nahm es auch wohl als Zustimmung und fuhr deshalb , immer lebhafter werdend , fort : » Ich habe mich zu Feierlichkeitsbetrachtungen angesichts dieser Dinge nie heraufschrauben können . Es hänge die Welt daran , versichern einige mit Emphase , was mir immer nur ein Beweis sein würde , daß die Welt an etwas sehr Inferiorem hängt . Rundheraus , all das sind Erwägungen und Betrachtungen aus der Sphäre von Gevatter Schneider und Handschuhmacher . In der Obersphäre der Gesellschaft bestimmt die Politik und unter Umständen auch die bloße Lebenspolitik die Heiraten und Bündnisse , Bündnisse , bei deren Abschluß es noch jederzeit fernegelegen hat , dem Herzen seine Wege vorschreiben zu wollen . « » Aber doch der Pflicht . « » Nun wohl , der Pflicht . Aber was ist Pflicht ? Was wir so kurzweg als Pflicht bezeichnen , zerfällt wieder in Einzelpflichten , in betreff deren es Sache des Übereinkommens bleibt , welche gelten sollen und welche nicht . Ich habe nicht vor , auf alle zu verzichten , aber doch auf viele . Weiß ich doch , daß sie jung ist . Und sie soll jung sein und Freude haben und jede Stunde genießen . Oder glaubst du , daß ich jemals Lust bezeigen könnte , zu den Traditionen der eingemauerten Nonne zurückzukehren ? Umgekehrt , es würde mich glücklich machen , sie von unseren besten Kavalieren umworben und unser altes Schloß Arpa zum Minnehof à la Wartburg erhoben zu sehen . Ja , Judith , meine Phantasie schwelgt in solchen Bildern und Vorstellungen . Ich höre schon den Marsch aus dem Tannhäuser und sehe Perczel oder gar den alten Szabô sich als Wolfram von Eschenbach vor ihr verbeugen . Ein heiteres Leben will ich um mich haben , ein Leben voll Kunst , voll Huldigung und Liebesfreude . Was daneben zu wahren bleibt , das heißt Dekorum . Nichts weiter . Anstoß geben oder geben sehen ist mir gleich unerträglich ; mais c ' est tout . Diskretion also , Dekorum , Dehors . « » Und mit diesen Vollmachten ausgerüstet , soll ich die Frage tun und die Verhandlungen führen ? « » Ja . Willst du ' s ? « » Ich will es , weil ich es wollen muß und weil mein Widerspruch in deinen Entschließungen nichts ändern würde . Gegenteils . Widerspruch hat dich immer nur gereizt und dich eigenwilliger gemacht in dem , was du wolltest . Also noch einmal , ich will . Ich weiß auch sehr wohl , es sind solche Verbindungen , wie sie dir in diesem Augenblick als ein Ideal vorzuschweben scheinen , jederzeit geschlossen worden ; die Kirche verbietet sie nicht . Die Kirche betont nur die Heiligkeit der Ehe , nicht das Glück der Ehe . Was ich dir also noch zu sagen habe , kommt nicht aus Prinzip oder Dogma , sondern einzig und allein aus dem Herzen einer Schwester , die dich liebt . Und als solche rufe ich dir zu : Gehe nicht diesen Weg , halte vielmehr inne , wenn du noch innehalten kannst . Ich prophezeie dir ... « » Ich glaube nicht an Prophezeiungen . « » Nun denn , so sollen sie dir auch nicht werden , und nur einem Worte noch öffne dein Ohr und deine Seele . Sieh , du teilst die Pflicht in Pflichten und die Pflichten selbst wieder in solche , die dir je nach Gefallen unerläßlich oder aber auch erläßlich erscheinen . Und zu den unerläßlichen rechnest du vor allem die Diskretion und das Dekorum und die Dehors . Aber das sind vage Begriffe . Wo ziehst du scharf die Grenze zwischen dem , was statthaft und unstatthaft ist ? Was liegt innerhalb deiner Dehors , und was liegt außerhalb ? « Es war ersichtlich , daß er hier unterbrechen wollte . Judith aber nahm seine Hand und fuhr , immer eindringlicher werdend , fort : » Und zu dem einen Worte . Bruder , noch ein zweites . Du glaubst allerpersönlichst deiner wenigstens sicher zu sein , sicher in dem , was du Drüberstehen und Anschauungsfreiheit und Vorurteilslosigkeit nennst . Aber auch darin irrst du . Du bist weder deines Herzens noch deiner Meinungen sicher , und was dir heut ein Nichts bedeutet , kann dir morgen eine Welt bedeuten . Schwankend ist alles , und fest allein ist Gottes Gebot . Auch das ungesprochene , das still und stumm in der Natur der Dinge liegt . Ich beschwöre dich , Bruder , überleg es . Es leitet mich nur die Liebe zu dir . « » Und der alte Erziehungshang . « » Ein Wort , aus dem ich sehe , daß es zu spät ist und daß du ' s unabänderlich willst . Und so werd ich denn das Gespräch mit Franziska haben . Aber nicht hier ; erst wenn wir alle wieder in Wien sind . « Er war es zufrieden , nahm Hut und Stock und verließ das Zimmer , indem er ihr zerstreut einige Worte des Dankes sagte . Sie sah ihm nach und griff in ihrer Angst und Unruhe nach einem Andachtsbuch , um darin zu lesen . Aber es wollte nicht gelingen . » In welche Lagen uns doch das Leben führt ! Ich eine Freiwerberin . Und in einer Sache , die mich betrübt und erschreckt ! « Elftes Kapitel Eine Woche später hatte man sich wieder in dem alten Petöfyschen Palais eingerichtet , und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras , der den Verkehr zwischen den beiden Flügeln unterhielt , einige Zeilen , in denen ihm Judith in aller Kürze mitteilte , daß sie Franziska gesprochen habe . Dieselbe sei dem Anschein nach nicht allzu sehr überrascht oder doch wenigstens vollkommen ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch . Es war elf Uhr , als ihm diese Zeilen zu Händen kamen , und vor Ablauf einer Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesinergasse . Das Leben