Mutter ! - Ich ging schnell in mein Zimmer , und spielte kniend ein Danklied . Stephani an seine Verwandten . Der Fürst war da , sah mich malen , und wollte wissen , was ich vorhabe . Niemand konnte es ihm sagen , und so ließ er mich gestern zu sich rufen . Ich sah den Laufer durch die Glasthüre , konnte wohl denken , daß es mir gälte , und trat heraus zu bitten : der Fürst möge mir erlauben , ihm Abends aufwarten zu dürfen . Ich war auf den Morgen bestellt . Die seltene Güte dieses grossen Menschen macht einen dreist , und er ahnet nicht einmal , daß diese Dreistigkeit etwas Ungeziemendes enthalte . Während ich aber mit dem Laufer sprach , war Fränzchen , ein Kind von zwei Jahren , mit seinem Steckenpferde durch die offene Thüre getrabt , und stand nun , wie versteinert , vor dem Bilde . Sobald er zu sich selbst kam , rief er überlaut : Gretchen ! Gretchen ! und wollte im vollen Gallop wieder davon . Aber ich nahm ihn gefangen , bedeutete ihm , daß es eine grosse Freude , wie am Christabend werden solle , aber Niemand etwas davon wissen dürfe . Wolle er artig und verschwiegen seyn , so solle er Farben und Pinsel bekommen , und mir unten an dem Bilde malen helfen . Er versprach Alles ; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben , legte sein Steckenpferd zur Seite , und machte sich an das Geschäft . Jetzt wurden ihn die andern draussen gewahr , und verlangten nun auch eingelassen zu werden . Er aber versicherte ihnen sehr ernsthaft : das könne nicht geschehen . Sie seyen viel zu laut und unartig ; er aber sey artig und verschwiegen , habe auch Farben und Pinsel , und sie mögen nur gleich weiter ziehen , und uns nicht stören . Wollen sie nun etwa böse darüber werden , und sein Steckenpferd zerschlagen , so gehe das auch nicht ; denn er habe es bei sich behalten . Es ist ein herrliches Kind , mit einem grossen , brennenden Dichterauge . Ich will ihn unter die himmlischen Heerscharen , von denen die Heilige angebetet wird , versetzen , und mich soll wundern , ob er sich findet . Wenn sie aufsteht , sich setzt , sich zu den Kindern beugt - wie ganz anders , als die übrigen weiblichen Körper ! - keine Begierde , Leidenschaft in irgend einer Bewegung . O , wie soll ich es ausdrücken ! - Nichts , nichts Irrdisches ! Heilig ! heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse ! und nie wird das sichtbarer , als wenn sie steht . Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrücken , so sage ich leise : die Jungfrau ! - Ich weiß nicht , ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes nachempfindet ? - Mir ist es die höchste Musik . Auch sage man von der Göttlichkeit der männlichen Gestalt , was man wolle , zu dieser Heiligkeit erhebt sie sich nicht . Ich weiß wohl , was man mir einwenden kann . Aber versteht mich ! Die höchste männliche Schönheit , welche jemals dargestellt ist , wurde entweder zum Kampfe gerüstet , oder nach siegreich gekämpftem Kampfe dargestellt ( Jupiter , Apoll ) . Tief in der Seele jener Künstler , welche das Ideal männlicher Schönheit darstellten , lag also die Ahnung : daß Kraft ; keinesweges Sittlichkeit das Erste sey , wonach sie zu streben haben . Ihr zweifelt ? - Wohlan ! macht die Probe ! Werft die Kraft weg ! laßt Schönheit und Sittlichkeit . Habt ihr einen Mann ? - Das behaupten wir nicht ! - ruft ihr - Haben wir die Kraft als nothwendiges Erforderniß geläugnet ? Aber schön , zum edeln Zwecke geleitet , harmonisch , mit einem Worte : sittlich soll sie seyn . Das aber läugne ich euch geradezu . War Jupiters , Apolls Kraft eine sittliche ? - Aber läugnet einmal , daß es eine männliche war ! Was folgt hieraus ? - daß das Ideal der männlichen Schönheit nie ohne Kraft , wohl aber ohne Sittlichkeit , um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen könne . Führt nur keine Venus an ! denn wofern sie euch mehr , als idealisirter Liebreiz ist , thut ihr ihr zu viel Ehre . Ich aber spreche von einer Jungfrau im höchsten Sinne des Worts , und vor der fällt eure Venus nieder ; sey es auch , daß sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal übertreffe . Was beweißt das für euch ? - Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter , den knienden Apoll - Wahnsinn ! - Nicht wahr ? Ihr gesteht es ? Oder seyd ihr noch nicht zufrieden ? Wollt ihr der Proben noch mehrere ? Gut ! so fragt euch dann : wer ist der unmännlichste Mann ? der Häßlichste ? der Unsittlichste ? - Keinesweges ! es ist der Schwächste . Nun fragt weiter : welches ist das unweiblichste Weib ? - das stärkste ? das häßlichste ? - keinesweges ! es ist das unreinste , das unsittlichste . Und so müßt ihr dann zugeben : daß , wollt ihr Männlichkeit mit einem Worte ausdrücken , ihr Kraft , Weiblichkeit , ihr Reinheit , oder , was dasselbe ist , sittliche Schönheit sagen müsset . Gesteht , ihr seyd überwunden ! und wenn ihr es nicht gesteht ; so kommt und seht mein Bild . Ich bin weit von der Furcht entfernt , ihr möchtet das Alles für kindischen Dünkel nehmen . Ihr kennt mich ja . - O nein ! nein ! ich will mich nicht halten ! will laut triumphiren , daß es mir gelang , daß ich gewürdigt wurde , die Himmlische darzustellen . O , ich bin zu selig , als daß ich irrdische Rücksichten nehmen könnte . Verzeiht dem Künstler ! ich halte das Bild für eine Angelegenheit