Jahre hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschränkt , sie war dann in Heinrichs Begleitung hinaufgegangen . Nach ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte Mamsell den Schlüssel zu der gemalten Thür übergeben , und seitdem benutzte sie jeden freien Augenblick , um hinaufzuschlüpfen ... sie führte sonach ein Doppelleben . Es war nicht nur äußerlich , daß sie dabei Höhe und Tiefe berührte , zwischen trüber Dämmerung und klarem Sonnenlichte wechselte - ihre Seele machte dieselbe Wandelung durch , und allmählich war sie so erstarkt , daß zuletzt alle Schatten , alles Trübe der unteren Region hinter ihr blieben , sobald sie die schmale , dunkle Treppe hinaufstieg ... Unten handhabte sie Bügeleisen und Kochlöffel ; ihre sogenannte Erholungszeit mußte sie ausfüllen mit Stickereien , deren Ertrag zu wohlthätigen Zwecken bestimmt war , wie wir bereits gesehen haben , und außer der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektüre streng verweigert . In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des menschlichen Geistes . Sie lernte mit wahrer Begierde , und das Wissen der rätselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschöpflicher Quell , wie ein geschliffener Diamant , dem nach jeder Richtung hin Funken entsprühen ... Außer Heinrich wußte niemand im Hause um diesen Verkehr , die leiseste Ahnung seitens der Frau Hellwig würde ihm natürlicherweise sofort den Todesstoß versetzt haben . Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschärft , streng die Wahrheit zu sagen , wenn es jemals darum befragt werden sollte . Dazu kam es indes niemals ; Heinrich wachte treulich , er stand auf der Lauer und hatte Augen und Ohren offen . Die dunkle Treppe war erklommen . Felicitas blieb horchend vor einer Thür stehen , schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd hinein . Da drin ging es toll zu - es war ein seltsames Gemengsel von Singen , Piepen und Schreien . Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen ; die Wände entlang liefen Boskette , wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte , und auf dem Gezweige hauste ein lustiges Vogelgesindel . Das war das Lebendige , das sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte . Die kleinen melodischen Kehlen sangen zwar immer die nämlichen Weisen , aber dafür hatten sie auch nicht jene unselige Wandelung der Menschenzunge , die heute » hosianna « und morgen » kreuzige « ruft . Felicitas schloß den Schieber und öffnete eine zweite Thür . Der Leser hat bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen , er kennt die Versammlung ernster Köpfe , die sich an den Wänden hinreiht , aber er weiß nicht , daß sie in innigem Zusammenhange stehen mit jenen großen , in roten Maroquin gebundenen Büchern , welche dort in einem altväterischen Glasschranke aufgeschichtet liegen ... Es ist eine gewaltige Flut , die von jenen Stirnen ausgegangen - wer sie zu entfesseln versteht , der kennt keine Einsamkeit , kein Verlassensein ... Die großen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es , welche in Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell teilten , und wie sich die Epheuranken vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten schlangen , ebenso vorurteilslos begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der altitalienischen , wie an der deutschen Musik . Der Glasschrank barg aber auch noch Schätze , die einen Autographensammler in Ekstase hätten versetzen können . Manuskripte und Handschriften jener gewaltigen Männer , die meisten von seltenem Werte , lagen in Mappen hinter den Scheiben . Diese Sammlung war in früheren Jahren zusammengetragen worden , wo , wie die alte Mamsell lächelnd meinte , ihr Blut noch feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie gestanden habe - manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener Ausdauer errungen worden . Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube . Sie kauerte auf einem Fußbänkchen vor einem geöffneten Schranke , und um sie her auf Stühlen und Fußboden lagen Rollen weißer Leinwand , Flanell und eine Menge jener kleinen Gegenstände , die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei beansprucht . Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden . Ihre feinen Züge hatten sich merkwürdig verändert , und wenn sie auch jetzt eben lebhafte Freude ausdrückten , so konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht verwischt werden . » Gut , daß du kommst , meine liebe Fee ! « rief sie dem jungen Mädchen entgegen . » Bei Tischler Thienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen , wie mir eben die Aufwartefrau sagte , und die Leute haben auch nicht das kleinste Stückchen Wäsche für das arme Kindchen ... Unser Vorrat ist noch recht anständig , wir werden ein ganz hübsches Bündel zusammenbringen , nur daran fehlt es « - sie setzte ein Mützchen von rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt eine schmale weiße Spitze daran . » Das könntest du gleich fertig machen , Fee , « fuhr sie fort ; » die Sachen müssen auf jeden Fall heute abend noch hingeschafft werden . « » Ach , Tante Cordula , « sagte Felicitas , indem sie Nadeln und Faden zur Hand nahm , » damit ist den Leuten nicht allein geholfen - ich weiß ganz genau , Meister Thienemann braucht auch Geld , und zwar fünfundzwanzig blanke Thaler . « Die alte Mamsell überlegte . » Hm , es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen , « meinte sie , » aber es wird doch gehen . « Sie erhob sich mühsam . Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem Musikzimmer . » Tante , « sagte sie plötzlich stehen bleibend , » die Frau Thienemann hat sich vor kurzem geweigert , deine Wäsche zu besorgen , um es nicht mit Frau Hellwig zu verderben - hast du nicht daran gedacht ? « » Ich glaube gar , du willst deine alte Tante aufs Eis führen ! « rief die