leider erst so spät erprobte rednerische Gabe die große , lange schwebende Frage der zu verbreiternden Wagenspur zum endlichen Austrag zu bringen . Als aber von seiten des so standesgemäß Gefeierten der Vortrag nur mit einer stummen Verbeugung gefeiert ward - es schien heute der Tag stummer Verbeugungen - , da wird es jedem natürlichen Menschen einleuchten , daß Johann Mehlborn an der so laut gerühmten oratorischen Kraft des geistlichen Hartenstein bedenklich irre ward . Und auch im Punkte der feinen Lebensart schien es schwächer mit ihm bestellt , als es von einem Freiherrlich von Hartensteinschen Familiengliede zu erwarten gewesen wäre . Denn was sollte man dazu sagen , daß er , in die gute Stube und auf den Ehrenplatz des klatschrosenroten Kanapees genötigt , auch von dieser Höflichkeit keine Notiz nahm , sondern wie der ordinärste Bauer sich einen Rohrstuhl aus der Ecke holte und sich nicht einmal darauf setzte , nein , nur die Hände auf die Lehne gestützt , stumm wie ein Ölgötze hinter demselben stehen blieb ? Ei nun , mochte er stehen , der kuriose Menschensohn ! Ein gebildeter Hauswirt muß Langmut üben . Was er sich aber nunmehr herausnahm , wird der langmütigste Hauswirt sich von dem kuriosesten Menschensohne schwerlich gefallen lassen . Erquickte er sich wohl durch einen Tropfen an der Kollision , die über den Philadelphias aufgetragen stand ? Armselig genug war sie ; was wahr ist , muß wahr bleiben . Jedoch wer trug die Schuld als die superhelle Pastorsfrau , die eines Mehlborn Gastfreundschaft nach ihrer eigenen Pauvreté taxierte ! Gut . Aber durfte von der doch gewiß reputierlichen Mahlzeit , die in der Schlafkammer bereitstand , wohl ein Bissen hereingebracht werden ? Bewahre ! Als ob man es an Aufzählen , Anpreisen , Nötigen hätte fehlen lassen ! Und mir nichts dir nichts , ohne alle Fasson schlug er eines wie das andere ab , schüttelte den Kopf und bat - um ein Glas Wasser . Ein Glas Wasser ! nicht der miserabelste Landstreicher hätte in des reichen Johann Mehlborn Hause mit einem Glas Wasser fürliebgenommen , und dieser nobele Anverwandte - - ! » Dieser nobele Anverwandte kann mir gestohlen werden ! « dachte der reiche Johann Mehlborn , tat nun auch nicht mehr dergleichen , warf sich in einen Stuhl und hielt seinen Mund . Ein Engel , ach nein , kein Engel , ein höchst unfriedsamer Geist flog durch die gute Stube . Aber so ungemütlich ihm selbst zumute war , ein friedsamer Geist gab dem guten Pastor Blümel ein , was allenfalls noch geeignet schien , der überhandnehmenden üblen Laune zu steuern . Er setzte sich auf den Ehrenplatz , ließ sich ein Glas Wein einschenken , stieß mit dem Herrn Amtmann an auf sein Wohl , trank es aus ohne allen Appetit und sann - mit dem stärksten Verlangen nach seiner Pfeife - auf einen ablenkenden Unterhaltungsstoff , zu welchem er sein persönliches Anliegen nicht geeignet erachtete . Noch hatte er denselben indessen nicht gefunden , als die Hausfrau in die stille gute Stube zurückkehrte , ihrem Gaste das gewünschte Glas Wasser reichend , das sie frisch am Brunnen geschöpft hatte . Er dankte und trank ; sie bat ihn , ihr die Ruhe nicht mitzunehmen . Er ließ sich an ihrer Seite nieder , und nun brach sie das Eis , indem sie , in ihrer so arg- wie harmlosen Weise , sich nach dem Befinden der gnädigen Frau und der lieben kleinen Familie erkundigte . Die gute Frau schien den Schlüssel zu ihres schweigsamen Gastes Herz und Lippen gefunden zu haben ; denn er gab freundlich den Bescheid , daß es seiner Ottilie recht wohl gehe und daß Gott sein Haus mit drei Kindern gesegnet habe , einem Sohn , Martin , - « » Wie unser Herr Doktor Luther ! « fiel Frau Rosine ein . » Nach ihm , Frau Amtmann , wie es einem lutherischen Pfarrer für seinen Erstgeborenen ziemt . Die beiden jüngeren sind Töchter . « » Wie heißen denn die lieben kleinen Fräulein , gnädiger Herr ? « » Lydia und Priscilla , Frau Amtmann . « » Die Namen habe ich aber noch niemals gehört . Wohl Freundschaftsnamen , gnädiger Herr ? « » Evangelische Namen , treue Bekennerinnennamen , « erklärte der Propst , und sein ungetreuer Amtsbruder hörte , mit Recht oder Unrecht , zum zweiten Male eine Anzüglichkeit aus der Erklärung heraus . » Mein seliger Sohn hatte auch einen schönen frommen Namen . Er hieß Johannes , gnädiger Herr , « flüsterte die arme Mutter , und ihre stillen Augen blickten tränengefüllt gen Himmel . Auch Joachim von Hartenstein schlug die Augen groß in die Höhe , sein bleiches Gesicht wurde noch einen Schatten bleicher ; er stemmte die Hand gegen die Brust , und seine Lippen zuckten wie von verbissenem Schmerz . Zum zweiten Male flog ein Engel durch die gute Stube , wenn es nicht der Geist alter , blutiger Stunden gewesen ist . Pastor Blümel räusperte sich , was seine Freundin an ein Wort des Dankes , das sie ihm schuldig sei , gemahnte . » Ich freue mich recht auf den Sonntag , « sagte sie , indem sie ihm über den Tisch hinüber die Hand reichte . » Wie ein Kind freue ich mich , mein lieber Herr Pastor . Und daß das kleine Herzchen halbwegs nach mir heißen soll , und daß - - « Der Pastor Blümel drückte bedeutungsvoll ihre Hand , gab auch mit den Augen einen Wink , nicht fortzufahren ; die ehrliche Seele hatte jedoch in seiner Hanna Schlangenschule allzu geringe Fortschritte gemacht , um diese Warnungszeichen zu verstehen . » Und daß , « setzte sie hinzu , » daß auch mein Jôh - - mein guter Mann , wollte ich sagen , die Ehre haben soll . « - Der gute Mann war froh , bei schicklicher Gelegenheit das vornehme Schweigen brechen zu dürfen . » Was für eine