» Keinen mehr , dem ich ihn anbieten möchte ! « entgegnete Heißenstein . » Glauben Sie , dazu sei mir leicht einer gut genug ? - So mag er denn erlöschen . Ich seh es ein , der Mann , der mir recht wäre , nimmt die Regel nicht ! « Er verfiel in einen dumpfen Trübsinn , aus dem ihn nur noch selten ein Ausbruch des Zornes gegen die Zerstörerin alles dessen weckte , was er noch als Glück zu empfinden vermocht hätte . Mansuet wagte längere Zeit hindurch nicht , Rosas zu erwähnen . Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage , wie die junge Frau sich befinde , beruhigende Antwort erhalten , aber Bozena hatte ihm zugleich mitgeteilt , sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben müssen , keine Briefe mehr in das Heißensteinsche Haus zu schicken . Es sei genug gebettelt worden , er selbst wolle nun von einer Versöhnung nichts mehr hören . Das habe ich längst gefürchtet , dachte Mansuet . Er ist k.k. Offizier , er kann sich die fortgesetzten Demütigungen nicht gefallen lassen . Was jetzt beginnen , du guter , lieber Gott ? ... Wenn von hier aus keine Schritte geschehen , dann ist ' s für immer mit der Hoffnung auf eine Aussöhnung vorbei . Wir sind so weit gekommen , daß uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen könnte : - Frau Nannette . Sie müßte sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter . Sie ist die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten . Er hat aufgehört , ihr Widerstand zu leisten , anfangs aus Gleichgültigkeit , später aus Ohnmacht . Die Folge dieser Betrachtungen war , daß sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis zu einer Art demonstrativer Höflichkeit erniedrigte der verhaßten Gebieterin gegenüber . Er lief nicht mehr davon , wenn er sie von weitem erblickte , er wandte sich nicht ab , wenn er ihr begegnete . Er blieb stehen , machte Front und grüßte sie feierlich . Er brachte es sogar einmal dahin , mit einem Grinsen , das um alles in der Welt freundlich sein sollte , aber einfach - gräßlich war , zu sagen : » Sehr kalt heute ? ... Belieben zu frieren ? ... « Weiter ging es nicht ! - Nicht um den Maria-Theresia-Orden ! Nicht um die ewige Glückseligkeit ! So versuchte er ' s denn doch , sich an Heißenstein zu wenden , und erfuhr keine heftige Abweisung mehr . Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen , mit tiefem Selbstbedauern , daß er nicht verzeihen dürfe - daß seine Pflicht es ihm verbiete . Mit unerschöpflicher Geduld , mit einem Eifer , der sich nie verleugnete , begann Mansuet immer von neuem , Vorstellungen zu machen , um Mitleid zu bitten - es war und blieb vergeblich . Der alte Mann wurde nur ängstlich , versank nur tiefer in seine Grübeleien und wiederholte melancholisch : » Ich darf nicht , guter Mansuet . Seien Sie mir nicht böse , aber - ich darf nicht . « In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so kräftigen Heißenstein . Die Ereignisse der Märztage rüttelten ihn auf aus dem Traumleben , das er seit einiger Zeit führte . Ein neues Interesse ergriff ihn . Zwei Monate lang zählte ihn die liberale Partei zu ihren Anhängern , vom 15. Mai an wurde er ihr erbitterter Gegner . Mansuet hatte natürlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen als von Dreinschlagen , Einhauen und Niederreiten . Wie man dem » Bäckenrummel « in Wien unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht , so hätte man dieser » Lumperei von einer Revolution « ein Ende machen sollen , die ganz allein durch ein paar Landstände und durch ein halbes Dutzend Studenten » aus purem , verfluchtem Übermut « angerichtet worden war . Schimmelreiter hingegen erklärte sich für einen konstituierenden Reichstag , mit einer Kammer als Übergangsstadium zur europäischen Republik . Er abonnierte auf die » Konstitution « und schwor , erst seitdem er dieses Blatt halte , wisse er , was es heiße : ein politisches Bewußtsein haben . Eines Tages las er im Gasthause einigen andächtigen Zuhörern aus seiner Zeitung vor , wie man » auf dem Leichname des Weltkinderspieles Nationalität zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbürgertums aufpflanzen müsse « , da riß ihm Mansuet , der von ihm unbemerkt eingetreten war , das Blatt aus der Hand und forderte ihn auf Degen - und auf Pistolen . Schimmelreiter erklärte , dieser Forderung nicht entsprechen zu können , und durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet für ihn nur das Schweigen der Verachtung . Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden , bis die glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemüter besänftigten . Als Radetzky siegreich in Mailand eingezogen war , zog auch die Versöhnung in das Kontor ein , und die zwei Säulen des Heißensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander . Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach Weinberg : Graf und Gräfin Rondsperg , die Eltern ihrer ehemaligen Zöglinge . Der Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte , in die er mit seinen Bauern geraten war . Diese Leute ließen sich ' s nicht nehmen , daß eine Änderung eingetreten sei in dem Verhältnisse zwischen » der Herrschaft « und ihnen ; nicht nur scheinbar , nicht für kurze Zeit wie der alte Graf meinte , sondern in Wirklichkeit und für immer . Er aber , dessen Vermögen seit Jahren schon zerrüttet war , wollte nicht an den Bestand einer Neuerung glauben , die seinen völligen Ruin herbeiführen mußte . Doch wurde er es endlich müde , ihnen Vernunft zu predigen , diesen störrischen Dummköpfen , die immer wieder auf die Behauptung zurückkamen : die Patrimonialrechte seien aufgehoben . Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner Töchter - seit vollen vierzehn Jahren - verließ der Greis sein Schloß Rondsperg und das undankbare » Gesindel «