der Frühling kam , lebte Einhart ein sehr zerfahrenes Leben , blieb die Nächte außer Hause und kam gewöhnlich erst heim , wenn durch sein Dachfenster die blaue Stunde schien . Weder Hunger noch Durst achtete er recht . Die alte Wirtin , wenn sie sah , daß der hagere , zigeunerische Mensch den ganzen Tag , schlafend oder arbeitend , so zwischendurch ein jedes , daheim zubrachte , begriff durchaus nicht , wovon solcher Sonderling lebte . Die Dachwohnungsnachbarn erfuhren das heimlich . So wie es auch nicht verborgen geblieben , daß in Einharts Zimmer Skizzen und Bilder von nackten Frauen reichlich herumlagen und standen . Da fand Einhart von einer Zeit an in seinem Zimmer zunächst stets , wenn er im Morgengrauen heimkehrte , eßbare Dinge . Einen Topf Milch und ein paar Semmeln . Oder Früchte mit einigen Kuchenstücken . Auch einmal eine ganze Wurst und ein neues Brot . Wenn Einhart , vernagt und besinnungslos von seinen Nachtsitzungen heimkam , dachte er mit keinem Wort an jemand , der so etwas ihm könnte bereitet haben . Er aß und trank , dankte ins Ungewisse , schlief und begann den Tag spät , wenn die Sonne schon im hellsten Mittag schwamm , sich mit seinen Visionen neu abzuplagen . Freund Grottfuß war der Sohn einer einsam lebenden , alten Tänzerin , und eine ganz seltsame , feine , helle Person . Sein sehr scharfes , schmales Gesicht hatte immer einen sanften Ernst . Im Lachen konnte das Gesicht altmodisch steif aussehen , weil die Gesichtshaut um die Mundwinkel und Nasenflügel sich dabei zu spannen schien , und kaum eine rechte Verziehung zu Stande kam . Etwas Verhaltenes nur , daß man an ihm in solchen Momenten fühlte , wie spitz die Seelenbewegung ihn durchfuhr . Wozu man die Augen sehen mußte , die blau waren , und dann groß glänzten , obwohl nur die Fülle Glanz sie so scheinen machte , die Augenlider wie bei allem Lachen sich sanft zusammenschoben . Wenn Grottfuß , auch verächtlich gestimmt , und meist sehr geärgert , weil Einhart alle seine Leinwanden hinter Bettstatt und Vorhang vergraben , sobald er Grottfuß ' Tritte auf der Bodenstiege erhört hatte , bei Einhart saß , kamen sie jetzt gewöhnlich auf Naturnachahmung zu reden . » Natur , « sagte dann Grottfuß in allerlei Wiederholungen , » ich begreife nicht , wohin solches Nachahmen führen soll ? Natur ! Jede beliebige Beigabe ist immer noch besser , als die natürliche Langeweile ! Man sieht es ja . Sie möchten auch alle die Beigabe ! « Man regt » Symbole « . Man hüllt ins » Märchenhafte « ein . Oder macht einen » Hinblick auf das Leben « . Aber » Mitleiden « , » Herr Jesus ! Kunst und so ein Hinweis ! « sagte er dann gewichtig : » als ob nicht Kunst immer eine Festfreude aus der großen Seele sein müßte ! « sagte er wie ein Könner . Einhart war dieses Gerede jetzt durchaus zuwider . Und weil es sein innerstes Evangelium war , was der andere rein als Wort und Phrase jeden Augenblick neu vortrug , nannte er Grottfuß ins Blaue hinein einen verrückten Menschen . » Ich würde durchaus zufrieden sein , « sagte dann Einhart lächelnd , » auch nur die Nase eines Menschen so malen zu können , wie sie Seelenhaftes zum Ausdruck bringt . « Er dachte an Dorothea . Er hatte auch Dorotheas Nase genannt und geschildert , wie ihre feinen , pfirsichweichen Nasenflügel bebten und zuckten , und daß man allein aus diesem Leben der Nasenflügel ohne Symbolik und Märchen und Mitleiden sein Wunder sehen und malen könnte . » Deine ganze Kunsttheorie ist einfach Verliebtheit , « rief dann Grottfuß gewöhnlich , » und du wirst auch deinen anmaßlichen Traum auf der Erde endigen , wie wir alle . « Weil Grottfuß wie Einhart in Dorothea verliebt war . Auch im Restaurant saßen sie so und stritten sich . Und manchmal schon hatte Grottfuß oder Einhart , wer dann zuerst den Augenblick für gekommen hielt , das Lokal im Hohn oder stummen Widerstreit verlassen . Aber wenn Einhart es gewesen , kam er gewöhnlich nach zwei Minuten wieder . Und in einer Nacht , als er Grottfuß nicht mehr vorfand , war er allein an seinem Tische sitzen geblieben , bis sich das Restaurant völlig leerte . Da hatte er Dorotheas Arm ergriffen , und die beiden waren durch die Nachtstraßen lustig in seine Wohnung geschwenkt . Seltsam erregtes Ereignis in Einhart zum ersten Male . Leise schließend war er mit Dorothea ins dunkle Haus eingetreten , worein nur der Lichtschein durchs Stirnfenster der Haustür fiel . Einhart war zum ersten Male heimlich gestochen von der Glut . Er konnte vor Erregung nicht reden . Dorothea war stumm und hingebend . Er hatte ein Wachslicht zum Brennen gebracht . Man sah die grauen Stufen , die man hinaufschlich . Und war bald unter seine Leinwanden und zwischen Bettstatt und Sofa und Staffelei eingetreten . Dorothea hatte sich gleich zurecht gefunden , als Einhart die kleine Lampe entzündete . Liebliche , blonde , flaumige Junge noch immer , saß sie im Scheine auf seinem Sofa , indem sie sich lächelnd umsah , immer Einhart ins Auge sehend , indes sie ihn streichelte , und seinen Kopf herzuzog . Aber sie stand auch wieder auf und besah sich die Skizzen an der Wand , trug die Lampe selber herzu und hielt den Schein auf die Bilder . » Solche unanständige Sachen machst du , kleiner Verliebter , « sagte sie plötzlich lüstern und pfiffig . Einhart sah sie an , wie sie herumging , gleichgültig ihr aufgebundenes Goldhaar hinter sich fallen ließ , und dann die Knöpfe des Kleides aufzunesteln versuchte . Er sah jetzt auch , daß Dorothea mit übermüdeten Augen auf die Bilder blinzelte , welk und herzlos . » O du ! Solche tolle Sachen machst du . Also du bist