immer mehr sich herausstellendem Geist und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte , als sich jetzt erst offenbarte , nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längern Aufenthalt Lucindens ein , und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht , daß sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei sich behalten könnten , mit ihr aber länger nicht mehr mochten . Lucinde übersah das alles . Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas , während sie alles an sich zu verbergen wußte , selbst den Schreck und ihr wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester . Trotzig warf sie die Lippen auf und erklärte , sie ginge jeden Augenblick , wenn man ' s wünschte . Man irrte sich keineswegs , wenn man voraussetzte , daß sie auch vom Kammerherrn sich trennen wollte , wenn nicht eine andere Festsetzung ihres Verhältnisses zu ihm stattfände . Die Aussicht sogar , die Gattin desselben zu werden , schien ihr keineswegs zu hoch . Sie besaß einmal die Formel , die diesen verdunkelten Geist einigermaßen zu erhellen vermochte . Sie sagte sich , daß der vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen könnte , sich bei einer doch schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel zu stemmen . Darin irrte sie sich aber , wie sie von der hierin entscheidenden Persönlichkeit selbst erfuhr . In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus , der Vater des Kammerherrn . 9. Freiherr von Wittekind-Neuhof , Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs Westfalen , setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken . Als der Kammerherr den am Wirthshause haltenden väterlichen Reisewagen gesehen , der über und über bespritzt , langsam durch die morastigen Straßen des Oertchens zog , fuhr er wie ein wildes Thier auf , das seinen Wärter am Käfig vorüberstreifen hört . Er rannte im Hause hin und her , rollte die Augen , hielt den Mund geöffnet , wie in seinen Wuthanfällen , packte , als wollte er sich mit seinem Theuersten schützen , seine Farben , seine Pinsel , seine philosophischen Kugeln , Kegel , Dreiecke zusammen , griff nach einem Crucifix , das er sich selbst geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben , des Freifräuleins von Seefelden , selbst bemalt hatte , rief den Diener und schien sogar Lucinden vergessen zu haben . Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab . Die Pfarrerin suchte nach Lucinden , die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt , zugeriegelt hatte und keine Antwort gab . Der Pfarrer griff in die Gläser der Harmonica . Der ganze alte Zustand der Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurückgekehrt , dieser Zustand , der seit fast einem Jahre , so oft er sich während dessen gezeigt hatte , durch einen einzigen Ruf , durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besänftigen ließ . Die ängstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster : Fräulein ! Fräulein ! Sie klopften , als keine Antwort kam , an die Thür . Lucinde ließ nichts von sich hören . Mit ängstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck , trat leise mit den Zehen auf und hörte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des Kammerherrn . Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art , die die eines wilden , auf der Universität alt gewordenen Burschen war , die Natur eines nie anders als mit einem riesigen Neufundländer das Trottoir der Straße beherrschenden Pauk-Senioren alten Stils - er konnte stundenlang von seinen Suiten und den Paukereien auf der Mensur und dem besten , aber verrätherischen Freunde Klingsohr erzählen - ; johlend rief er über den Garten , schlug die Thüren , rüttelte am Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters höhnend und herausfordernd an . Bald erschien der Kronsyndikus selbst . Es war eine Gestalt von gleichem Wuchse wie der Sohn , hünenhafter Höhe und trotzigfesten Schrittes , so weiß auch schon sein Haar schimmerte . Er trug einen grünen Jagdrock , hohe Stiefel mit Sporen und ließ eine Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertänzeln . Doch lachte er , am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen , zum Fenster empor und schien besserer Laune als sein Sohn , den er schon draußen , zum Parterrefenster zu , mit folgenden Anreden seiner väterlichen Huld versicherte : Pinselheld ! Ha ! ha ! ha ! Stubenhocker ! Trifft man dich endlich einmal ? Farbenkleckser ! Schäm ' er sich ! Treibt sich in der Welt herum ! Muß ihn ' mal wieder mit Gewalt holen ! So tändelte er mit fingirter Ueberraschung , den Sohn hier zu finden , und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte . Dieser ging auch auf den Spaß ein . Der Vater tändelte mit dem Sohn , wie mit einem Hunde , den man zum Wedeln und Springen reizen will . Und im Hause wurde es nun ängstlich stiller ; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres . Man behauptete , daß der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war , den baumstarken , jüngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden Händen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge , Mund gegen Mund den Trotz desselben bändigend . Mit einem kurz zusammengeschleiften , liebkosenden Hui-hu ! Hui-hu ! Hui-hu ! trat der Kronsyndikus ins Haus . Die Verständigung im Erdgeschoß , die Begrüßungen und Auseinandersetzungen hörte Lucinde nicht . Aber das vernahm sie , daß es nicht sanft herging , daß die Kinder , der Pfarrer , die muthige Frau Pfarrerin wie immer thätig sein mußten , die Vermittler und Beruhiger zu machen . Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn , mit dem Lucinde schon lange conspirirte , auf den Zehen zu ihr geschlichen und theilte ihr flüsternd mit