ihm , aber ich liebe die Frauen nicht , welche den Muth haben , sich über Vorurtheile wegzusetzen ; denn dieser Muth ist in meinen Augen eine Feigheit . Das ist hart ! sagte Alfred . Theresen ' s Arm zitterte in dem seinen und mit bebender Stimme sagte sie : Begreifen kann ich es , daß eine Frau aus Liebe so feig wird , nicht entsagen zu können , sich selbst untreu zu werden - vergeben kann ich es nie . So beten Sie , daß nie die Stunde der Versuchung für Sie komme ! rief Alfred ernst , als sie Theresen ' s Wohnung erreicht hatten und er sich empfahl , während Theophil und Eva mit ihr in das Haus gingen , um den Abend bei ihr zuzubringen . X Ich komme , Dich zu fragen , sagte an einem der nächsten Tage Herr von Reichenbach zu dem Präsidenten , ob Du das Testament geprüft hast und was Du davon hältst ? Der Präsident zog bedenklich die Schultern in die Höhe und meinte : die Sachen stehen für Dich nicht eben günstig . Ich halte es nicht für unmöglich , daß der Clerus in Deiner Ehescheidung , und namentlich , wenn Du daran denken solltest , Dich anderweit zu verheirathen , diese Handlung als ein Zeichen Deines Austrittes aus dem Kirchenbunde ansehen könnte , da ihm thörichter Weise von dem Erblasser eine Art geistlicher Aufsicht über die Besitzer des Nachlasses eingeräumt ist . Indeß fehlen noch die beiden Codicille , von denen Du mir gesagt hast und ohne die ich Dir darüber und wegen der Nachfolge Deines Sohnes keine bestimmte Auskunft geben kann . Alfred bedauerte diese Papiere nicht zur Hand zu haben , sie waren in seinem Schreibtisch geblieben und er konnte sie nicht gut von einem Andern hervorsuchen und sich nachsenden lassen . Der Präsident rieth ihm selbst davon ab und fügte hinzu : Ueberhaupt würde ich zunächst an Deiner Stelle die Sache nicht auf die Spitze stellen . Was gewinnst Du bei dem Scheidungsprozesse ? Welche Frage ! rief Alfred , ich lebe in der unglücklichsten Ehe , ich will mich trennen und Du fragst , was ich dadurch gewinne ? - Ich gewinne meine Freiheit wieder . Und fehlt Dir die jetzt ? fragte der Präsident . Bist Du nicht frei in diesem Augenblick ? Wärst Du ein armer Bürger , der sein kümmerliches Geschäft betreibt und eine Schaar kleiner Kinder hat , die einer Mutter bedürfen , wenn die rechte Mutter nichts taugt , so begriffe ich Deinen Wunsch , von der einen Frau geschieden zu werden , wenn Du eine andere nehmen wolltest . Für Dich aber ist es ein unkluger Schritt . Du liebst Deine Frau nicht , aber Du liebst vorläufig doch noch keine Andere . Gut ! so lebe Du hier und mag sie dort nach ihrer Neigung schalten . Der Plan , Dich von Deiner Frau durch den hiesigen Aufenthalt zu trennen , war vernünftig ; er machte Dich von den unangenehmen Berührungen völlig frei und gab kein unnöthiges Gespräch und Aufsehen . Der Vorsatz , Dich gerichtlich scheiden zu lassen , ist unpraktisch ; er macht Dich nicht freier und wird großes Gerede geben , da auf Dich , den beliebten Autor , die Augen der Menge gerichtet sind . Zur Scheidung ist es noch Zeit , wenn Du einmal eine neue Ehe eingehen wolltest , bis dahin warte damit . Was soll überhaupt die unnütze Eile ? Alfred saß nachdenkend da . Es lag viel Wahrheit in den Behauptungen des Präsidenten und dennoch war Etwas darin , das ihm widerwärtig und abstoßend erschien . Was ihn leidenschaftlich bewegte , was ihm zu einer Lebensfrage geworden war , von Andern kalt beurtheilt , es zum Gegenstande einer ruhigen Erwägung und Berechnung gemacht zu sehen , hatte etwas Schmerzliches und Verletzendes für ihn . Zudem verlangte sein Gemüth nach Schönheit , nach vollständigem Genügen , und in der Halbheit , die der Präsident ihm vorschlug , fanden auch diese Ansprüche sich nicht befriedigt . Mir sind gewaltsame Schritte allerdings auch sehr zuwider , sagte Alfred nach einer Pause , weil sie mein Gefühl beleidigen ; das , was Du Aufsehen nennst , ist mir aber sehr gleichgültig . Ich bin es gewohnt , dem Publikum gegenüber zu stehen mit meinem Dichten und Wirken ; ich scheue es nicht , ihm auch meine eigensten Verhältnisse darzulegen ; denn ich thue Nichts , was ich nicht vertreten kann , nichts als Das , was ich für mein heiligstes Recht , für meine Pflicht erachte . Wer spricht denn davon , daß Du ein Unrecht zu verheimlichen hättest ? entgegnete der Präsident . Aber denke Dir nur die Bemerkungen der Fremden , das Herumschleppen vor den Gerichten und was daran Widerwärtiges noch hängt , und ich glaube Du stimmst mir bei . Das fällt fort , meinte Alfred , wenn Caroline ebenfalls in die Scheidung willigt . Ganz und gar nicht ! nur bei kinderlosen Ehen genügt die gegenseitige Einwilligung zu einer Trennung und Du bist ja der Zustimmung Deiner Frau noch keineswegs sicher . Folge mir , Alfred ! laß die Angelegenheit noch eine Weile schweben . Wer weiß , wie sich Carolinen ' s Ansicht , wie Deine eigene Meinung sich noch ändert . Das Aeußerste zu thun , bleibt Dir ja immer Zeit . Inzwischen schreibt mir Caroline fast alltäglich , und in einer Weise , daß ihre Briefe mich immer neu verstimmen , sagte Alfred mißmuthig und seufzend . Schicke sie uneröffnet zurück . Das vermag ich nicht , ich kann meiner Frau , so lange sie noch meine Frau ist , solch eine Beleidigung nicht anthun ! erklärte Alfred sehr bestimmt , am Wenigsten , da Felix jetzt noch bei ihr ist . So hole ihn her , sagte der Präsident . Du hast mir , denke ich , schon vor einiger Zeit gesagt , daß Du einen Lehrer für ihn gefunden und Alles für seinen