. Er wohnte in einer Hütte von Lehmwänden , die außer der Schulstube nur sein Schlafkämmerchen faßte , hatte dreißig Gulden jährlichen Gehalt , außerdem das Schulgeld : zwölf Kreuzer für den Knaben und sechs für das Mädchen , einen Grasfleck für ein Rind und das Recht , zwei Gänse in die Gemeindeweide mit einzutreiben . Er versah seinen Dienst ohne Tadel , lehrte die Jugend nach der alten Manier , so wie sie im Dorfe seit hundert und mehreren Jahren gebräuchlich war , buchstabieren : G-e- , Ge , s-u-n-d , sund , h-e-i-t , heit ; Gesundheit - B-e-t , Bet , t-e-l , tel , Bettel , s-a-c-k , sack ; Bettelsack usw. und brachte die fähigsten Köpfe nicht selten so weit , daß sie Gedrucktes ohne sonderliche Anstrengung lesen lernten . Was das Schreiben anlangte , so ging auch aus seinen Händen dieser und jener hervor , der den eignen Namen zustande zu bringen wußte , wenn man ihn nicht übereilte , sondern ihm die nötige Zeit ließ . In diesem Systeme war unser Schulmeister fünfzig Jahre alt geworden . Da ereignete es sich , daß die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen , der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte . Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu , eines von denen , welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begründen wollen , und erteilten ihm die Weisung , seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren , sich selbst zuvörderst aus dem Buche zu unterrichten , und dann danach die veränderte Belehrung der Jugend anzufangen . Der Schulmeister las das Buch durch , er las es noch einmal durch , er las es von hinten nach vorn , er las es aus der Mitte , und er wußte nicht , was er gelesen hatte . Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten , von Auf- In- und Umlauten ; er sollte daraus die Laute trüben und verdünnen lernen , er sollte durch Säuseln , Zischen , Pressen , durch Näseln und Gurgeln die Laute hervorbringen , er vernahm , daß die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln , er erfuhr endlich daraus , daß das I der reine Urlaut sei , und daß dessen Erzeugung durch starkes Zusammendrücken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe . Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen , aber sein Flehen prallte zurück von dem ehernen Himmel . Er setzte sich wieder vor das Buch , mit der Brille auf der Nase , um schärfer zu sehen , wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gläser fertig werden konnte . Ach , nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren Rätsel des Daseins , die Sause-Zisch- Preß- Nasen- und Gurgellaute entgegen ! Darauf legte er das Buch weg , fütterte seine Gänse und gab einem Jungen , der gerade dazukam und sagte , der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen , zwei derbe Maulschellen , um durch das praktische Leben Aufschluß für die Theorie zu gewinnen . Umsonst . Er aß eine Knackwurst , sich körperlich zu stärken . Vergebens . Er leerte einen ganzen Senftopf , weil er gehört hatte , dieses Gewürz schärfe den Verstand . Eitles Bemühen ! Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen . Leider fühlte er am anderen Morgen , daß weder die Wurzeln , noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren . Gern hätte er das Buch , wie Johannes jenes vom Engel getragne , auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin , verschlungen , wäre er dadurch des Inhaltes Meister geworden ; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen ? Die Schule stand still , die Kinder fingen Maikäfer , oder jagten die Enten in den Teich . Die Alten aber schüttelten den Kopf und sagten : » Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht . « Eines Tages , nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bemühungen um den Sinn der Dünnung und Trübung abgearbeitet hatte , rief er : » Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin , so gibt sich vielleicht das übrige von selbst ! « - Er nahm sich vor , zuvörderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen . Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde , welches dort , unbekümmert um rationelle Lauterzeugung , empirisch brummte , stemmte die Arme in die Seite , drückte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin , und stieß nun die Töne hervor , welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten . Sie waren höchst sonderbar , und so auffallend , daß selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah . Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen ; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her . » Gevattern ! « rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus , » paßt einmal auf , ob es der reine Urlaut I wird ? « Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendrückung . » Gott behüte ! « riefen die Bauern , und gingen nach Hause , » der Schulmeister ist übergeschnappt , er quiekt schon wie ein Ferkel . « Und wirklich stand der arme Schulmeister nahe an der Grenze , über welche die Bauern ihn bereits gesprungen glaubten . Die Frist war abgelaufen , welche man ihm zum Selbstunterrichte gesetzt hatte , er sollte jetzt nach dem Buche lesen lernen lassen , eine Visitation seiner Schule durch den Herrn Schulrat Thomasius nahte heran , die Verzweiflung trat ihm zum Herzen , und seine Gedanken begannen zu schwärmen . Andre sind durch das Brüten über der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria , oder über dem Geheimnisse der Trinität , oder von dem Gedanken an die Ewigkeit verrückt geworden ; warum sollte ein Dorfschulmeisterlein nicht durch eine moderne Sprachlehre den Verstand verlieren können ? Genug