Der alte Mensch begann mit einem Lob über die Novelle vom Ewigen Juden ; der Dichter aber , viel zu fein und gebildet , als daß er seinen Gast hätte auf diesem Lob stehenlassen , wandte das Gespräch auf die Sage vom Ewigen Juden überhaupt , und daß sie in ihm auf jene Weise aufgegangen sei . Der Ewige schnitt , zur Verwunderung des Dichters , grimmige Gesichter , als dieser unter anderm behauptete : es liege in der Sage vom Ewigen Juden eine tiefe Moral , denn der Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der , welcher seinen Schmerz über getäuschte Hoffnung gerade an dem auslasse , der diese Hoffnungen erregt habe ; besonders verworfen erscheine er , wenn zugleich der , welcher die Hoffnung erregte , noch unglücklicher erscheine , als der , welcher sich täuschte . Es fehlte wenig , so hätte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt , und wäre dem wirklich genialen Dichter als Ewiger Jude zu Leib gegangen . Noch verwirrter wurde aber mein alter Hofmeister , als jener das Gespräch auf die neuere Literatur brachte . Hier ging ihm die Stimme völlig aus , und er sah die nächste beste Gelegenheit ab , sich zu empfehlen . Der brave Mann lud uns ein , ihn noch oft zu besuchen , und kaum hatte er gehört , wir seien völlig fremd in Berlin , und wissen noch nicht , wie wir den Abend zubringen sollen , so bat er uns , ihn in ein Haus zu begleiten , wo alle Montag ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schönen Literatur bei Tee versammelt sei ; wir sagten dankbar zu und schieden . Zwölftes Kapitel Satan besucht mit dem Ewigen Juden einen ästhetischen Tee Ahasverus war den ganzen Tag über verstimmt ; gerade das , daß er in seinem Innern dem Dichter recht geben mußte , genierte ihn so sehr . Er brummte einmal über das andere über die » naseweise Jugend « ( obgleich der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war ) , und den Verfall der Zeiten und Sitten . Trotz dem Respekt , den ich gegen ihn als meinen Hofmeister hätte haben sollen , sagte ich ihm tüchtig die Meinung , und brachte den alten Bären dadurch wenigstens so weit , daß er höflich gegen den Mann sein wollte , der so artig war , uns in den ästhetischen Tee zu führen . Die siebente Stunde schlug ; in einem modischen Frack , wohlparfümiert , in die feinste , zierlichst gefältelte Leinwand gekleidet , die Beinkleider von Paris , die durchbrochenen Seidenstrümpfe von Lyon , die Schuhe von Straßburg , die Lorgnette so fein und gefällig gearbeitet , wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht , so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar ; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles höchst sonderbar angezogen , wie er z.B. die elegante , hohe Krawatte , ein Berliner Meisterwerk , als Gurt um den Leib gebunden hatte , und fest darauf bestand , dies sei die neueste Tracht auf Morea . Nachdem ich ihn mit vieler Mühe geputzt hatte , brachen wir auf . Im Wagen , den ich , um brillanter aufzutreten , für diesen Abend gemietet hatte , wiederholte ich alle Lehren über den gesellschaftlichen Anstand . » Du darfst , « sagte ich ihm , » in einem ästhetischen Tee eher zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen ; du darfst nichts ganz unbedingt loben , sondern sehe immer so aus , als habest du sonst noch etwas in petto , das viel zu weise für ein sterbliches Ohr wäre . Das Beifallächeln hochweiser Befriedigung ist schwer , und kann erst nach langer Übung vor dem Spiegel völlig erlernt werden ; man hat aber Surrogate dafür , mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann , ohne es entfernt gelesen zu haben . Du hörst z.B. von einem Roman reden , der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll ; man setzt als ganz natürlich voraus , daß du ihn schon gelesen haben müssest , und fragt dich um dein Urteil . Willst du dich nun lächerlich machen und antworten , ich habe ihn nicht gelesen ? Nein ! du antwortest frisch drauf zu : Er gefällt mir im ganzen nicht übel , obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht ; er hat manches Tiefe und Originelle , die Entwickelung ist artig erfunden , doch scheint mir hie und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu sein . Sprichst du so , und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt , so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen . « » Dein Gewäsch behalte der Teufel « , entgegnete der Alte mürrisch ; » meinst du , ich werde wegen dieser Menschlein , oder gar um dir Spaß zu machen , ästhetische Gesichter schneiden ? Da betrügst du dich sehr , Satan , Tee will ich meinetwegen saufen , soviel du willst , aber - « » Da sieht man es wieder « , wandte ich ein , » wer wird denn in einer honetten Gesellschaft saufen ? wieviel fehlt dir noch , um heutzutage als gebildet zu erscheinen ! nippen , schlürfen , höchstens trinken - aber da hält schon der Wagen bei dem Dichter , nimm dich zusammen , daß wir nicht Spott erleben , . Ahasvere ! « Der Dichter setzte sich zu uns , und der Wagen rollte weiter . Ich sah es dem Alten wohl an , daß ihm , je näher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen , desto bänger zumut war . Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten über die Erde wandelte , so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhältnisse finden , daß er alle Augenblicke anstieß . So fragte er z.B. den Dichter unterwegs , ob die Versammlung , in