älter zu sein , als in ihrem gewöhnlichen Zustande , und doch auch zugleich viel schöner . Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam , als St. Julien betrachtet , und niemals war ihr die seltne Schönheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen , als diesen Abend . Sie erschien ihr in ihrer frischen , eben aufblühenden Jugend wie eine zarte junge Rose , die bewußtlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet . Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen , und sie mußte sich gestehen , daß , obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte , sie doch auch zugleich wohlthätig wirkte . Sie betrachtete mit Rührung die geliebten Züge , die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen , und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den großen braunen Augen , deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward , und er erschien ihr , ihrer frischen jungen Rose gegenüber , wie eine Blüthe unter einem heißerem Himmel entsprossen , noch ungewohnt der rauheren Luft , die deßhalb krank und welk noch schmachtete , und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte . Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden Grafen ; er vermehrte die Gesellschaft , aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben ; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn , und die Worte , mit denen er St. Julien seine Freude darüber bezeichnete , ihn so weit hergestellt zu finden , daß er sein Zimmer verlassen könne , erschienen diesem kurz und kalt . Die Gräfin that einige Fragen an den Grafen , die ausweichend beantwortet wurden ; St. Julien glaubte , daß seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere , und stand deßhalb auf , um sich nach seinem Zimmer zurück zu ziehen . Des Grafen Theilnahme kehrte wieder , als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte . Er bot ihm die Hand , um ihm aufstehen zu helfen , und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln : Da Ihre Kräfte zunehmen , und Sie sich bald wieder frei werden bewegen können , so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen , das Schloß nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen , um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen . Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde , sagte St. Julien scherzend , bemerken Sie wohl selbst , da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag . In vollem Ernst , sagte der Graf zwar höflich , aber sehr bestimmt , ich muß Sie bitten , mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden , daß Sie sich hier bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten , folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloß nicht verlassen wollen ; auch auf den Fall nicht , sezte er finster hinzu , daß Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten , sie zu begleiten . St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an , bemühte sich dann , kalt und ernst , die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben , um sie dem Grafen zu reichen , und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür , daß er sich als Gefangener betrachten und das Schloß nicht ohne Erlaubniß des Grafen verlassen wolle . Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen ; er versuchte es dann sich nach der Thür zu bewegen ; Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel ; Dübois , der im Vorzimmer gewartet hatte , trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zurück . Was ist vorgefallen ? fragte die Gräfin mit Besorgniß , sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte ; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben ? Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde , sagte der Graf finster , alle Festungen ergeben sich , das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen . Sie müssen landeseingeborne Führer haben , kein Thal , keine Schlucht bleibt verschont , und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land . Haben Sie diese übeln Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren ? fragte die Gräfin . Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln , sagte der Graf , obgleich ich sie von ihm habe . Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt ; man wollte sich berathen , aber man sah bald ein , daß man gezwungen sein würde , den Umständen gemäß zu handeln , folglich keine Beschlüsse im Voraus fassen könne , und die Gesellschaft , die sich versammelt hatte , um zu berathschlagen , vereinigte sich , da sie nichts Besseres thun konnte , zu einem so kleinmüthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen , daß ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde . Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft , daß , wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten , sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen würden , den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe . Die Physiognomie des Menschen , der diese Bemerkung machte , war so einfältig , daß ich kaum glaube , er hat etwas Boshaftes gemeint , aber ich wurde durch sein Geschwätz daran erinnert , daß ich , um hier St. Julien besser zu verpflegen , als es im Hospital geschehen sein würde , und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen , auf dem Wege dahin umzukommen , mich selbst verpflichtet habe , sobald es von der Regierung gefordert würde , ihn als Kriegsgefangenen zu stellen , und nahm ihm deßhalb das Ehrenwort ab , uns nicht zu verlassen , da er es gewiß bald erfährt , daß seine Freunde in der Nähe sind . Die Nachrichten , die der Graf den Frauen mittheilte , waren wohl geeignet , Unruhe zu erregen , und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war , wurde man darüber einig , daß es allerdings möglich sei ,