« » Aber ... « » Aber es ist trotzdem dafür gesorgt , auch hier , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen , und neben dem Großen hat das Kleine nicht bloß seine Berechtigung , sondern auch seine Vorzüge . Gewiß , dem Krebse fehlt dies und das , er hat sozusagen nicht das Maß , was , in einem Militärstaate wie Preußen , immerhin etwas bedeutet , aber dem ohnerachtet , auch er darf sagen : ich habe nicht umsonst gelebt . Und wenn er dann , er , der Krebs , in Petersilienbutter geschwenkt , im allerappetitlichsten Reize vor uns hintritt , so hat er Momente wirklicher Überlegenheit , vor allem auch darin , daß sein Bestes nicht eigentlich gegessen , sondern geschlürft , gesogen wird . Und daß gerade das , in der Welt des Genusses , seine besonderen Meriten hat , wer wollte das bestreiten ? Es ist , sozusagen , das natürlich Gegebene . Wir haben da in erster Reihe den Säugling , für den saugen zugleich leben heißt . Aber auch in den höheren Semestern ... « » Laß es gut sein , Schmidt « , unterbrach Distelkamp . » Mir ist nur immer merkwürdig , daß du , neben Homer und sogar neben Schliemann , mit solcher Vorliebe Kochbuchliches behandelst , reine Menufragen , als ob du zu den Bankiers und Geldfürsten gehörtest , von denen ich bis auf weiteres annehme , daß sie gut essen ... « » Mir ganz unzweifelhaft . « » Nun , sieh , Schmidt , diese Herren von der hohen Finanz , darauf möcht ich mich verwetten , sprechen nicht mit halb soviel Lust und Eifer von einer Schildkrötensuppe wie du . « » Das ist richtig , Distelkamp , und sehr natürlich . Sieh , ich habe die Frische , die macht ' s ; auf die Frische kommt es an , in allem . Die Frische gibt einem die Lust , den Eifer , das Interesse , und wo die Frische nicht ist , da ist gar nichts . Das ärmste Leben , das ein Menschenkind führen kann , ist das des petit crevé . Lauter Zappeleien ; nichts dahinter . Hab ich recht , Etienne ? « Dieser , der in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen wurde , nickte zustimmend , und Distelkamp ließ die Streitfrage fallen oder war geschickt genug , ihr eine neue Richtung zu gehen , indem er aus dem allgemein Kulinarischen auf einzelne berühmte kulinarische Persönlichkeiten überlenkte , zunächst auf den Freiherrn von Rumohr und im raschen Anschluß an diesen auf den ihm persönlich befreundet gewesenen Fürsten Pückler-Muskau . Besonders dieser letztere war Distelkamps Schwärmerei . Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen , so werde man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen . Dabei sei er durchaus liebenswürdig gewesen , allerdings etwas launenhaft , eitel und übermütig , aber immer grundgut . Es sei schade , daß solche Figuren ausstürben . Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er speziell von Muskau und Branitz zu erzählen , wo er vordem oft tagelang zu Besuch gewesen war und sich mit der märchenhaften , von » Semilassos Weltfahrten « mit heimgebrachten Abessinierin über Nahes und Fernes unterhalten hatte . Schmidt hörte nichts Lieberes als Erlebnisse der Art , und nun gar von Distelkamp , vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen ungeheuchelten Respekt hatte . Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und verstand außerdem - obwohl geborener Berliner - gut und mit Interesse zuzuhören ; trotzdem tat er heute Fragen über Fragen , die seine volle Zerstreutheit bewiesen . Er war eben mit anderem beschäftigt . So kam elf heran , und mit dem Glockenschlage - ein Satz von Schmidt wurde mitten durchgeschnitten - erhob man sich und trat aus dem Eßzimmer in das Entree , darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher samt Hut und Stock schon in Bereitschaft gelegt waren . Jeder griff nach dem Seinen , und nur Marcell nahm den Oheim einen Augenblick beiseite und sagte : » Onkel , ich spräche gerne noch ein Wort mit dir « , ein Ansinnen , zu dem dieser , jovial und herzlich wie immer , seine volle Zustimmung ausdrückte . Dann , unter Vorantritt der Schmolke , die mit der Linken den messingenen Leuchter über den Kopf hielt , stiegen Distelkamp , Friedeberg und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig schwüle Adlerstraße hinaus . Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und schritt mit ihm auf seine Studierstube zu . » Nun , Marcell , was gibt es ? Rauchen wirst du nicht , du siehst mir viel zu bewölkt aus ; aber verzeih , ich muß mir erst eine Pfeife stopfen . « Und dabei ließ er sich , den Tabakskasten vor sich herschiebend , in eine Sofaecke nieder . » So ! Marcell ... Und nun nimm einen Stuhl und setz dich und schieße los . Was gibt es ? « » Das alte Lied . « » Corinna ? « » Ja . « » Ja , Marcell , nimm mir ' s nicht übel , aber das ist ein schlechter Liebhaber , der immer väterlichen Vorspann braucht , um von der Stelle zu kommen . Du weißt , ich bin dafür . Ihr seid wie geschaffen füreinander . Sie übersieht dich und uns alle ; das Schmidtsche strebt in ihr nicht bloß der Vollendung zu , sondern , ich muß das sagen , trotzdem ich ihr Vater bin , kommt auch ganz nah ans Ziel . Nicht jede Familie kann das ertragen . Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen Ingredienzien zusammen , daß die Vollendung , von der ich spreche , nie bedrücklich wird . Und warum nicht ? Weil die Selbstironie , in der wir , glaube ich , groß sind , immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht . Das