seine eigene Welt hinein . Er dachte und sprach ja schon in einem Jargon , der ganz schließlich nur ihm selber verständlich war , er gebrauchte Ausdrücke , Bilder , Gedankenverbindungen , operirte mit Anschauungen , die an innerer Bedeutung und selbständigem Curswerth entschieden verlieren mußten , wenn sie zu der glatten , abgetragenen , abgeschabten Sprache der Außenwelt in Beziehung gebracht würden . Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren , flüssigeren Stimmung in Beschlag nehmen lassen . Stunden eines klaren , kräftigen Denkens waren vorhergegangen . Eine gewisse , nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in seiner Seele emporgewachsen . Und wenn es wahr ist , hatte sich Adam schließlich gesagt , daß es ein Wesensmoment des » Modernen « ist , sich zuerst in gewaltigen , äußeren Fortschritten , in Errungenschaften mehr technischer Natur , darzustellen , so wird zweifellos dieser Zeit wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung folgen . Das Pathologische und Psychopathische unserer Tage wird sich in der Zukunft zum normal Psychischen umwachsen . Man wird eine große Fülle von Vorurtheilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen , wenn die Erkenntnisse der Psychophysik erst Gemeingut größerer Massen geworden sind . Die » Mystik « ist eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft . Denken und Thun , Urtheil und Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge , einer toleranteren Anschauung der Welt und ihrer Verhältnisse ausgeübt werden . Nüchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein , aber wohl auch maßvoller , aber wohl auch - » gerechter « . Der blutige » Kampf ums Dasein « , dieses Ringen um Leben und Tod unserer Tage , wird gemildert und gesänftigt werden . Erkennen , Ergründen psychischer Gesetze : das ist die Hauptaufgabe der modernen Forschung . Das Neue ist dabei , sich seine Formen zu schaffen , sich sein Nest zu bauen . Wüthende , satanische Stürme werden an diesem Neste noch herumzausen . Aber alle Stürme wird es überdauern . Und einmal wird die Zeit gekommen sein , wo sich das Neue heimisch fühlt in seiner Umgebung . Nicht mehr nach » Wahrheit , « nur noch nach Wahrheiten wird die Menschheit ihre Columbusfahrten unternehmen . Adam kannte sich viel zu gut , als daß er nicht hätte wissen sollen , daß diese Stimmung sehr bald wieder abgeflossen sein wurde . Er spintisirte da vom Allgemeinen aus ins Allgemeine hinein und dachte kaum daran , sich der Theilnahme an jener wissenschaftlichen Pionirarbeit noch fähig zu erachten . Aber es war seine Art , derartige leichtere , lebhaftere Stimmungen zu irgend einer kleinen , spontanen » That « zu benutzen . Und so kam ihm jetzt der Gedanke , durch einen gleichsam improvisirten , kühn hingeworfenen Brief einmal unmittelbar an Lydia heranzutreten . Wollte er damit das Gedeihen seiner ... Zukunftsernte fördern ? War es ihm Bedürfniß , irgendwelche Hoffnungen und Erwartungen auf seine Beziehungen zu Lydia zu setzen ? Wollte er bewußt diese Beziehungen pflegen , um eines Tages Vortheile , die sie brächten ... etwa brächten , einheimsen zu können ? Diese psychologische Selbstinquisition belästigte ihn schon wieder ein Wenig und fädelte seinen verknoteten Drang auseinander . Und doch fand er sich plötzlich vor seinem Schreibtische sitzen und sich einen mit discretem Moschusparfum getränkten Briefbogen zurechtlegen . Und Adam faselte in seiner , in kühn-coupirtem Stil sich ausgerenkt vergliedernden Epistel so viel zerfahrenes Zeug zusammen , daß es ihn nachher , als er es noch einmal überflog , viel zu geschmacklos dünkte , als daß noch ein Witz dabei herauskäme , wenn es nicht an seine Adresse abgeschickt würde . - VIII. Adam wartete zwei Tage . Von Lydia kam keine Antwort . Hatte ihr die spontane Auslassung mißfallen ? Jedenfalls doch ! Aber was that das ? Das war im Grunde so nebensächlich , so belanglos . Ein Wenig allerdings war Adams Eitelkeit verletzt . Und der Herr Doctor bedauerte wirklich aufrichtig , seinen bunten Augenblickskram abgeschickt zu haben . Zudem war er heute wieder in einer ganz anderen Stimmung . Seine normale Apathie hatte von Neuem Gewalt über ihn genommen . Die Welt rempelte ihn zu wenig an . Er mußte Waffen klirren hören . Dann konnte er noch aufflammen . Mittags beim Speisen fiel Adam ein , heute bei Doctor Irmer den beabsichtigten Besuch zu machen . Mit Hedwig zusammenzutreffen - es hatte immerhin Etwas für sich . Und doch reizte es ihn auch eigentlich nicht . So beschloß er denn zu der Stunde , wo Hedwig in Café Caesar die Zeitung abzuholen pflegte , also von Hause abwesend war , ihren Vater heimzusuchen . - » Ist Herr Doctor Irmer zu sprechen - ? « » Ich weiß nicht ... der Herr Doctor - wen darf ich melden ? « Adam suchte seine Karte hervor und hielt sie dem Mädchen hin . Dabei warf er einen kurzen , scharfen Blick auf das Dirndl . Das wurde ein Bissel verlegen und erröthete . Das Ding war nicht übel . Eine kleine , untersetzte , volle Gestalt . Allerdings etwas lotterig und unsauber , von Spuren grober häuslicher Arbeit übersäet . Das Mägdlein wischte sich die rothen , unfeinen , unappetitlichen Hände an der dreckigen Schürze ab , ehe sie Adam die elegante , elfenbeingelbe Visitenkarte zaghaft-täppisch abnahm . » Der Herr Doctor läßt bitten ... « Das Mädchen ging auf dem schmalen , schattendurchdunkelten Corridor vor Adam her . Der konnte sich nicht enthalten , einen Augenblick die Finger seiner glacégantirten Rechten um den vollen , linken Oberarm der kleinen ancilla amandissima zu spannen . Ein leises , Entrüstung , Ueberraschung und heimliches , verhaltenes Vergnügen zugleich verrathendes » Na ! « ließ sich hören . Der Arm entschlüpfte . Adam ging auf Herrn Doctor Irmer zu , der im Sessel vor seinem Schreibtische saß und den Kopf halb zu dem Eintretenden hingewandt hielt . » Verzeihen Sie , Herr Doctor , daß ich mir die Freiheit nehme , Sie aufzusuchen . Aber - nun - offen gesagt