Blätterzungen ... In der hübschen Stube voll Resedadüfte aber saß gewiß die Frau mit dem lieben zärtlichen Muttergesicht und trauerte ; denn die schöne Blanka war nun auch fort ; sie war heute früh abgereist und » wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen « , wie Bärbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte ; und darüber war die kleine Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still , damit die Tante und Bärbe es nicht hören sollten , in ihr Kissen hinein geweint . In diesem Augenblick aber , wo Reinhold in das Haus gegangen war , um seinen Baukasten zu holen , und das kleine Mädchen allein unter den Linden saß , kam die alte Köchin über den Hof her , die Hand unter der Schürze , und mit einem wahren Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend . » Fräulein Sophie weiß drum und will , daß ich dir ' s geben soll , Gretchen ; aber die Frau Amtsrätin braucht ' s nicht gerade mit anzusehen , « sagte sie . » Wie du krank warst , da hat das schöne Mädchen dort auf dem Gange gar manchmal stundenlang auf mich gelauert , weil ich ihr immer sagen mußte , wie es gerade um dich stand . In den Hof ' runter gekommen ist sie kein einziges Mal , so lange sie auch dagewesen ist - du lieber Gott , freilich , dein Papa und die Großmama sind stolze Leute und leiden keine Zuthulichkeit und Dreistigkeit - nun aber heute in aller Frühe , wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte , da kam sie über den Hof her , schon im Schleierhut und mit der Reisetasche , und blaß wie der Tod und konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen , weil ' s ja gerade fortgehen sollte in die weite Welt . Und sie sagte , ich sollte dich vieltausendmal grüßen und dir das geben . « Sie zog die Hand unter der Schürze hervor und legte ein kleines , weißes Paket auf den Gartentisch - jubelnd zog die Kleine ein gesticktes Margaretentäschchen aus dem Papier . » Still , still , Gretchen - mußt nicht so schreien ! « mahnte Bärbe . » Das war gar eine eigene Geschichte heute früh , und schön war ' s nicht von der Frau Amtsrätin , nein - alles was recht ist , sag ' ich immer ! - ' s ist ja doch kein Unglück , wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem Trinkglas ' runter an den Brunnen kommt , wie er es ja jeden Morgen die ganzen letzten Wochen gethan hat ! Er sah ganz krank aus , wie eine Leiche , und kam auf das Mädchen zu - ich glaube , er hat was sagen wollen , vielleicht glückliche Reise oder sonst eine Höflichkeit ; aber da stand auch schon die Frau Amtsrätin da , hat noch das Nachtmützchen aufgehabt , und der Schlafrock hat ihr um den Leib gehangen , als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei ; und Augen hat sie gemacht , als wollte sie das Mädchen aufspießen . Die hat sich aber nur tief vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen , die im Thorweg auf sie gewartet haben - weißt du , Gretchen , unsere Frau Herzogin kann sich nicht stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter , von der Schönheit gar nicht zu reden ; und es kann wohl sein , daß das Stolze an ihr deine Großmama geärgert hat , denn eh ' ich nur recht wußte wie , hat sie das Papier in meiner Hand aufgerissen und hineingeguckt . » Fürs Gretchen ist ' s , Frau Amtsrätin ! sag ' ich . » So ? sagt sie ganz laut und böse . Wie kömmt denn Fräulein Lenz dazu , meiner Enkelin ein Andenken zu schenken ? Und das hat das arme Mädchen noch in ihre Ohren hineingehört und Vater und Mutter auch ... Und den jungen Herrn hat ' s gerade so gedauert wie mich - er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus gestürmt ... So , das war die Geschichte , Gretchen ! Die Frau Amtsrätin wollte mir zwar das Paketchen partout wegnehmen , aber ich hab ' Fersengeld gegeben , und Fräulein Sophie sagt , sie sähe gar nicht ein , warum du das Täschchen nicht tragen solltest . « Sie ging wieder in ihre Küche , und die kleine Margarete sann und grübelte . Das Herz that ihr weh , und Zornesthränen stiegen ihr auf , weil die guten Leute im Packhaus gekränkt worden waren . Und Bärbe hatte recht , Herbert sah ganz anders aus , so blaß und so schrecklich ernsthaft ; er sprach mit niemand mehr , nicht einmal mit Reinhold , der doch sein Liebling war . Ja , die Großmama ! Sie konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen , und davor fürchtete sich der große Primaner Herbert auch - das hatte die Kleine wohl bemerkt ... Aber es half doch alles nichts , und wenn die Großmama noch so sehr zankte und noch so schlimme Augen machte , sie trug das Täschchen doch , sie trug es alle Tage , auch wenn einmal der Papa von seiner Reise zurückkam und sie ausschalt ; denn stolz war er , der Papa , vielleicht noch schlimmer als die Großmama ; das hörte man an seinem barschen Ton , wenn er Befehle gab , und außerdem sprach er nie mit den Arbeitern , die unter ihm standen . Auch die Malersleute waren ihm zu gering ; er sah immer so aus , als wisse er gar nicht , daß jemand im Packhaus wohne , und auf dem offenen Gange mochte sein , wer wollte , er grüßte nie hinauf . An dem Unglücksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im dunklen Hofe gewartet ,