haben , denn es saß mäuschenstill und rührte sich nicht , bis er mit der großen Schüssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt , dann zeigte es auf das Brötchen und fragte : » Kann ich das haben ? « Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier , denn es wunderte ihn , was die Frage für einen Eindruck auf sie mache . Augenblicklich ergriff Heidi sein Brötchen und steckte es in die Tasche . Sebastian machte eine Grimasse , denn das Lachen kam ihn an ; er wußte aber wohl , daß ihm das nicht erlaubt war . Stumm und unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen , denn reden durfte er nicht , und weggehen durfte er wieder nicht , bis man sich bedient hatte . Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu , dann fragte es : » Soll ich auch von dem essen ? « Sebastian nickte wieder . » So gib mir « , sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller . Sebastians Grimasse wurde sehr bedenklich , und die Schüssel in seinen Händen fing an gefährlich zu zittern . » Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen « , sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht . Sebastian verschwand sogleich . » Dir , Adelheid , muß ich überall die ersten Begriffe beibringen , das sehe ich « , fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort . » Vor allem will ich dir zeigen , wie man sich am Tische bedient « , und nun machte die Dame deutlich und eingehend alles vor , was Heidi zu tun hatte . » Dann « , fuhr sie weiter , » muß ich dir hauptsächlich bemerken , daß du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast , auch sonst nur dann , wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu richten hast ; dann aber nennst du ihn nie mehr anders , als Sie oder Er , hörst du ? daß ich dich niemals mehr ihn anders nennen höre . Auch Tinette nennst du Sie , Jungfer Tinette . Mich nennst du so , wie du mich von allen nennen hörst ; wie du Klara nennen sollst , wird sie selbst bestimmen . « » Natürlich Klara « , sagte diese . Nun folgte aber noch eine Menge von Verhaltungsmaßregeln , über Aufstehen und Zubettegehen , über Hereintreten und Hinausgehen , über Ordnunghalten , Türenschließen , und über alledem fielen dem Heidi die Augen zu , denn es war heute vor fünf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht . Es lehnte sich an den Sesselrücken und schlief ein . Als dann nach längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer Unterweisung , sagte sie : » Nun denke daran , Adelheid ! Hast du alles recht begriffen ? « » Heidi schläft schon lange « , sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht , denn das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig verflossen . » Es ist doch völlig unerhört , was man mit diesem Kind erlebt ! « rief Fräulein Rottenmeier in großem Ärger und klingelte so heftig , daß Tinette und Sebastian miteinander herbeigestürzt kamen ; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht , und man hatte die größte Mühe , es so weit zu erwecken , daß es nach seinem Schlafgemach gebracht werden konnte ; erst durch das Studierzimmer , dann durch Klaras Schlafstube , dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer , das nun für Heidi eingerichtet war . Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug , konnte es durchaus nicht begreifen , was es erblickte . Es rieb ganz gewaltig seine Augen , guckte dann wieder auf und sah dasselbe . Es saß auf einem hohen , weißen Bett und vor sich sah es einen großen , weiten Raum , und wo die Helle herkam , hingen lange , lange weiße Vorhänge , und dabei standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf , und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein runder Tisch davor , und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf , wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte . Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn , daß es in Frankfurt sei , und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die Unterweisungen der Dame , so weit es sie gehört hatte . Heidi sprang nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig . Dann ging es an ein Fenster und dann an das andere ; es mußte den Himmel sehen und die Erde draußen , es fühlte sich wie im Käfig hinter den großen Vorhängen . Es konnte diese nicht wegschieben ; so kroch es dahinter , um an ein Fenster zu kommen . Aber dieses war so hoch , daß Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte , daß es durchsehen konnte . Aber Heidi fand nicht , was es suchte . Es lief von einem Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück ; aber immer war dasselbe vor seinen Augen , Mauern und Fenster und wieder Mauern und dann wieder Fenster . Es wurde Heidi ganz bange . Noch war es früh am Morgen , denn Heidi war gewöhnt , früh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu sehen , wie ' s draußen sei , ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei , ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben . Wie das Vögelein , das zum erstenmal in seinem schönglänzenden Gefängnis sitzt , hin- und herschießt und bei allen Stäben probiert , ob es nicht zwischen durchschlüpfen und in die Freiheit hinausfliegen könne , so lief Heidi immer von dem einen