dann und wann anderswo bedeutend reizte , und ich begann , über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu üben , sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war . Da ich mit meiner Mutter immer allein bei Tische saß und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung dachte als auf ein genaues Erziehungssystem , so wies sie mich nicht kurz und strafend zur Ruhe , sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir hauptsächlich vor , auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend , wie ich vielleicht eines Tages froh sein würde , an ihrem Tische zu sitzen und zu essen ; dann werde sie aber nicht mehr dasein . Obgleich ich dazumal nicht recht einsah , wie das zugehen sollte , so wurde ich doch jedesmal gerührt und von einem geheimen Grauen ergriffen und so für einmal geschlagen . Machte sie alsdann auch noch auf die Undankbarkeit aufmerksam , welche ich gegen Gott beging , indem ich seine guten Gaben tadelte , so hütete ich mich mit einer heiligen Scheu , den allmächtigen Geber ferner zu beleidigen , und versank in Nachdenken über seine trefflichen und wunderbaren Eigenschaften . Nun geschah es aber , daß in dem Maße , als ich ihn deutlicher erfaßte und sein Wesen mir unentbehrlicher und ersprießlicher wurde , mein Umgang mit Gott sich verschämt zu verschleiern begann und , als meine Gebete einen vernünftigen Sinn erhielten , mich eine wachsende Scheu beschlich , sie laut herzusagen . Meine Mutter ist eines einfachen und nüchternen Gemütes und nichts weniger als das , was man eine warm andächtige Frau nennt , sondern schlechthin gottesfürchtig . Ihr Gott war dazumal schon nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller Herzensbedürfnisse , sondern klar und einfach der versorgende und erhaltende Vater , die Vorsehung . Ihr gewöhnliches Wort war Wer Gott vergißt , den vergißt er auch ; von der inbrünstigen Gottesliebe dagegen hörte ich sie nie reden , und ich selbst habe eine Stimmung dieser Art erst später empfunden , als das Wesen Gottes mir endlich meiner reiferen Empfänglichkeit und Erkenntnis entsprechend sich ausgebildet hatte . Desto eifriger aber hielt sie darauf , und es ward ihr in unserer Verlassenheit für die lange und dunkle Zukunft eine Hauptsache , daß Gott der Ernährer und Beschützer mir immer vor Augen sei , und sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem unwandelbaren Gottvertrauen in mich . Infolge dieses rührenden Bestrebens wollte sie eines Sonntags , als wir uns eben zu Tische gesetzt hatten , das Tischgebet einfahren , welches bis dahin nicht üblich gewesen in unserm Hause , und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines altes Volksgebet vor , mit der Aufforderung , es jetzt und in Zukunft nachzubeten . Aber wie erstaunte sie , als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und dann plötzlich verstummte und nicht weiterkonnte ! - Das Essen dampfte auf dem Tische , es war ganz still in der Stube , die Mutter wartete , aber ich brachte keinen Laut hervor . Sie wiederholte ihr Verlangen , aber ohne Erfolg ; ich blieb stumm und niedergeschlagen , und sie ließ es für diesmal bewenden , da sie mein Benehmen für eine gewöhnliche Kinderlaune hielt . Am folgenden Tage wiederholte sich der Auftritt , und sie wurde nun ernstlich bekümmert und sagte » Warum willst du nicht beten ? Schämst du dich ? « Das war nun zwar der Fall , ich vermochte es aber nicht zu bejahen , weil , wenn ich es getan , es doch nicht wahr gewesen wäre in dem Sinne , wie sie es verstand . Der gedeckte Tisch kam mir vor wie ein Opfermahl , obgleich ich von einem solchen noch nichts wußte , und das Händefalten nebst dem feierlichen Beten vor den duftenden Schüsseln wurde zu einer Zeremonie , welche mir alsobald unbesieglich widerstand . Es war nicht Scham vor der Welt , wie es der Priester zu nennen pflegt ; denn wie sollte ich mich vor der einzigen Mutter schämen , vor welcher ich bei ihrer Milde nichts zu verbergen gewohnt war ? Es war Scham vor mir selber ; ich konnte mich selbst nicht sprechen hören und habe es auch nie mehr dazu gebracht , in der tiefsten Einsamkeit und Verborgenheit laut zu beten . » Nun sollst du nicht essen , bis du gebetet hast ! « sagte die Mutter , und ich stand auf und ging vom Tische weg in eine Ecke , wo ich in große Traurigkeit verfiel , mit einigem Trotze vermischt . Meine Mutter aber blieb sitzen und tat so , als ob sie essen würde , obgleich sie es nicht konnte , und es trat eine Art düstrer Spannung zwischen uns ein , wie ich sie noch nie gefühlt hatte und die mir das Herz beklemmte . Sie ging schweigend ab und zu und räumte den Tisch ab ; als jedoch die Stunde nahte , wo ich wieder zur Schule gehen sollte , brachte sie mein Essen , indem sie sich die Augen wischte , als ob ein Stäubchen darin wäre , wieder herein und sagte » Da kannst du essen , du eigensinniges Kind ! « worauf ich meinerseits unter einem Ausbruche von Schluchzen und Tränen mich hinsetzte und es mir tapfer schmecken ließ , sobald die heftige Bewegung nachließ . Auf dem Wege zur Schule ließ ich es nicht an einem vergnügten Dankseufzer fehlen für die glückliche Befreiung und Versöhnung . Als ich in späteren Jahren im Heimatdorfe auf Besuch war , wurde ich an das Ereignis lebhaft erinnert durch eine Geschichte , welche sich vor mehr als hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen hatte und einen tiefen Eindruck auf mich machte . In einer Ecke der Kirchhofmauer war eine kleine steinerne Tafel eingelassen , welche nichts als ein halbverwittertes Wappen und die Jahrzahl 1713 trug . Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes und erzählten allerlei abenteuerliche und fabelhafte Geschichten von demselben , wie es ein vornehmes Kind aus