wurde ich herausgeschleudert und mußte , weil ich , etwas verletzt , nicht gehen konnte , hierher zurückgetragen werden . Wir erwarten in ein paar Stunden den Arzt aus Krummhübel . Das ist das nächste große Dorf . Ängstigt Euch nicht . Auf Hörnerschlittenfahrten aber laß ich mich nicht wieder ein . Mein Retter war ein junger Assessor ( adlig ) und schon verlobt . Wie immer Deine Sophie Schloß Adamsdorf , 25. Januar Zwei Telegramme des guten Onkels werden Dich über mein Befinden beruhigt haben . Von Gefahr keine Rede mehr ; Oberschenkelbruch ; in vier Wochen , spätestens in sechs , kann ich wieder tanzen . Der Arzt ist vorzüglich und sehr dezent ; Sohn eines Webers hier aus der Nähe ( Notiz für Therese ) . Meine Rettung , wie ich Dir , glaub ich , schon schrieb , verdanke ich allein dem Assessor ; er ist natürlich Reserveleutnant und will , wenn es zum Kriege kommt , dabeibleiben . Akten sind ihm zuwider , was der Amtsgerichtsrat , sein Vorgesetzter , lächelnd bestätigt . Daß ich so viele Wochen ruhig liegen muß , würde mir hart ankommen , wenn mir der Doktor nicht freie Bewegung meiner Arme gestattet hätte . Die Tante ließ mir denn auch sofort eine Stellage herrichten , so daß ich ohne Mühe schreiben und zeichnen kann . Ich mache davon den reichlichsten Gebrauch und fertige Skizzen über Skizzen . Und da ist es denn auch wohl an der Zeit , Dir , meine gute Alte , von dem neuen Plan zu erzählen , hinsichtlich dessen ich schon vor ein paar Wochen , bald nach meinem Eintreffen hier , einige kurze Andeutungen machte . Statt mit dem Malen von Wappentellern bin ich nämlich , höre und staune , mit Ausmalung unsrer protestantischen Kirche ( das Dorf hat , wie fast überall hier , auch eine katholische ) betraut worden , und zwar sollen in all die tiefer liegenden Felder , die sich um die Kirchenempore herumziehen , auf Holz gemalte biblische Bilder eingelassen werden , jedes etwa von der Größe eines zusammengeklappten Spieltisches . Eine freilich etwas sonderbare Maß- und Größenangabe , wenn ich bedenke , daß es sich um eine Kirche handelt . Natürlich wird es nichts großartig Kunstmäßiges werden , dafür ist gesorgt , aber doch auch nichts Schlechtes , und , was mich am meisten beglückt , ich werde die Aufgabe ganz neu zu lösen trachten . Also : » Joseph wird nach Ägypten hin verkauft « , » Judith und Holofernes « , » Simson und Delila « - all dergleichen denk ich fallenzulassen und dafür das zu nehmen , worin das Landschaftliche vorherrscht . Meine Bemühungen gehen mithin zunächst dahin , in der Bibel nach Stoffen mit guter Szenerie zu suchen und solche , wenn ich sie gefunden , in wenig Strichen hinzuwerfen , so gut es in meiner gegenwärtigen Lage geht . Aus der Länge meines Briefes siehst Du , daß es mir trotz alledem und alledem sehr gut ergeht . Manon wird dies vielleicht bestreiten und sich darauf berufen , daß man , weil man Briefe vorläufig noch mit der Hand schreibe , keine Schlußfolgerungen daraus auf das Wohlbefinden des Fußes ziehen dürfe . Das ist aber falsch . Wenn man einen kranken großen Zehen hat , d.h. wirklich krank , so kann man ebensowenig schreiben , wie wenn es ein kranker Daumen wäre . Laß mich recht ausführlich hören , wie ' s Euch geht . Auch Friederike soll mir schreiben ; Dienstbotenbriefe sind immer so reizend , so ganz anders wie die der Gebildeten . Die Gebildeten schreiben schlechter , weil weniger natürlich ; wenigstens oft . Das Herz bleibt doch die Hauptsache . Nicht wahr , meine liebe gute Alte ? ! Du weißt das am besten . Und Therese soll mir eine Beschreibung von der Soiree bei Bronsarts machen und ob lebende Bilder gestellt wurden und welche . Und Manon soll mir von Bartensteins schreiben und dem Ball und ob sie mitgetanzt hat und mit wem . Und welche Toilette sie hatte . Manon versteht es , aus ein bißchen Tüll und einem Rosaband ein Feenkostüm zu machen . Und nun lebe wohl . Die Tante will noch ein paar Zeilen ( vielleicht einen Krankenbericht ) mit beilegen . Wie immer Deine Dich herzlich liebende Sophie Elftes Kapitel Während der Wochen , wo diese Korrespondenz zwischen Berlin und Schloß Adamsdorf ging , ging auch ein Briefwechsel zwischen Berlin und Thorn . Leo begann mit einer Karte an Manon , die , nachdem sie geschrieben , wohlweislich noch in ein Couvert gesteckt worden war . Thorn , 8. Januar Seit drei Tagen wieder da . Kopernikus steht noch . Im ganzen Neste riecht es nach Bierfisch , was übrigens nicht ganz richtig ist , denn sie kochen hier die Karpfen mit Pfefferkuchen und Ungarwein . In diesen Stücken sind wir Euch überlegen ; freilich geht man etwas mißbräuchlich damit vor . - Wendelin empfing mich am Bahnhof , furchtbar artig , aber doch auch sehr gnädig . Er übertreibt es ; Gönnermiene , ganz Generalstab . Und er ist es noch nicht mal . Natürlich kommt er dazu . Soviel Tugenden kann sich der Staat nicht entgehen lassen . Verzeih diese Malicen , aber wenn man sich so verschwindend klein fühlt , hat man nichts als Schändlichkeiten , um sich vor sich und andern zu behaupten . Der Wurm krümmt sich . Ich schreibe morgen wieder , vielleicht noch heute , wenn mir das Rekrutenexerzieren nicht den Lebensodem nimmt . » Dobry , dobry « und dazwischen » Schafskopp « . Tausend Grüße . Dein Leo An den Rand der Karte war noch eine Nachschrift gekritzelt . » Eben kommt eine Einladung zu heut abend ; engster Zirkel . Wohin , brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen . Esther übrigens heute früh schon am Fenster gesehen - pompös , ja fast Pomposissima , was mich ein wenig ängstigt . Denn sie