sich verantworten zu dürfen . Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der Leidenschaft , und wiederholte den gegebenen Befehl , ihn sogleich , ohne Aufschub , zum Tode zu führen . Da bemächtigte sich des Unglücklichen die Verzweiflung , die nichts mehr zu hoffen , nichts mehr zu fürchten hat . Außer sich fiel er den Kaiser an , der sich dieser Kühnheit nicht versah , schlug ihn zu Boden , raufte ihm den Bart aus , und würde ihn mit starker Faust erwürgt haben , wenn nicht die Umstehenden hinzugeeilt wären , und mit vieler Mühe ihn aus den Händen des Rasenden gerettet hätten . Jetzt wollte man , empört über so unerhörte Frevelthat , ihn zum Tode schleppen , ohne einen neuen Befehl des athemlosen Kaisers dazu zu erwarten . Aber siehe - er winkt mit der Hand - noch kann er nicht sprechen , doch sein gütiges Auge befiehlt Schonung - zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne . Da ruft ihn Otto zu sich , und spricht mit sanftem Ton : » ich bekenne , daß nicht Du , sondern Gott durch Deine Hand mich gezüchtiget und geschlagen , dieweil ich das Obrigkeitliche Amt in Anhörung der Sach durch Zorns Verleitung hab unterlassen . Weil ich nun meines Amts vergessen , so hat mich Gott an diesem Tag des Herrn durch Deine Züchtigung mit gebührendem Schmerz erinnern lassen , wie ich mich hinführo in dergleichen Fällen verhalten soll . Derowegen rede , was zu Deiner Nothdurft dient , darob ich wissen kann , wie diese Begebnis zu entscheiden . Hierdurch ermuthigt , trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor , und fügte die demuthsvolle Bitte um Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu . Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen , und er hob das früher gefällte Todesurtheil wieder auf , und begnadigte den Reuigen . Doch , dieweil Du mir den Bart , die Zierde des Mannes , mit kühner Hand zerrauft und verwüstet hast , fügte er hinzu , so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht meiden , und mir nicht unter die Augen treten . XV Lachend über den Schluß der Erzählung , die Erna mit komischem Ernst vortrug , auf eine Menge alter Autoritäten sich berufend , aus denen sie dieselbe geschöpft hatte , wandelte man noch lange umher , um - von der eintretenden Dämmerung gedrängt - wenigstens flüchtig noch die übrigen Portraite zu betrachten , die als Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst , und als Gepräge ihres Zeitalters so viel Interesse einflößten . Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten , dem schönen , jugendlichen Kaiser , den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz des Lebens dahin raffte , und bei Adolph von Nassau , dem muthigen Nonnenentführer , der so früh Krone und Leben verlor . Mitleidig gingen sie an dem unglücklichen Heinrich dem Vierten vorüber , den der eigene undankbare Sohn vom Throne drängte , ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Würde rauben ließ , sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab ; aber schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab , der mit einer Physionomie , als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker bestimmt , seine ganze , scheußliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst ausdrückenden Blicken trägt . Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse seiner Wangen , die das feindselig glühende Auge fast begräbt , scheint von dem eingesogenen Blut zu strotzen , das er so reichlich vergoß , und das wahrhaft fürchterliche Lächeln , das seine Züge umschwebt , flößt Entsetzen , statt Vertrauen ein . - Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwärtigen Eindruck , den es auf sie machte , sich noch nicht erholt , als der Gesandte , der ihnen ein wenig vorausgegangen war , sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich hinzog . Hier wartete ihrer eine anmuthigere Ansicht . Sie fanden ihn vor der Sirene ihrer Zeit , der reizenden Maria Stuart , die im schwarzen Sammthäubchen , das liebetrunkne Auge sanft erhoben , und den zarten Spitzenkragen um den noch zarteren Schnee des üppigen Busens geschmiegt , in wunderbarer Schönheit ihnen entgegen strahlte . Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab , auf denen sie ruhte , und der blendende Schmelz ihrer blühenden lebenathmenden Farben bezeichnete sie in der jugendlichen Frische jener Zeit , wo noch der Thron statt des Kerkers ihr Loos war , so wie das still vor sich hin träumende Lächeln ihres verführerischen Mundes schweigend zu verkündigen schien , daß damals wohl die Regungen einer zärtlichen Leidenschaft , doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem Innern nagte . Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglücks beim Anblick ihrer Schönheit bei den Herren ; manch strenges , wiewohl gerechtes Urtheil von Seiten der Damen , die bei der Uebersicht ihrer Schicksale fanden , daß sie nicht durch unvermeidliche Verhängnisse , sondern größtentheils durch ihre eigene Schwäche , das Vergessen ihrer nicht nur königlichen , sondern auch weiblichen Würde , das Beleidigen alles Zartgefühls und das Verläugnen jeglicher Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen erwarb , mit denen Natur und Rang sie geschmückt hatte . Erna schwieg , wie sie zu thun pflegte , wenn ihr milder , aber stets der Wahrheit geheiligter Sinn , nicht zu vertheidigen vermochte . Doch hörte sie mit Aufmerksamkeit dem Für und Wider zu , wodurch man sich bemühte , die unglückliche Königin theils zu verdammen , theils zu entschuldigen . Nun , wir wollen uns nicht streiten , sagte der Gesandte lächelnd , als die Debatten immer lebhafter wurden . Eine schmerzliche Buße , und am Ende der versöhnende Tod haben jetzt ja