seine ganze Haltung deutete darauf hin , daß er nicht immer in einem Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war . Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen Kruge , führte das magere Pferd in den Stall , und am Abend war Vorstellung . Ein kleines Mädchen , das zehn Jahre sein mochte , wechselte mit ihm ab , sang Lieder und deklamierte ; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid , das mit Sternchen von Goldpapier besetzt war , und führte den Shawltanz auf . Die Hohen-Vietzer Bauern , ganz besonders die alten , waren wie benommen und streichelten das Kind mit ihren großen Händen . Es sollte ihnen bald Gelegenheit werden , ihr gutes Herz noch weiter zu zeigen . Der » starke Mann « war längst kein starker Mann mehr ; er war siech und krank . Er legte sich , und es ging rasch bergab . Pastor Seidentopf saß an seinem Bett und sprach ihm Trost zu : der Sterbende aber , der wohl wußte , wie es mit ihm stand , schüttelte den Kopf , zog den Pastor näher an sich heran und sagte fest : » Ich bin froh , daß es zu Ende geht . « Dann wies er mit einer leisen Seitwärtsbewegung des Kopfes auf die Kleine , die am Fenster saß , preßte beide Hände aufs Herz und setzte mit halberstickter Stimme hinzu : » Wenn nur das Kind nicht wäre . « Dabei brach er , alle Kraft über sich verlierend , in ein krampfhaftes Schluchzen aus . Die Kleine , als sie das Weinen hörte , kam herzugesprungen und küßte in leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden . Dieser streichelte ihr das Haar , sah sie an und lächelte . Es war , als ob er in eine lichte Zukunft geblickt hätte . So starb er . Auf dem Tische neben ihm stand die kleine Zauberkommode , aus der immer die Tauben aufflogen . Pastor Seidentopf war tief erschüttert . An die Hohen-Vietzer aber traten jetzt zwei Fragen heran , von denen es schwer zu sagen , welche die Gemüter mehr beschäftigte . Die erste Frage war : » Was machen wir mit dem Toten ? « Die alten Wendenbauern waren gutmütig , aber sie dachten doch ernst in solchen Sachen . Den starken Mann bloß einzuscharren erschien ihnen als untunliche Härte , ihn aber auf ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben , als noch untunlichere Entweihung . War er überhaupt ein Christ ? Die Mehrzahl zweifelte . Da fand Pastor Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche mit allerhand Papieren , auch Tauf-und Trauschein . Die Briefe gaben weiteren Aufschluß . Es zeigte sich , daß er Schauspieler gewesen war , daß er eine Tochter aus gutem Hause wider den Willen der Eltern geheiratet hatte und daß die Frau schließlich hingestorben war in Gram und Elend , aber ohne Vorwurf und ohne Reue . Die letzten Briefe , viel durchlesene , waren aus einem schlesischen Klosterspitale datiert . Ein gescheitertes Leben sprach aus allen , aber kein unglückliches , denn was sie zusammengeführt , hatte Not und Tod überdauert . Pastor Seidentopf , als er die Briefe gelesen , trat wieder unter seine Bauern , die unten im Krug seiner harrten , und am dritten Tage hatte der starke Mann ein christliches Begräbnis , als ob er ein Kümmeritz oder ein Miekley gewesen wäre . Die Schulkinder sangen ihn hügelan , trotzdem ein großes Schneetreiben war , Frau von Vitzewitz , gütig wie immer , stand mit am Grabe und warf dem Toten die erste Handvoll Erde nach , Berndt von Vitzewitz aber ließ ihm ein Kreuz errichten , darauf folgender , vom alten Küster Jeserich Kubalke gedichteter Spruch zu lesen war : Ein Stärkrer zwang den starken Mann , Nimm ihn Gott in Gnaden an . So erledigte sich die erste Frage . - Die zweite Frage war : » Was machen wir mit dem Kinde ? « Pastor Seidentopf erwog die Frage hin und her ; hundert Pläne gingen ihm durch den Kopf , aber keiner wollte passen . Die Bauern waren scheu und schwierig . Da trat Schulze Kniehase dazwischen , und das weinende Kind vom Krug aus in sein Haus hinüberführend , sagte er : » Mutter , die schickt uns Gott . « Und am anderen Tage , weil es dicht vor dem Christfest war , begann er ihr einen Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind . Die Bauern sahen anfangs ängstlich zu ; » sie wird ihm wegfliegen « , meinten die einen , » und das wäre noch das beste « , versicherten die anderen . Aber sie flog nicht fort , und Pastor Seidentopf sagte : » Sie wird ihm Segen bringen , wie die Schwalben am Sims . « Zehntes Kapitel Marie » Sie wird dem Hause Segen bringen , wie die Schwalben am Sims « , so hatte Prediger Seidentopf gesprochen , und seine Worte sollten in Erfüllung gehen . Das Kopfschütteln der Bauern nahm bald ein Ende . Es geschah das , was unter ähnlichen Verhältnissen immer geschieht : dunkle Geburt , seltsame Lebenswege , wie sie den Argwohn wecken , wecken auch das Mitgefühl , und ein schöner Trieb kommt über die Menschen , ein unverschuldetes Schicksal auszugleichen . Der Zauber des Geheimnisvollen unterstützt die wachgewordene Teilnahme . Das erfuhr auch Marie . Ehe noch der erste Winter um war , war sie der Liebling des Dorfes ; keiner spöttelte mehr über das Gazekleid mit den Goldpapiersternchen , in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war . Vielmehr erschien ihnen jetzt dieser bloße Hauch einer Kleidung als ihr natürliches Kostüm , und wenn Schulze Kniehase , der das Kind von Anfang an über die Maßen liebte , drüben im Kruge saß und halb ernsthaft , halb scherzhaft versicherte , » sie sei ein Feenkind « , so widerredete niemand , weil er nur aussprach , was alle längst schon an sich selbst