der Bengel Arnold ähnlich sah ! Die ganze unendliche Liebe zum Bruder brach in leuchtender Wärme aus dem fast kindischen Gebahren . » Wie muß er ihn lieben ! « dachte Severina . » Wer auch einen Bruder hätte - auch so geliebt würde ! « fügte sie bitter für sich hinzu . Ihre Augen hafteten dabei mit einem seltsamen Gemisch von Teilnahme und Neid auf Joachim , der die kleinen Fingerchen seines Neffen einzeln küßte . Und plötzlich begegnete er diesem Blick . Er schnellte in die Höhe . » Was ist hier denn für ein Lärm ... Joachim ... Joachim ! « rief Adrienne . Es war das erstemal , daß Severina die Stimme dieser Frau lebhaft erschallen hörte . Mit einem Freudenruf sprang Joachim auf sie zu und fiel ihr um den Hals . » Nun haben wir beide uns doch , da ist ' s leichter zu tragen , daß Arnold weg ist , « sprach er . » Du guter Junge ! Und wie Du wohl aussiehst ! « Adrienne küßte ihn . Dabei sah Joachim an ihrem Haupt vorbei auf Severina , so übermütig , als wollte er sagen : » Das haben wir schon abgemacht . « » Hat Arnold kürzlich geschrieben ? « » Nein . « » Kann der Junge schon Onkel sagen ? « » Wo denkst Du hin ! Noch nichts . Er ist ja noch kein halbes Jahr . « » Ich verstehe nichts von Babies . « So ging das schnelle Reden hin und her . Severina fühlte sich namenlos überflüssig und ging schnell davon . Es sah wie eine Flucht aus , und ihr Herz klopfte dabei . » Er sieht aus wie das Glück und die Freude selbst , « dachte sie , und ein Zittern lief durch ihre Glieder . » Warum geht sie ? « fragte Joachim . » Sie denkt zu stören . « » Für eine Pastorentochter sieht sie recht wenig zahm aus , « sagte Joachim , der Gestalt mit dem graziösen Gang eifrig nachsehend . » Sie ist ein Pflegekind . Eine Verwandte der Frau Pastorin hatte das Unglück , bei der Geburt einer Tochter zu sterben , ohne kundgethan zu haben , wer der Vater sei . Severina , das Mädchen mit dem ernsten Kalendernamen , ist nun von der Pastorin auferzogen und ausersehen , als Büßerin durchs Leben zu wandern . Aber was von Natur einmal darin steckt : die Energie , die Liebe zum Schönen und Anmutigen , der selbständige Geist , das bringt kein fortwährendes Predigen heraus , « erzählte Adrienne . » Armes Mädchen ! « rief Joachim , von starker Teilnahme ergriffen . » Dank Fannys Eingreifen , dem die Pastorsleute nicht widerstreben können , ist Severinas Bestimmung , eine asketische Betschwester zu werden , immer noch ihrer Erfüllung sehr fern . Fanny zieht das Mädchen viel in ihre Nähe , kleidet sie ganz und gar , wenn auch einfach , so doch , wie Du siehst , sehr anmutig , und wenn sie ausfährt , ja sogar auf Reisen nimmt sie Severina mit . Dafür betet diese natürlich Fanny an , als sei sie kein Weib , sondern ihr Gott . « » Das begreift sich . « » Aber nun komm ins Haus , in Deine Stuben . « Joachim ließ es sich nicht nehmen , den Kinderwagen zu schieben , Adrienne ging neben ihm her . » Langweilen werde ich mich hier nicht , « dachte er zufrieden , » so viel nette Frauen ! Erstens meine Schwägerin , sodann die Hausfrau , die offenbar ebenso gütig als verständig ist , und endlich das Mädchen mit dem Gesicht , das aussieht , als könne aus Augen und Mund ein Flammenstrom sich ergießen ... du bist ein Glückspilz . « An der Terrasse kam ihnen die Magd entgegen , die den Kinderwagen an sich zog . Joachim und Adrienne schritten durch den Saal , über den Flur in die Zimmer , welche für den neuen Hausgenossen fertiggestellt waren . Sie lagen vorn , nach dem Gutshof hinaus . » Hier aus Deiner Wohnstube führt die Thür links in Dein Schlafkabinet , rechts in die sogenannte Amtsstube , welche Fannys Audienz- und Arbeitszimmer ist . Ihre Privatzimmer liegen gerade über den Deinen , « erklärte Adrienne . » So ist es recht , « scherzte er , » das Auge der Regentin und ihres ersten Ministers muß das Arbeitsreich jederzeit im Auge haben . « Behaglich sah er sich in den einfachen , wohnlichen Räumen um . Als er dann über dem Sofa ein kleines , hübsch eingerahmtes Bild seines Bruders fand , drückte er der Schwägerin gerührt die Hand . » An so etwas denkt nur eine Frau . Wie liebevoll ersonnen ! Und ein Epheukränzchen ist darum . « » Ich that das nicht , « sagte Adrienne verlegen ; » Fanny weiß , daß Du Arnold so lieb hast . « Joachim wollte alle Briefe lesen , die bislang von Arnold eingetroffen seien , Adrienne holte sie herbei , man las und plauderte zusammen , dann wollte Joachim auch ihre Wohnung sehen . » Donnerwetter , « sagte er oben , » Fanny muß ebensoviel Geld als Gutmütigkeit haben . « Der gewisse Respekt , den wohlangewendeter Reichtum immer einflößt , erfüllte schon Joachims Seele . So wurde es Mittag , und erst kurz vor der Essensstunde , die auf Mittelbach um vier Uhr anberaumt war , konnte Joachim Fanny begrüßen . Sie hieß ihn nochmals mit gütigen Worten willkommen und stellte ihn dem eben von Driesa herübergekommenen Lanzenau vor , der seinerseits dem jungen Mann mit väterlichem Wohlwollen die Hand schüttelte . » Wo ist denn das interessante Fräulein , das ich heute morgen im Park sah ? « fragte Joachim . Lanzenau und Fanny lächelten über die unbefangene Art , sogleich nach dem einzigen jungen Mädchen des Ortes sich zu erkundigen . » Severina ist nach Hause