die meiste Zeit aber war er nicht bloß unzufrieden mit aller Welt , sondern auch mit sich selbst und konnte zu keinem festen Entschluß kommen . All das Sprechen von Krieg und Auswanderung und Salzsee war doch nur ein müßiges Spiel , im Grunde seines Herzens hing er mit Zärtlichkeit an seinem Schlesierland und dachte gar nicht an Fortgehen , wenn ihm der Boden unter den Füßen nicht zu heiß gemacht würde . Aber das war es eben . Machte » der da drüben « Ernst , so war der heiße Boden da und zugleich der Augenblick , wo das , was er bisher bloß an die Wand gemalt hatte , Wirklichkeit werden mußte . Denn zum zweiten Mal ins Gefängnis , das zu vermeiden , war er fest entschlossen , und so hing denn alles an der Frage : wird Opitz Ernst machen oder nicht ? Nach seinem ersten unmittelbaren Gefühle war an diesem Ernste wohl nicht zu zweifeln , aber das Weibervolk drüben hatte großen Einfluß , und wenn Bärbel und Christine die rechte Stunde wahrnahmen , so war es doch am Ende möglich , daß sie den trotz aller Schroffheit und Bärbeißigkeit auch wieder sehr bestimmbaren Hausherrn dahin brachten , die Sache fallenzulassen . Und warum auch nicht ? Was war es denn groß ? Ein Has . Und daß der Hase wirklich in dem Kornfeld gesessen , darüber war kein Zweifel , dem konnte sich auch Opitz nicht entziehen , und wenn er , Lehnert , in seinem Stolz und seinem Übermut auch keine Nachsicht verdienen mochte , so doch die alte Frau , die so gut wie eine Bettlerin war , wenn man ihr den Sohn noch einmal ins Gefängnis schickte . So vergingen , ohne daß auf seiten Lehnerts etwas geschehen wäre , gegen anderthalb Wochen , und wär auch wohl noch weiter so gegangen , wenn nicht die Plaudertasche , die Christine , gewesen wäre , die beständig alles , was drüben in der Försterei vorging , zu den Menzes hinübertrug . Unter den kleinen Freiheiten , die sie sich regelmäßig nahm , war auch die , daß sie den Opitzschen Schreibtisch beim Aufräumen und Staubabwischen einer gründlichen Revision unterzog , so daß sie jederzeit wußte , wie die Dienstsachen standen . War das nun schon ihr alltägliches Tun , so doppelt , seitdem Lehnert in Gefahr schwebte , der Gegenstand oder das Opfer einer Opitzschen Schreibübung zu werden . Eine ganze Woche lang hatte sich nichts finden lassen , heut aber , es war der Tag vor dem vierten Sonntage nach Trinitatis , war ihr der lang erwartete Bericht an den Grafen , in geschnörkelter Abschrift und sauber zwischen zwei Löschblätter gelegt , zu Gesicht gekommen , und ehe noch eine Viertelstunde um war , war sie schon drüben , um ihre Neuigkeit vor die rechte Schmiede zu bringen . » Liebe Frau Menz , ich habe es nun alles gelesen . Es sind drei Seiten , alles fein abgeschrieben und unterstrichen , denn er hat ein kleines Pappelholzlineal , das nimmt er immer , wenn er unterstreichen will , und das sind allemal die schlimmsten Stellen . « » Jesus « , sagte Frau Menz und zitterte . » Sie können ihm doch nicht ans Leben , bloß um den Has , und war noch dazu so klein , als ob er keine drei Tage wär , und ich hab ihn eigentlich nicht essen können vor lauter Angst , bloß einen Lauf und das Rückenstück , weil es doch zu schade gewesen wäre . Ach , du meine Güte , wenn er um so was sterben sollte , da wäre ja keine Gerechtigkeit mehr , und der Kaiser in Berlin wird doch wissen , daß er ein so guter Görlitzer war und daß er ' s beinah gekriegt hätte ... « » Gott , liebe Frau Menz , was Sie nur alles reden , so schlimm ist es ja nicht . Und wär überhaupt gar nicht so schlimm , wenn es nicht das zweite Mal wär , oder was sie , die so was schreiben , den Wiederbetretungsfall nennen . Das ist das Wort , das drin steht . Und da machen sie denn gleich aus dem Floh ' nen Elefanten und tun , als ob es wunder was sei , nicht weil es wirklich was Großes und Schlimmes wäre , nein , bloß von wegen dem zweiten Mal , von wegen dem Wiederbetretungsfall . Und da sind sie denn wie versessen drauf , und das war auch die Stelle mit dem dicken Strich ... Das heißt die eine . « » Die eine ? Aber du mein Gott , war denn noch eine ? « » Gewiß war noch eine da , die war noch dicker unterstrichen , und das war die von seinem Charakter . « » Ach , du meine Güte . Von seinem Charakter ! Und die hat Opitz auch unterstrichen ? Ja , was soll denn das heißen ? Ein Charakter is doch bloß , wie man is . Und wie is man denn ? Man is doch bloß so , wie einen der liebe Gott gemacht hat , und wenn man auch nicht alles tun darf , aber seinen Charakter , ja , du mein Gott , den hat man doch nu mal , und den wird man doch haben dürfen , und den kann er nicht unterstreichen . Und ein Mann wie Opitz , den ich immer beknickst habe , wie wenn er der Graf wäre . Gott , Christine , sage , Kind , was steht denn drin , und was hat er denn alles gesagt ? « » Er hat gesagt , daß man sich jeder Tat von ihm zu gewärtigen habe , das steht drin , Frau Menz , und das Wort jeder ist noch extra rot unterstrichen und sieht aus wie Blut , so daß ich einen regulären Schreck kriegte und bloß nicht wußte , an wen ich dabei denken