sah doch nichts ; denn ich hatte kein Verständniß mehr für das , was ich sah und hörte . Mein Begleiter , der sich während der Zeit im Saal umgesehen hatte , trat in diesem Augenblicke an mich heran . Ich habe Keine , die Ihrer Beschreibung gleicht , entdecken können , sagte er . Gott sei Dank ! ich athme ordentlich leicht , ich möchte die , welche wir suchen , um Alles in der Welt nicht hier gefunden haben . Aber mon Dieu , was ist Ihnen ? Sie sehen ja aus wie eine Leiche . Ich habe sie gefunden . Wo ? Da . Er nahm sein Glas und blickte mit gespanntestem Interesse einige Secunden auf Eleonore , die noch immer , ohne zu ahnen , wer zwei Schritte von ihr entfernt war , dastand und mit ihrem Tänzer conversirte und kokettirte . Dann ließ er mit einem mitleidigen Achselzucken das Glas fallen . Sein Gesicht war sehr ernst geworden . Pauvre homme , murmelte er . Da schmetterte die Musik noch lauter vom Orchester herab ; eine neue Tour in der Française begann ; die Reihe kam an Eleonore . - Sie hatte sich , seitdem ich sie zum letzten Male auf einem Balle der Bürgerressource von Fichtenau hatte tanzen sehen , sehr in ihrer Kunst vervollkommnet ; ja - ich kann sagen , daß ich weder vorher noch nachher , etwas Vollendeteres gesehen habe . Es war die entzückende Anmuth eines sich hinüber- und herüberwiegenden Wasserstrahls und dabei eine Leidenschaftlichkeit , wie sie vielleicht sonst nur noch bei den Zingarella ' s von Spanien und den Ghawazie ' s von Aegypten getroffen wird . In diesem Moment war es das sanfte Werben schmachtenden Liebessehnens , im nächsten die wahre Seele der Leidenschaft , die in jedem Nerv zuckt und jeder Muskel zittert , aber in dem einen , wie in dem andern der herrlichste Rhythmus wundervoll durcheinander verschlungener , und doch unendlich harmonischer Bewegungen . Dieser Tanz war Gesang - ein Gesang der Liebe - aber nicht der träumerischen , lindenduftathmenden , mondscheinbestrahlten deutschen , sondern der sinnlichen , sonnedurchglühten , narkotischen , orientalischen Liebe . Und dabei war ihr Gesicht ruhig , kaum eine Muskel regte sich , keine Spur von dem widerwärtigen stereotypen Lächeln so vieler berühmter Tänzerinnen . Nur ihre Augen brannten in einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte , jeder ihrer Bewegungen intensiver werdenden Feuer . Es war , als ob die Ruhe ihres Tänzers , der alle Pas mit sehr viel Grazie , aber mit vornehmer Nachlässigkeit , als komme er sich bei der ganzen Sache einigermaßen lächerlich vor , mehr ging , als tanzte , das leidenschaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und sie ihn durch alle Künste , in denen sie Meisterin war , aus seiner blasirten Apathie reißen wollte . Vielleicht war es wirklich so , vielleicht schien es auch nur - aber immerhin gewann der Tanz dadurch ein reiches dramatisches Leben und gewährte den Herumstehenden das anziehendste Schauspiel . Ah , la belle Allemande ! rief ein Enthusiast an meiner Seite . Grands Dieux , comme elle est jolie ! ein anderer ! bravo , bravo ! und er klatschte wüthend in die Hände , und die anderen Zuschauer folgten seinem Beispiele : Bravo , bravo ! Vive la reine Eleonore ! vive la belle Allemande ! Mein Freund faßte mich am Arme und zog mich tiefer in die Colonnade , unter der wir standen , zurück . Kommen Sie , sagte er . Wohin ? Fort von hier . Nimmermehr ! Sie können sich doch unmöglich für ein Geschöpf wie dieses noch interessiren ! Was wollen Sie von ihr ? Ich sage Ihnen ! sie ist verloren , rettungslos verloren ! Das wollen wir sehen ! murmelte ich . Der Franzose zuckte die Achseln : Ihr Deutschen seid eine seltsame Nation . Aber dann folgen Sie wenigstens meinem Rathe : Geben Sie hier nicht zu einer Scene Veranlassung , die Ihnen ein halb Dutzend Duelle auf den Hals ziehen könnte . Besuchen Sie das Mädchen morgen oder wann Sie wollen . Was zu wissen nöthig ist , will ich wenigen Minuten zusammen haben . Ich sah ein , daß sein Rath vernünftig war . Ich warf mich , während er durch die Menge davon schlüpfte , auf einen Sessel und stützte meinen Kopf in meine Hände . Es waren ein paar gräßliche Augenblicke . Meine Schläfen hämmerten , meine Glieder flogen - und doch war es still in mir , todtenstill und kalt . Und , Oswald , in diesen Augenblicken , wo ich , das Gesicht in die Hände gedrückt , in stummem fürchterlichem Schmerz , einsam unter der lärmenden Menge saß , während mein Abgott , die Geliebte meiner Jugend , das Weib , zu dem ich in meiner Kerkernacht gebetet hatte , wie zu einer glorreichen Heiligen , wenige Schritte von mir entfernt nach den Klängen einer wollüstigen Musik den wollüstigen Tanz der Herodias tanzte - da , Oswald , nahm ich für immer Abschied von dem Glück , vom Leben - da riß der Vorhang , der mir bis dahin das große Geheimniß verborgen hatte , mitten auseinander , und ich stand schaudernd an der Schwelle , die ich doch nicht zu überschreiten wagte und erst viele , viele Jahre später überschritten habe , denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hälfte geleert . Der Tanz hatte aufgehört . Um mich her wurde es lebhafter ; Lachen und Scherzen , das Rauschen von Gewändern dicht an meinem Ohr . Man nahm an den kleinen Tischen Platz , mit Eis und Champagner die Gluth zu kühlen - auch an meinen Tisch kam ein Paar , das keinen anderen Platz finden oder den Schlafenden für keinen gefährlichen Lauscher halten mochte . Sie lieben mich wirklich , Eleonore ? sagte eine weiche Männerstimme . Ja , Charles ! Von ganzem Herzen ? Von ganzem Herzen . Ich dachte , welchen Eindruck es