so unversehens , daß ich nicht einmal daran dachte , mich zu verteidigen . Halb sinnlos vor Beschämung und Schmerz empfand ich nur den brennenden Wunsch , sogleich und unwiderleglich zu beweisen , daß mir Unrecht geschah . Die Gräfin sah den Eindruck , den sie hervorgebracht hatte . Sie lehnte sich behaglich zurück , sie war wieder lauter Freundlichkeit . Es ist ja so angenehm , aus dem Frieden der eigenen unzerstörbaren Ruhe dem Kampfe einer armen Seele zuzusehen , die bebt und flattert wie ein verwundeter Vogel und vergeblich nach Befreiung von ihren Qualen ringt . Nun , Liebe , was antworten Sie mir ? fragte die Gräfin , und ich erwiderte mit soviel Festigkeit , als ich aufzubringen vermochte - ach , sie war höchst gering ! - , daß ich längst den Entschluß gefaßt , das Haus zu verlassen , und nur noch gezögert habe , ihn dem Herrn Grafen mitzuteilen . Der Herr Graf würde fragen , warum ich fort wolle , und ihm darauf der Wahrheit gemäß zu antworten sei mir schwer . Doch müsse es endlich gesagt werden . Ich gehe , weil ich die Hoffnung aufgegeben habe , irgendeinen Einfluß auf meinen Zögling zu gewinnen . Wir hätten durchaus kein Verständnis füreinander , denn ich flöße Anka ebensowenig Sympathie ein , als ich für sie empfinde . Die Gräfin nickte mir mit etwas ironischem Beifall zu . Nicht übel , schien sie sagen zu wollen , das hast du nicht übel gemacht . Die Worte , die sie indessen aussprach , waren : A-h ? ... ja so ! ... das ist schlimm . Das können Sie meinem Schwiegersohn allerdings nicht sagen . Es klänge doch gar zu sonderbar in dem Munde einer Erzieherin . Sie bot mir an , dem Grafen mein Gesuch um Entlassung vorzubringen , und ich hatte noch Selbstbeherrschung genug , ihre Vermittlung anzunehmen und ihr dafür zu danken . Wie ich dann in mein Zimmer gekommen bin , weiß ich nicht . Ich erinnere mich nur , daß ich den Doktor noch am selben Abend sprach und daß es mich befremdete , ihn von dem Schritt unterrichtet zu finden , den der Vater des Grafen Stephan bei mir unternommen hatte - ohne Vorwissen seines Sohnes , behauptete der Doktor , und ich glaubte es gern . Es war ein Opfer , das der schwache und gütige Greis der Neigung seines ihm wiedergeschenkten Kindes bringen wollte . Sie haben abgelehnt , sprach der Doktor , das versteht sich von selbst . Was geschieht aber jetzt ? Er stand vor mir mit gesenktem Kopfe ; sein Gesicht drückte die tiefste Verstimmung aus , und seine dichten weißen Brauen waren finster zusammengezogen . Als ich ihm sagte , daß ich das Haus verlassen werde , erklärte er sich damit einverstanden : Je eher , desto besser . Am besten gleich morgen mit der Gräfin . Er wurde am nächsten Tage sehr zornig , als es hieß , die Gräfin reise allein . Welcher Unsinn ! rief er . Weil eine Reise mit einem Kinde ihr lästig wäre , werden Sie zurückgelassen . Sie ist klug , diese Frau , sie ist klug - bis an die Grenze der Bequemlichkeit . Wo aber die Unbequemlichkeit anfängt , da hört ihre Klugheit auf ... Na , unterbrach er sich , gehen Sie ihr Lebewohl sagen , sie ist mit Anka und dem Grafen im Speisezimmer . Ich ging dahin , und die Gräfin empfing mich mit den Worten : Kommen Sie endlich , meine Schönste ? Ich bin im Begriff , in den Wagen zu steigen . Sie scherzte mit Anka , und der Graf trat an mich heran , auch er in vorzüglich guter Laune . Was höre ich ? fragte er , Sie wollen uns verlassen ? Das ist ja treulos und grausam . Darauf war meine arme Anka nicht gefaßt . Indessen , wenn Sie durchaus nicht bei uns bleiben wollen ... durchaus nicht , wiederholte er nachdrücklich und forschend , dürfen wir Sie nicht zurückhalten . Die Gräfin klopfte mich auf die Wange : Wir meinen es gut mit Ihnen , sagte sie , wir werden Ihrer nicht vergessen . Adieu ! Sie ging , und wenige Minuten später rollte der Wagen , der sie entführte , aus dem Hofe . 10 Acht Tage noch , dann sollten auch wir das Schloß verlassen . Unser Weg war gemeinsam bis zu dem Städtchen , in dessen Posthause wir auf der Reise nach unserm früheren Wohnort Mittagsrast gehalten hatten . Dort teilte er sich . Der Graf gedachte mit Anka nach dem Gute seiner Schwiegermutter zu fahren , der Doktor mit mir nach einem kleinen Badeorte unweit von Wien , wo mein Vormund mit seiner Familie vor den Kriegsereignissen Zuflucht gesucht hatte . Acht Tage noch ! - Eine lange und - eine kurze Zeit . Lang , weil ich sie in Erwartung eines schrecklichen Augenblicks zubrachte , kurz , weil mir schien , daß es die letzte sei , die ich zu leben habe , und als könne nach ihr nur der Tod noch kommen . Anka bemühte sich , mir den Abschied leicht zu machen . Sie verbarg ihre Freude darüber nicht , daß sie eine Zeitlang ohne Gouvernante sein sollte . Sie brauchte keine . Francine blieb vorläufig allein bei ihr , Großmama liebte die neuen Gesichter nicht . Am Abend nach der Abreise der Gräfin , als Anka ihrem Vater gute Nacht sagte , empfahl ich mich zugleich mit ihr . Sie kommen doch wieder ? rief der Graf . Er war unzufrieden , als ich es verneinte , und erwiderte kaum meinen Gruß . Am nächsten Vormittag erschien er bei unserer Unterrichtsstunde und hörte seiner Anka , die ihm alle Reiche Deutschlands an den Fingern herzählte und auf der Karte nachwies , mit stiller Bewunderung zu . Sie nahm eine kluge Miene an und fragte ihn : Weißt du das auch ? Er behauptete ,