viel zu erwidern , als acht Tage darauf der Advokat kam und ihm das alles mündlich sagte . Der Mann mußte zugeben , daß er sein entlaufenes Weib geschlagen habe , daß sie ihm treu gewesen , daß sie nichts verschwendet und seine Wirtschaft in gutem Stand erhalten . » Gegen die Abneigung Ihrer geschätzten Frau gibt es kein Mittel , Zwang würde nichts nützen « , meinte der Advokat , » und , verzeihen Sie , lieber Mann , Sie dürfen sich bei alldem , was Sie getan haben , gar nicht wundern , wenn sich eine schöne ehrbare Frau von Ihnen lossagt « , schloß der Geschickte mit einem Hinblinzeln über die hilflose , krüppelhafte Gestalt des Kranken und mit einer würdevollen Handbewegung , die sich wie eine Verurteilung ansah . Der Leopold glotzte den Advokaten an , er wunderte sich gar nicht über das Gebaren seiner Frau , er besann sich nur , daß alles , was ihm dieser abgeschliffene und gemessene Herr da sagte , schon in der langen Schrift zu lesen war , und dann - ja - das gute Gedächtnis seiner Lene brachte ihn ein wenig aus dem Geleise ; jede Kleinigkeit , die vorgekommen war , während sie noch im Frieden miteinander gelebt hatten , wußte sie und hatte sie den fremden Leuten erzählt , nur um ihn zu verkleinern ... Wie lange muß sie da in einem Atem geredet haben , und immer nur Böses von mir , dachte er , und da wußte er auch mit einem Male , daß sie ihm niemals auch nur gut gewesen sei und daß ihr kein Fünklein von der Liebe , die er allzeit für sie gefühlt hatte , im Sinn geblieben war . Der Advokat stand geräuschlos auf und frug noch einmal : » Ist nicht alles so ? Hat Ihre geschätzte Frau eine Unwahrheit gesagt ? « » Ach Gott ! Nein ... Es ist so ... meine geschätzte Frau hat nicht gelogen . Ja , ja , ja ! « Seine Wangen glühten vor Fieberhitze und Scham , weil er sein Unglück so ruhig anhören mußte , als ob ihm einer die Geschichte zweier anderer ihm fernstehender Menschen erzählen würde , aber rechtfertigen wollte er sich vor dem eiskalten Manne da nicht . Er verschwieg , wie tief ihn die Lene gekränkt und beschimpft hatte , und jede Leichtfertigkeit , der sie ihn beschuldigte , empfand er weniger beschämend als die Mißachtung , die Abneigung , die sie für den Krüppel hatte . Als aber der Advokat noch an der Türe umkehrte und sich wieder an das Krankenbett setzte und über die Scheidungsfrage deutlich zu unterhandeln anfing , da wurde der Leopold wild , denn ganz im Hintergrunde aller seiner Gedanken stand doch die Hoffnung , daß sie bald wieder heimkehren werde ; jetzt aber wurde der Gedanke durch untilgbare Furcht verdrängt , sie könne einem anderen angehören , wenn er sich für immer von ihr lossagte . Er biß die Zähne übereinander und konnte das Bild nicht loswerden . - Der schöne , weiße , kühle Leib in den Armen eines anderen Mannes , die roten Lippen geküßt von anderen , fremden Lippen , die schöne Statue vielleicht lebendig . » Jetzt ist es genug , jetzt gehen Sie , das ist mein Zimmer , Herr , und wenn ich ein Flegel bin , so sollen Sie sehen , was ein Flegel tut « , würgte Leopold heraus und zeigte nach der Türe . Ein höfliches Schwingen der feinen Gestalt , und der Advokat war verschwunden . Dem Kranken aber war der Kopf wieder recht schwer . » Weißt , Hanne , mir tut alles weh , der Kopf und ... « Der Leopold redete nicht aus , er griff nur nach dem Herzen . Sie ist eine ehrbare Frau , hatte der Advokat gesagt , und daß sie dreißig Gulden Monatsgehalt bei der Madame Margot hat , daß sie dort nur mit Damen verkehren muß , gar keinen Mann zu sehen bekomme , daß sie sehr sparsam und allein lebe und sonst keinen Wunsch habe , als von ihrem Manne loszukommen . » Bin ich ein miserabler Lump ! « sagte er ingrimmig , » hab ich das arme Weib so unglücklich gemacht , so beschimpft und geschlagen . « Er ließ seine Augen langsam von einem Gegenstand zum andern gehen ; das alles , was für ihn so großen Wert hatte , das alte Hausgeräte von Großvaterszeit her , das sie Stück um Stück so oft berührt hatte , das stand da auf demselben Flecke , sie aber war auf und davon , nichts hatte sie zurückhalten können , nicht die Gewohnheit , die alle Leute festhielt da in dem Winkel , nicht das kranke Kind , das ihrem eigenen Leib entsprossen , nicht er , der alles für sie tat und ließ , seit sie zueinander gehörten , nichts , gar nichts hatte Macht gehabt über das wortkarge , gedankenscheue Weib . Und sie sei in ihrem Rechte , hatte der studierte Herr gesagt ? ... Wenn dem Advokaten , der jetzt da bei ihm saß , inzwischen daheim sein eigenes Weib davonliefe , würde er auch diesem das Recht zusprechen ? Gewiß nicht , weil ... weil er zwei Arme hat ... mit dem Krüppel durften sie alle umspringen , wie sie wollten . Mit solchen Gedanken schlug sich der Leopold herum , und wahrlich nicht zu seinem Heil . Manchmal schlief er die langen Tage vor Erschöpfung , und die Nächte schrie und jammerte er im Fieber . Wie die Zeit hinrann , wußte er sich nicht zu sagen , nur ab und zu frug er einen Kameraden , der nachsehen kam : » Was ist heut für ein Tag ? « Und dennoch rechnete er , sobald er zeitweilig heller denken konnte . Jetzt aber wußte er bestimmt , daß er sechs Wochen schon da auf ein und derselben Stelle lag , er hatte gehört