Seite . Eva hatte sich , ihrem Mann gegenüber , bald vor einer Leere gefunden , die sie nicht unbedingt erwartet hatte ; sie hatte vermutet , daß , weil die Bahnen , in denen sich das geistige Leben ihres Mannes bewegte , einfache waren , - daß die Fähigkeiten geheimer Gefühlskräfte bei ihm desto stärker sein müßten . Vincenz aber hatte die Rolle verborgener Herzensbiederkeit , in welcher er zuerst werbend vor ihr aufgetreten war , nicht lange gespielt . Das ihm nicht ganz verständliche Wesen seiner Frau war ihm bald nicht mehr » riesig interessant « , sondern eher unbequem . Nach und nach konnte er seine Reue über die unüberlegte » Liebesheirat « , die er , als Geschäftsmann , sich » nicht hätte leisten dürfen « , schlecht verhehlen . Er klagte über den Mangel einer soliden , metallenen Basis , an dem diese Heirat litte , und machte sich Vorwürfe , die » nie wiederkehrende Gelegenheit « , sich eine solche gut gemünzte Fundierung zu verschaffen , verpaßt zu haben . - » No ja , - wann der Amor schießt , rutscht der Verstand in die entern Gründ ' ! « erklärte er sich selbst