; singen Sie Ihr Lied vor Ihrer bunten Tafel , und das Leben der Gegenwart , das Sie unter so großen Mühen wiederzufinden suchen , wird gewiß zu Ihnen kommen , und wohl Ihnen , wenn es Sie nicht ertränkt und erstickt mit seinen bittern , trüben Fluten . « Leonhard Hagebucher hatte die Stirn tief gesenkt ; der Vetter Wassertreter aber schlug von neuem mit großer Gewalt auf sein Knie und rief begeistert : » Madam Klaudine , der Bursche kann ' s machen , und ich werde ihm helfen ! Hurra , da sollen nicht Nippenburg und Bumsdorf allein Augen und Ohren aufsperren ! Vivat , jetzt haben wir eine Beschäftigung für den Winter - « » Wo steht Euer trefflicher Gaul , Herr Wegebauinspektor ? « unterbrach die Frau Klaudine den Entzückten , und der Vetter , der gern noch länger das Wort behalten hätte , antwortete : » Nun , im Ochsen , wie gewöhnlich . « » So tut mir den Gefallen , Liebster , und schlendert hin zum Ochsen ; reitet heim und laßt mir diesen hier noch einige Augenblicke allein ; ich schicke ihn Euch so bald als möglich nach . Ihr habt mir ein freundliches Zutrauen erwiesen , Herr Vetter , indem Ihr Euren Schützling mir zuführtet , und daß ich dasselbe nicht täuschen werde , wißt Ihr . Laßt mir den Herrn Leonhard noch ein Stündchen , ich verspreche Euch auch , daß Ihr noch viele Freude an ihm erleben sollt . « Der Vetter Wassertreter machte eine Bewegung , als ob er sich die Hände wasche , und sagte greinend , indem er sich langsam erhob : » Madam Klaudine , es ist sicher , daß Ihr eine kluge Frau seid und daß man sich auf Euch jederzeit verlassen kann , auch wenn Ihr einem den Stuhl vor die Tür setzt . Ich habe schon Zerbrechlicheres als den Vetter Hagebucher in Eure Hände gelegt ; also wünsche ich Euch hiermit einen guten Abend und marschiere Eurem Wunsche gemäß nach dem Ochsen . Bringt ihn rum , ich meine den Jüngling aus Afrika , und laßt nicht los , eh Ihr seiner Unmündigkeit auf die Beine geholfen habt . Sei brav , Leonhard , und bedenke , wieviel Liebe und Ehre dir angetan wird . Solltest du mich bis gegen zwei Uhr morgens noch nötig haben , so melde dich unter meinem Fenster ; du weißt , daß der Schlaf meine schwache Seite ist . « » Guten Abend , Herr Wegebauinspektor ! « rief die Frau Klaudine ein wenig ungeduldig ; der Vetter Wassertreter küßte mit großer Zierlichkeit die Hand gegen sie und verschwand endlich pfeifend hinter den Büschen , ein gut Stück Weges begleitet von dem Wächter der Katzenmühle , einem stattlichen weißen Spitzhund , dessen Verwandtschaft in sehr guten Umständen auf dem Bumsdorfer Edelhofe lebte . Neuntes Kapitel Kaum hatte der Vetter den Rücken gewendet , und noch waren die melodischen Klänge , womit er seine Anabasis begleitete , nicht verklungen im Walde , als eine große Veränderung über die Bewohnerin der Mühle kam . Die ruhige Heiterkeit verschwand aus ihrem Gesichte , sie sah noch einen Augenblick angstvoll und scheu in die stille Wildnis vor ihrem Fenster ; dann faßte sie mit beinahe wilder Heftigkeit den Arm Leonhard Hagebuchers , stellte sich dicht vor ihn hin , sah ihm immer tiefer in die Augen und flüsterte : » So sind Sie endlich doch gekommen ? Weshalb kamen Sie nicht früher ? O es war sehr grausam , mich so lange warten zu lassen . Sie durften am wenigsten mit mir spielen , da Sie doch auch so Schweres leiden mußten und auch keine Waffen dagegen hatten ! Hat Ihnen niemand gesagt , wie die Einsiedlerin nach Ihnen verlangte ? Hat Ihnen selbst Nikola nicht von mir gesprochen und Sie zu mir geschickt ? O das war nicht gut , nicht gut ! Aber nun danke ich Ihnen doch , denn ich habe Sie ja und gebe Sie so leicht nicht wieder frei . Sie müssen mir alles sagen , von allem erzählen - Sie dürfen das Kleinste , das Geringfügigste nicht auslassen , denn es kann mir Leben oder Tod bedeuten , was Ihnen nichts ist . « Ratlos und bestürzt stand Leonhard unter diesem Schauer von rätselhaften Vorwürfen . Fragen und Bitten . Die Vorstellung , daß er sich einer Irrsinnigen gegenübersehe , drängte sich ihm mit aller Gewalt auf , und er wußte es dem Vetter Wassertreter wenig Dank , daß er ihn zu dieser geheimnisvollen Mühle und Frau geführt habe , um ihn sodann seinem Schicksal zu überlassen . Er sagte stammelnd und stotternd : » Es haben mir viele Leute und auch das Fräulein von Einstein von Ihnen gesprochen , und ich würde gern früher hierhergekommen sein , wenn ich geahnt hätte , daß die Frau Klaudine meinen Besuch so gern sehen würde . Ich will auch gern noch einmal meine Historie erzählen und mit allem Vergnügen jede mögliche Auskunft geben ; es läßt sich hier gut sitzen , und ich will recht oft kommen , wenn die Frau Klaudine ihre Erlaubnis gibt . « Die Frau Klaudine schüttelte traurig das Haupt . » Ich merke , man hat Ihnen doch nicht genug von mir erzählt . Ach , halten Sie mich nicht für eine Närrin : ich bin nur eine unglückliche Mutter und frage die Leute aus nach meinem Kinde . Verzeihen Sie mir meine Aufregung , lieber Freund . Ja , ich denke , wir werden recht oft und lange zusammensitzen , und da wollen wir einander allmählich besser kennenlernen . Nun reden Sie , was hat man Ihnen von der Einsiedlerin in der Katzenmühle gesprochen ? « Leonhard Hagebucher teilte mit , was dann und wann beiläufig im Gespräch vorgekommen war , und sodann , was der Vetter Wassertreter auf dem heutigen Wege von der Geschichte der Frau Klaudine ihm kundgemacht hatte , und die Bewohnerin der Mühle hörte nun