und meinte denn , daß sie das auch gar nicht zu wissen verlange . Ich soll ihr nur nichts vorsätzlich verschweigen , und vor allen Dingen ihr gerade das sagen , wobei mir einfiele , daß ich es nicht gern sagen will . Das habe ich ihr denn endlich auch versprochen , denn ich denke , das kann mir doch einmal nützlich sein , da sie es doch so gut mit mir meint . Es ist mir auch selbst sogar lieb , daß ich doch jezt jemand Vernünftiges habe , mit dem ich alles überlegen kann , und der mir guten Rath giebt . « » O du dummes Kind , dann ist ja bei der ganzen Geschichte keine Freude mehr ! « seufzte die trauernde Babet , sezte sich verdrüslich mit ihrer Karte in eine Ecke , Theodor und die Seeligkeit des letzten Kottillions fielen ihr wieder ein , und sie weinte bitterlich wohl eine Viertelstunde lang , bis sie zulezt darüber vor Betrübnis einschlief . Wenige Tage später wurde eine neue berühmte Oper gegeben , und Babet und Agathe erhielten die Erlaubnis , der ersten Vorstellung derselben unter dem Schutze der Mamsell Virnot beizuwohnen . Seit Vicktorinens Krankheit hatten sie dieser Freude entbehrt , also lange genug , um ihr jezt mit Entzücken entgegen zu gehen , und so war denn der einsam ruhige Abend für die versprochne Lebensgeschichte der Tante gewonnen . Im Zimmer herrschte mehrere Minuten lang eine fast andächtige Stille , welche weder Angelika , noch Vicktorine unterbrechen mochte ; die Tante sah so wehmüthig feierlich aus , indem sie sich , ohne ein Wort zu sprechen , in ihren Armstuhl niederlies . Deshalb verstummten auch beide Mädchen , und mochten aus Zartgefühl es gar nicht wagen , sie durch Worte oder Blicke an ein Versprechen zu erinnern , dessen Erfüllung ihr , wie sie selbst gestanden hatte , schmerzlich sein mußte . Doch es bedurfte bei ihr keiner Mahnung , denn nach einer kleinen Pause nahm sie , wenn gleich sichtbar beglommen , von selbst das Wort . » Das ruhige Beieinandersein des heutigen Abends wollen wir benutzen , wie ich es Euch verheissen habe , « sprach sie ; » aber mir ist doch sonderbar dabei zu Muthe , wahrscheinlich , weil ich nie gewohnt war , von mir selbst viel zu reden . « » Ich wußte von jeher zu viel von der Welt , als daß ich hätte wünschen können daß sie viel von mir wissen möge und so seid Ihr denn die ersten , denen ich je von mir und der Geschichte meines Lebens Rechenschaft ablege . Meine Erzählung wird indessen doch lang sein , denn mein Leben war ' s. Es war doch auch mitunter recht öde , recht schmerzenvoll , recht arm ! « sezte die Tante , von ihrer Erinnerung unwillkührlich fortgerissen , hinzu , und sah dabei so trübe und schweigend vor sich hin , wie man einem bei sinkender Dämmerung sich entfernenden Gegenstande nachblickt . Angelika rückte ihr leise näher , Vicktorine , heftig wie gewöhnlich , schloß sie in ihre Arme und rief , indem sie mit besorgter Theilnahme ihr ins Gesicht sah : » Tante , liebe Tante , wenn es Sie schmerzt « - doch diese wehrte sie freundlich von sich ab . » Nicht doch , « sprach sie , » und wäre es auch ! Ihr beide seid ja meine geliebten Töchter , und Mutterliebe achtet keiner Schmerzen . Es liegt doch auch wieder gewissermassen etwas Erfreuliches in dem Gefühle , mit welchem wir am Ende einer langen gefahrvollen Bahn den zurückgelegten Weg noch einmal überschauen , und die , welche ihn erst antreten wollen , durch unsre mühsam erworbne Erfahrung zu leiten suchen , « sezte die Tante nach einer kleinen Pause mit gefälligem , wenn gleich anfangs etwas erzwungnem Lächeln hinzu . » Was ich Euch erzählen will , ist übrigens kein erheiterndes Mährchen , wie es für Euern jugendlichen Sinn sich passen möchte , aber mährchenhaft wird es Euch doch wohl zuweilen vorkommen , wenn Ihr die verfallne Gestalt der alten Tante anseht und sie dabei von jenem Zauber sprechen hört , dessen Nachhall ihr noch immer nicht verklungen ist . Von jenem Zauber , « fuhr die Tante mit feuriger Beredsamkeit fort , » von jenem Zauber , der bis in mein spätes Alter im Innern mich jung , im Aeussern mich kräftig erhielt ; der alle Hyroglifen des Lebens am Ende mir herrlich auflöste , der , wenn gleich erst spät , im Schmerz , wie in der Freude , das hohe Geschenk eines Lebens mich recht würdigen lehrte , in welchem Gott uns die Liebe zur Begleiterin gab , die am Ende unsers Tagewerks freundlich mild , wie der Abendstern bei sinkender Nacht , uns zur Ruhestätte leuchtet , um uns beim Erwachen wieder zu empfangen . « Vicktorine und Angelika blickten gerührt auf die Tante . Indem diese so sprach , schien sie vor ihren Augen höher , schöner , jugendlicher zu werden , denn der erhebende Ausdruck vollkommner , seeliger Ruhe nach langer mühvoller Pilgerfahrt , verbreitete seinen verklärenden Zauberschein über ihre ganze Gestalt , so daß die Mädchen sie kaum wieder erkannten . Wie sie damals , mag vielleicht ein seeliger Geist die eben verlassne Erde und die geliebten Menschen auf ihr , noch einmal überschauen , eh ' er den höhern Flug vollends aufwärts , der ewigen Heimath zuwendet . » Es ist wunderbar , wie groß und breit und gewaltig die Kluft zwischen ehmals und jezt sich in diesem Momente vor mir ausbreitet , indem ich zurückblicke in meine Vergangenheit , « fuhr die Tante nach einer kleinen Pause sehr ernsthaft und nachsinnend fort . » Es wird in der That fast nöthig , daß ich einen Anlauf nehme , wie jeder gern thut , der im Begriffe steht einen grossen Sprung zu wagen ; denn wahrlich ! es ist ein Riesensatz von dieser Stunde an , bis zu