kicherte . » Wo ist denn Agathon ? « fragte der Knabe , ein lockiger Pausback von fünf Jahren . Frau Jettes Mund verzog sich ärgerlich . » Red nicht , wenn dus Mund voll hast ! « schrie sie . Wie alle Frauen , die von ihren Kindern tyrannisiert werden , suchte sie durch grundlose Heftigkeit ihre Schwäche zu bemänteln . Enoch Pohl kam mit müd-tappenden Schritten herein , pustete sein Laternchen aus und stellte es in den Eckschrank , der zugleich als Waschbehälter diente , wusch sich die Hände und sprach das übliche Gebet . Niemand beachtete ihn . Da er den Tisch besetzt fand , ließ er sich in die Ecke des Ledersofas fallen , seufzte und sah mit glanzlosen Augen in das Ofenloch , aus dem der purpurne Feuerschein zitterte . » Warum singt denn der Mann immer , Großpapa ? « fragte der Pausbäckige . Enoch murrte und schüttelte den Kopf . » Was singt er denn , Großpapa ? « - » Sei still ! « schrie Frau Jette wieder und klopfte mit der Faust auf den Tisch , daß alles klapperte . » Spinn ' , spinne Töchterlein , singt er , « flüsterte dem Pausbäckigen schüchtern die ältere Schwester Mirjam zu , ein Kind von großer Schönheit . Plötzlich sprang Enoch auf , ergriff mit einem Satz das Kätzchen bei seinem aufgerichteten Schwanz , öffnete die Tür und warf das quietschende Geschöpf an die gegenüberliegende Flurwand . Da trat Elkan Geyer auf die Schwelle und warf dem Alten einen schmerzlichen Blick zu . Eine Fensterscheibe klirrte leise . Aller Blicke wandten sich hin . Mirjam stieß einen Schrei aus , Frau Jette blieb der Bissen im Mund stecken . » Sürich Sperling , « murmelte Enoch . In der Tat war es das rote Gesicht des Wirts , das zu einer breiten Fratze verzerrt , augenlos und mit plattgedrückter Nase hereinstierte . Elkan Geyer wurde totenbleich und machte einen Schritt gegen das Fenster , doch da war Sürich Sperling schon wieder verschwunden . Mirjam lief dem Vater in die Arme , der das Kind aufhob und es küßte . Enoch rückte sich in seinem Sofawinkel zurecht , um geduldig zu warten , bis am Tisch ein Platz für ihn frei würde . » Wo ist Agathon ? « fragte jetzt auch Frau Jette und blickte ihren Mann forschend an . Elkan Geyer sah sich erstaunt um , stellte das Kind auf die Erde , und ein Schatten von Besorgnis ging über seine Stirn . Er öffnete die Tür und rief Agathons Namen in den Flur ; keine Antwort . Frau Jette wollte hinausgehen , aber Elkan hielt sie zurück , schlug die Tür zu und setzte sich an den Tisch , um zu essen . Er machte ein verdrießliches Gesicht , als vor dem Haus Lärm ertönte und gleich darauf die Rosenaus Mädchen hereinstürmten , die sich stets aus irgend einem Grunde atemlos und erhitzt gebärdeten . Ihnen folgte ihr Bruder Isidor : würdig , ernst , gemessen . Er trug einen steifen englischen Hut , Krawatten nach der neuesten Mode , umgestülpte Hosen und hellgelbe kotbedeckte Schuhe . Seine Finger waren mit Ringen bedeckt und seine Uhrkette war schwer von goldenem Behängsel . Er hatte etwas Impertinentes in seinem Wesen wie ein Mensch , dem nichts in der Welt mehr neu ist ; er ging in der Stadt am liebsten dorthin , wo man ihn nicht kannte , und nichts beglückte ihn mehr , als wenn man ihn für einen Christen hielt . Klara Rosenau berichtete hastig die neueste Neuigkeit : ein junger Mann wohne seit gestern im Dorf mit der Absicht , über den Kauf der Ziegelei zu verhandeln . Er sei sehr schön und heiße Stefan Gudstikker , doch niemand wisse , was es sonst für eine Bewandtnis mit ihm habe . Bei der Nennung des Namens begann Frau Jette zu zittern , lehnte sich kraftlos zurück und schloß die Augen . Elkan Geyer und Isidor standen beim Ofen und flüsterten miteinander . Der schwächliche und furchtsame Elkan schien von wilder Beredsamkeit ergriffen , aber Isidor zuckte fortwährend die Achseln , und sein Gesicht wurde grausam und kalt . » Und wenn er mir das Haus wegnimmt und das letzte Stück Brot , was soll ich tun ? « jammerte Elkan , » wer wird helfen ? « Isidor nickte mit schaler Teilnahme und klimperte mit den Talern in seiner Tasche . Und Elkan Geyer fuhr fort : » Der Sürich ist nicht wie Gläubiger sonst , das muß man nicht glauben . Es ist ein eigner Geist in ihm . Er kommt herein und in seinen Augen funkelts vor Haß . Er kommt herein , streckt seinen Hals , lacht , knipst mit den Fingern , er ist unheimlich , jawohl , aber er hat etwas Edles an sich wie ein Löwe . Man müßte einmal von Herzen mit ihm sprechen , vielleicht will er gar nicht das Böse . « Die Frauen und die Kinder unterhielten sich abseits . Nur Enoch blickte starr auf die beiden Männer und sein gelbes Gesicht mit dem struppigen Bartrand schien versteinert . Er grämte sich , daß man ihm nichts zu essen gab und weil alle seiner vergaßen wie eines abgebrauchten Hausrats . » Sie lauern auf meinen Tod , « dachte er , » aber ich werde noch lange nicht sterben . « Das Kätzchen miaute vor der Tür . Er hörte es nicht ; in dunklen Bildern stieg Vergangenes herauf und mischte sich mit Bildern der Gegenwart . » Ach ja , euern Agathon hab ich gesehen ! « rief plötzlich Helene Rosenau . Und sie schilderte nun einen sonderbaren Auftritt , dessen Zeugin sie gewesen und der die Zuhörer mit stummer Erregung erfüllte . Da sie merkte , daß das Vorgefallene am Ende wichtiger war als sie geahnt , suchte sie durch theatralisches Gebaren ihr langes Schweigen vergessen zu machen . Sürich Sperling war vor seinem Haus am