seinen Lippen ! In solchen Momenten hatte sie auch Empfindung und Verständnis für seine geistige Bedeutenheit , in der er die andern Männer ihres Kreises um Haupteslänge zu überragen schien . Mit einziger Ausnahme Elimars ! Aber Elimar war ihr stets inkommensurabel und ein Gegenstand geheimer Furcht gewesen in dem unerschütterlichen Gleichmaß seines Temperaments und der krystallenen Klarheit seines Denkens . So hatte sie auch damals seiner stillen Werbung keinerlei Vorschub geleistet und wunderte sich jetzt auch nicht mehr darüber , daß er ihre unbedeutende Cousine geheiratet hatte . Von seiner Höhe aus gesehen , welch großer Unterschied konnte da zwischen den Weibern sein ! Aber die Menge der Übrigen ! dieser Herdentiere , die sich zum Verwechseln ähnlich sahen ; alle dieselben Manieren hatten ! dieselben abgebrauchten Phrasen gedankenlos herunterplapperten ! und von denen keiner einen Schritt wagte , es wäre denn irgend ein Leithammel vorausgesprungen , worauf sie sämtlich in stupider Hast nach derselben Seite drängten ! Selbst Fernau , den sie in letzter Zeit ziemlich stark bevorzugt hatte , weil er unter diesen Nullen noch der einzige Zähler schien , wie weit blieb er hinter Albrecht Winter zurück ! Sie hatte seine » Reisebriefe « wieder hervorgesucht . In ihren Kreisen galt das Buch als ein Wunder von Geschmack , Geist und Witz ; ihr selbst war es noch vor einem Jahr so erschienen . Wo aber hatte sie dann ihre Augen , ihren Verstand gehabt ! Wie trocken , trival , hausbacken war dies alles ! Und wenn der Mann sich einmal zu etwas aufschwingen wollte , was er vermutlich für poetisch hielt , - wie mußte er sich recken und strecken , wütend die Flanken peitschen , und wie kläglich war das Resultat ! Albrecht Winter ! Wie leicht und anmutig floß die Rede von seinen Lippen ! wie hatte er für alles den rechten , den treffenden Ausdruck , ohne daß er jemals danach zu suchen brauchte ! Und sie hatte doch auch ihre Mädchenträume gehabt und ihren Geibel , ihren Heine mit Herzklopfen in holden Stunden gelesen , die längst verklungen waren ! Und jetzt wieder herangeschwebt kamen , wenn sie nur den Ton seiner Stimme hörte und in seine Augen blickte , die verklärt schienen von dem Licht , das ihr Leben einmal ahnungsvoll gestreift hatte ! Ein schöner Traum , der kam , sobald er in die Thür trat , und gegangen war , wenn sie sich hinter ihm schloß . Dann war sie wieder , die sie gewesen : die Weltdame , » die sich mit ihrem faible für den Schulmeister einfach ridikül vorkam . « Und sich weiter so vorkommen würde , wollte sie das Leben nicht nehmen , leicht , wie alle Welt um sie herum es nahm . Man brauchte ja deshalb nicht die Kappe über die Dächer zu werfen ! Hatte sie es denn je gethan ? Daß sie ihren Mann nicht liebte , dafür konnte sie doch nichts . Wenn man mit neunzehn Jahren heiratet aus Ärger , daß einem die einzig wünschenswerte Partie entgangen ist , man sie sich in seiner Dummheit hat entgehen lassen - mein Gott , der Ärger macht blind ! Und so ganz vorbeigegriffen hatte sie in ihrer Blindheit doch auch nicht . Viktor war nicht schlechter und nicht besser , als die übrigen . Eher noch ein bißchen besser . Jedenfalls hatte er sich die Hörner vorher abgelaufen - was man nicht von allen sagen konnte - und wenn er ein wütender Aktentiger und rücksichtsloser Streber war , so trug das zu seiner Unterhaltsamkeit nicht gerade bei , aber es waren doch die rechten Eigenschaften für den Sohn eines armen Generals a.D. , welcher die Tochter eines Gutsbesitzers geheiratet hatte , der beständig erklärte , nicht zu wissen , wie er sich , Frau und sechs Kinder weiter so durch die Welt bringen sollte . Nein ! sie hatte die Kappe nicht über die Dächer geworfen . Flirtations ! Nun ja ! Wer unter den ihr bekannten Damen hätte denn keine gehabt ? Auch sie , die keineswegs jung und nichts weniger als schön waren ! Und bei denen es nicht einmal immer mit der Flirtation als abgethan galt in den Augen derer , die es besser wußten ! Konnte in diesem Kreise mit der wunderbaren Akustik und seinen hundert gierigen Späheraugen jemand gegen sie auftreten und ihr nachsagen , sie sei zu weit gegangen ? War in dem Techtelmechtel mit Fernau einer zu weit gegangen , so war es Fernau , nicht sie . Hatte Viktor an dem Manne einen Narren gefressen , schien er ohne ihn nicht mehr leben zu können und riß alle Thüren seines Hauses geschäftig für ihn auf - sollte sie ihm den Staar stechen ! Er sah doch sonst , wenn man ihm glaubte , durch die dicksten Wände und hörte das Gras wachsen ! Und hatte sie nicht ein Übriges gethan und Fernau zu verstehen gegeben , daß sie seine Avancen kompromittierend fände für eine ehrbare Frau , und er sich in Zukunft eines gesetzteren Vertragens befleißigen möge ? Vielleicht war das eine Dummheit gewesen . Ist es doch vielmehr ein Gebot der Klugheit , die alten Liebhaber nicht vor den Kopf zu stoßen , will man sich des neuen in Sicherheit erfreuen . Und es bedurfte keines besonderen Scharfblicks , um zu sehen , daß Fernau vor Eifersucht auf den Professor beinahe toll war . Trotzdem sie sich doch wahrlich von Anfang an die erdenklichste Mühe gegeben hatte und bis zu diesem Augenblicke gab , ihre närrische Leidenschaft für den Schulmeister vor aller Welt zu verbergen . Aber freilich , Leidenschaft versteht sich auf Leidenschaft , kennt all ihre Winkelzüge und Schleichwege , ihren Augenaufschlag , den leisesten Ton ihrer Stimme . Es war kein Zweifel : Fernau hatte mehr gehört und gesehen , als er hätte hören und sehen dürfen . Und er war Viktors Intimus ! Hier mußte einer drohenden Gefahr kühn die Spitze abgebrochen werden . So fragte