und mit dieser frischen , thätigen Morgenwelt - so unharmonisch kam ihm wieder sein ganzes Sein zur ganzen großen Erdenwelt , so unharmonisch seine innere Sehnsucht zu seiner Stellung im Leben , zu seiner Umgebung , der Gesellschaft vor - in seiner innern Gefühlswelt vernahm er wieder nur lauter schrillende Mistöne - er fühlte , daß er heute noch ganz derselbe zerrissene Mensch sei , wie gestern , ja daß er dies Bewußtsein heute nur tiefer hatte , als jemals . - Und so war er denn jetzt auch wieder unglücklicher und nüchterner als jemals erwacht aus dem kurzen Taumel des Vergnügens . Er hätte heimgehen , und den Morgen verschlafen können , wie andere Male , sich in sein Lager vergraben , damit er auf ein paar Stunden wenigstens Nichts sehe und höre von dieser Welt , deren Treiben ihn eben jetzt so anekelte - aber er kehrte wieder um , als er an seiner auch schon offen stehenden Thüre ankam , und eilte die Straße entlang , durch das Thor , hinaus in ' s Freie . Erst verdroß ihn die Lerche , die jubelnd neben ihm aus der Saat aufwirbelte , und sich in ' s Blaue des Himmels hineinstürzte - verdroß ihm der Thau , der in luftigen Silberketten von Grashalm zu Grashalm schwebte , sah er die Blumen , die groß und wunderbar dem jungen Sonnenstrahl entgegen die Augen aufschlugen , verdrießlich an . - Aber wie er so hastig immer weiter lief , und auf eine Höhe kam , von welcher herab er plötzlich einen weiten Blick thun konnte in die ganze lachende Gegend hinein : da ging ihm plötzlich das Herz auf - da fühlte er , daß die Erde so schön sei , und die Natur so reich - und immer heller ward sein Blick , und er sah die Natur an , wie eine erste , jungfräuliche Geliebte , von der ihn lange ein feindliches Schicksal und der eigne unstäte Sinn getrennt - die aber jetzt ihm entgegentrat in aller Anmuth einer erblühten Schönheit , und ihn wieder zu sich zu ziehen strebte an ihre treue Brust . - Da war ihm , als habe er hastig hintereinander viele Masken im wechselnden Spiel getragen , bald habe er sich für einen Salonmenschen , bald für einen Trunkenbold bald für einen theatralischen Liebhaber , bald für einen leidenschaftlichen Spieler ausgegeben , und so immer wieder eine Maske mit der andern vertauscht - jetzt aber hatte er sie alle weggeworfen , und in dem Spiegel , welchen ihm die Natur vorhielt , schaute er sein wahres Gesicht - er fühlte sich wieder , er erkannte sich wieder - er war ein Poet ! - Er war nicht mehr in Verzweiflung , er verachtete sich nicht mehr selbst , wie vorher , aber er fühlte , daß sein Herz schmerzlich allein sei - allein , unverstanden , und daß in der Sehnsucht , die Wünsche des Innern zum Schweigen zu bringen , eben dieses Herz sich so oft zum Unwürdigen verirrte . Er versank in tiefes Sinnen - endlich schienen seine Gedanken und Gefühle zu dem Resultat zu kommen , das er leise vor sich hin sprach : » Ideale , wie ein Dichterherz sie träumt , giebt es in der Wirklichkeit nicht - und einer wirklichen Erscheinung das Ideal , das ich ersehne , anzudichten - dazu reicht meine Phantasie nicht mehr aus ! « Wie er das gesagt hatte , war er auf der andern Seite der Höhe herabgeschritten - er stand jetzt auf dem Hügel , wo zwischen den Linden sich die Steinbank befand , vor welcher Elisabeth auf die Kniee hingeworfen lag . Er blieb hastig , beinah erschrocken stehen - er erkannte sie wieder . Es war dieselbe hohe Jungfrau , welcher er begegnet war , als er von dem erschütternden Wiedersehen Amaliens gekommen war . So begegnete ihm diese schöne Erscheinung zum zweiten Male - ja zum zweiten Male in einem Moment , wo in ihm all ' seine Gefühle im Sturm sich erhoben hatten . Aber wie anders jetzt , als damals ! Damals hatte ein leuchtender Friede auf ihrem Gesicht gelegen , mit festen , leichten Schritten war sie an ihm vorübergegangen - jetzt lag sie hier hingeworfen , wie innerlich vernichtet - ihre goldenen Locken bemühten sich vergebens , ihre Thränen zu verschleiern , ihre gefalteten Hände zeugten wohl vom Gebet , aber doch von keinem Gebet , das Frieden und Erhörung gefunden . Langsam näherte er sich ihr , bis er ganz dicht neben ihr stand - da fuhr sie auf , und maß ihn mit einem langen , fragenden Blick der Bestürzung . » Sie sind noch so jung , und schon so unglücklich ? « sagte Jaromir mit der sanftesten Stimme des Mitgefühls . Sie griff nach ihrem Hut , und wollte sich rasch entfernen , ohne zu antworten - da warf sie unwillkührlich noch einen vorübergehenden Blick auf ihn - und er erwiderte ihn so aus tiefster Seele , so ernst und voll innigster , schmerzlichster Theilnahme , daß sie leise sagte : » Schonen Sie mich ! « und wieder in einen Strom von Thränen ausbrach . » Fürchten Sie keine beleidigende Annäherung von mir , « sagte er mit sanftem Ernst , » ich werde Sie nicht stören , wenn Sie in diese morgentliche Einsamkeit flüchteten , um Ihren Schmerz auszuweinen - glauben Sie mir , ich kenne das , und ich weiß jede Thräne zu ehren ! Bleiben Sie hier , ich störe Sie nicht , mein Weg führt nach der Stadt . « » Ich kann nicht länger hier bleiben , ich muß zurück ! « sagte Elisabeth . » Nun dann , « antwortete er , » will ich bleiben an dieser Stelle , welche Thränen geheiligt haben . « » Ich danke Ihnen , Sie scheinen auch nicht glücklich - mögen Sie an dieser Stelle mehr Beruhigung finden , als ich . « Nachdem sie