Ich begriff , daß sie es nicht aufgeben würde , ich kann nicht sagen , wie ich wieder hinaufkam . Ich saß ganz tief im Sessel , die Zähne schlugen mir aufeinander , und ich hatte so wenig Blut im Gesicht , daß mir schien , es wäre kein Blau mehr in meinen Augen . Mademoiselle - , wollte ich sagen und konnte es nicht , aber da erschrak sie von selbst , sie warf ihr Buch hin und kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen ; ich glaube , daß sie mich rüttelte . Aber ich war ganz bei Bewußtsein . Ich schluckte ein paarmal ; denn nun wollte ich es erzählen . Aber wie ? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen , aber es war nicht auszudrücken , so daß es einer begriff . Gab es Worte für dieses Ereignis , so war ich zu klein , welche zu finden . Und plötzlich ergriff mich die Angst , sie könnten doch , über mein Alter hinaus , auf einmal da sein , diese Worte , und es schien mir fürchterlicher als alles , sie dann sagen zu müssen . Das Wirkliche da unten noch einmal durchzumachen , anders , abgewandelt , von Anfang an ; zu hören , wie ich es zugebe , dazu hatte ich keine Kraft mehr . Es ist natürlich Einbildung , wenn ich nun behaupte , ich hätte in jener Zeit schon gefühlt , daß da etwas in mein Leben gekommen sei , geradeaus in meines , womit ich allein würde herumgehen müssen , immer und immer . Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen und irgendwie ungenau voraussehen , daß so das Leben sein würde : voll lauter besonderer Dinge , die nur für Einen gemeint sind und die sich nicht sagen lassen . Sicher ist , daß sich nach und nach ein trauriger und schwerer Stolz in mir erhob . Ich stellte mir vor , wie man herumgehen würde , voll von Innerem und schweigsam . Ich empfand eine ungestüme Sympathie für die Erwachsenen ; ich bewunderte sie , und ich nahm mir vor , ihnen zu sagen , daß ich sie bewunderte . Ich nahm mir vor , es Mademoiselle zu sagen bei der nächsten Gelegenheit . Und dann kam eine von diesen Krankheiten , die darauf ausgingen , mir zu beweisen , daß dies nicht das erste eigene Erlebnis war . Das Fieber wühlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen , Bilder , Tatsachen heraus , von denen ich nicht gewußt hatte ; ich lag da , überhäuft mit mir , und wartete auf den Augenblick , da mir befohlen würde , dies alles wieder in mich hineinzuschichten , ordentlich , der Reihe nach . Ich begann , aber es wuchs mir unter den Händen , es sträubte sich , es war viel zu viel . Dann packte mich die Wut , und ich warf alles in Haufen in mich hinein und preßte es zusammen ; aber ich ging nicht wieder darüber zu . Und da schrie ich , halb offen wie ich war , schrie ich und schrie . Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir , so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die Hände , und eine Kerze war da , und ihre großen Schatten rührten sich hinter ihnen . Und mein Vater befahl mir , zu sagen , was es gäbe . Es war ein freundlicher , gedämpfter Befehl , aber ein Befehl war es immerhin . Und er wurde ungeduldig , wenn ich nicht antwortete . Maman kam nie in der Nacht - , oder doch , einmal kam sie . Ich hatte geschrieen und geschrieen , und Mademoiselle war gekommen und Sieversen , die Haushälterin , und Georg , der Kutscher ; aber das hatte nichts genutzt . Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt , die auf einem großen Balle waren , ich glaube beim Kronprinzen . Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den Hof , und ich wurde still , saß und sah nach der Tür . Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern , und Maman kam herein in der großen Hofrobe , die sie gar nicht in acht nahm , und lief beinah und ließ ihren weißen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloßen Arme . Und ich befühlte , erstaunt und entzückt wie nie , ihr Haar und ihr kleines , gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern , die nach Blumen dufteten . Und wir blieben so und weinten zärtlich und küßten uns , bis wir fühlten , daß der Vater da war und daß wir uns trennen mußten . » Er hat hohes Fieber « , hörte ich Maman schüchtern sagen , und der Vater griff nach meiner Hand und zählte den Puls . Er war in der Jägermeisteruniform mit dem schönen , breiten , gewässerten blauen Band des Elefanten . » Was für ein Unsinn , uns zu rufen « , sagte er ins Zimmer hinein , ohne mich anzusehen . Sie hatten versprochen , zurückzukehren , wenn es nichts Ernstliches wäre . Und Ernstliches war es ja nichts . Auf meiner Decke aber fand ich Mamans Tanzkarte und weiße Kamelien , die ich noch nie gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte , als ich merkte , wie kühl sie waren . Aber was lang war , das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten . Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf , und wenn man erwachte und meinte , nun wäre es wieder früh , so war es Nachmittag und blieb Nachmittag und hörte nicht auf Nachmittag zu sein . Da lag man so in dem aufgeräumten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den Gelenken und war viel zu müde , um sich irgend