, trat zu dem Kranken , der zuweilen noch gehen konnte , gewöhnlich aber in einer eisernen Bettstelle lag , in die er im Krankensaal gelegt worden , indem man ihn aus seinem eigenen Bette für die Dauer der Untersuchung heraushob . Diese Umbettung war dem Kranken immer eine Belästigung und verursachte ihm häufig große Schmerzen , aber schlimmer noch war die Angst , vor dem ganzen Auditorium mit seinen Schmerzen , seinen Wunden , seiner hilflosen Blöße ausgestellt zu werden . Diese im Hörsaal und im Operationssaal den Studierenden preisgegebenen Kranken waren stets Kranke der dritten Klasse , das heißt solche , die wenig bezahlten , weil sie arm waren , und solche , die so arm waren , daß sie nichts zahlen konnten , sondern daß die Stadt- oder Dorfgemeinde , der sie angehörten , für sie zahlen mußte . Die ausgezeichneten Spitäler mit den vervollkommneten Einrichtungen waren nämlich , genau betrachtet , weniger Wohlfahrtseinrichtungen , als die sie im allgemeinen hingestellt werden , denn Schulen zum Unterricht der Studierenden , in denen man übte , wie andere , zahlungsfähige Kranke zu behandeln und zu kurieren seien . Die Entblößung des mittellosen Kranken vor einer großen Schar Studierender , die Vernichtung seines Schamgefühls , wurde hier als keine Vernichtung oder kein Eingriff in die Menschenwürde angesehen , da man bei der dritten Klasse Schamgefühl überhaupt nicht voraussetzte . Diese Annahme einer durchgehenden Verschiedenheit der Empfindung von Besitzlosen und Besitzenden war ein in jeder Beziehung unschätzbares Hilfsmittel für die Professoren wie für die Studierenden . War es ihnen gelungen , durch fortgesetzte Verletzung des Schamgefühls bei einem Menschen dasselbe zu vernichten und ihn wirklich schamlos zu machen , dann exemplifizierten sie sofort mit Genugtuung an diesem » Fall « und wiesen nach , daß der Besitzlose überhaupt kein Schamgefühl habe . Gewissenhafte gingen bei diesen Behauptungen gern zurück auf die sozialen Schäden , vor allem auf die Wohnungsnot , die viele Personen verschiedenen Geschlechts in einen Raum oft zusammenpferche und keine Entwicklung des Schamgefühls aufkommen lasse . Aber auch diese Gewissenhaften verschmähten es nicht , aus den traurigen Tatsachen die äußersten , für sie bequmen und beruhigenden Schlußfolgerungen zu ziehen . Der Praktikant , das heißt jener der Studierenden , an den gerade die Reihe war , das bisher theoretisch erworbene Wissen jetzt vor dem wirklichen » Fall « , das heißt dem Kranken , zu erproben , zu betätigen , zu vervollkommnen , begann darauf dem vor ihm ausgestreckten Leidenden eine Reihe auswendig gelernter Fragen zu stellen , die der Kranke schon sehr oft gehört und beantwortet hatte , die ihn daher langweilten , quälten und erbitterten , und von denen er wußte oder doch ahnte , daß sie weder aus Teilnahme noch aus Hilfsbereitschaft für seine Person gestellt wurden , sondern einfach darum , weil der medizinische Kurs in dem und dem Semester dem Studierenden diese Frageübungen vorschrieb . Der Praktikant zeigte dabei meistens jene komische Wichtigkeit , mit der beim » Schulespielen « der Kinder die Rolle des Lehrers dargestellt wird , von einem anmaßenden Knirps in kurzen Höschen , der seine Kleinkinderstimme zu kreischenden Kommandos erhebt . Die schielende Furcht des Praktikanten vor dem Professor , der jedes seiner Worte kritisch verfolgte , die Angst , sich vor den spottsüchtigen Kommilitonen zu blamieren , erhöhte noch den Eindruck des Kindlich-Komischen . Komisch war ferner die unverhüllte Mühe des Praktikanten , genau den Professor zu kopieren , in dessen Kolleg er sich gerade befand . Derselbe Student war nacheinander : kurz angebunden , mildtröstend , cynisch , rücksichtsvoll , Gott aus den Wolken , brutal , humoristisch - ganz wie der jedesmalige Professor . Bei den weiblichen Studierenden bemerkte Josefine von dieser geschmeidigen Anpassungsfähigkeit nichts ; sie schienen ihr alle bestimmteren Charakters als die männlichen ; dem brutalen Cynismus waren die Studentinnen sämtlich abgeneigt , doch zeigten auch sie schon viel Anlage , den Gott aus den Wolken zu spielen , wenngleich die milde Rücksichtnahme bei weitem überwog . Josefine sah unter den Studentinnen ausgezeichnete Kräfte , eine Vereinigung von Intelligenz , Güte und Leistungsfähigkeit , die sie mit Bewunderung , mit Genugtuung erfüllte . Josefine stand freundlich zu ihnen allen , aber an einem Punkt schieden sich stets ihre Wege : diese Medizinerinnen konnten oder wollten nie über ihren Beruf hinaussehen , sie schoben alles Grübeln als unfruchtbar weit von sich und suchten ihr Ziel auf möglichst schnellem Wege zu erreichen . Dann wollten sie ihren leidenden Geschlechtsgenossinnen nach Kräften in allen Leibesnöten beistehen und sich selbst eine geachtete Stellung in der Gesellschaft erwerben . Eine gute Praxis , eine womöglich leitende Stelle an einem öffentlichen Spital war ihr angenehmster Traum . Josefine aber grübelte und litt . Auch sie war zu diesem Studium gekommen , um eine geachtete Stellung in der Gesellschaft , dazu Brot für ihre Kinder und ihren unglücklichen Mann zu erwerben . Immer hatte sie gemeint , daß die Tätigkeit des Arztes die edelste , idealste sei , und mit Freuden hatte sie ihr zu dienen gehofft . Die ersten Jahre ihres Studiums waren in glücklicher Täuschung verflossen , ihre heiße Arbeit schien so planvoll , so unbestechlich , so ehrlich und erfolgverheißend . Und nun , in den Kliniken , brachte ihr jeder Tag eine neue , furchtbare Erleuchtung . Um Gottes willen , was tun wir ? Wo ist unsere Hilfe ? Wo ist unsere Überlegung ? Wo ist unsere Vernunft ? Josefine fragte , und die Antwort hieß : Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Keine Hilfe sah sie . Keine Überlegung herrschte . Dumpf und vernunftlos , in unentwirrbaren Knäueln , wand sich vor ihr das blutende Leben . Frevel ! Jammer ! Unsinn ! Die Gespenster umtanzten sie den ganzen Tag , die ganze Nacht . Sie hielten sich bei den Schattenhänden , sie konnten sich in eine Gestalt verschmelzen , die eine konnte sich in die andere verwandeln , der Frevel ward zum Unsinn , der Unsinn zum Frevel . Die organisierte Gewalt der Brutalen