Gebelfer eines Schmoller , dessen wuthschäumender Biß vergiftete wie der eines tollen Hundes Fauchte Jener wie ein schwarzer Panther , dies häßlichste unzähmbarste aller Raubthiere , dessen gelbe Schwefelaugen man aus der Finsterniß der Käfigecke in nimmersatter Mordlust funkeln steht , - so brüllte Leonhart wie ein Löwe . Aber auch ihm fehlte des Löwen Majestät , des Leoparden Grazie . Gepeinigt von jenem Magenkrampf galleüberfüllter Bestien , letzte er seine stachlige Zunge im Blut der Opfer . Ergriff ihn die rasende Wuth seiner Weltverzweiflung , so zerriß er die ganze Heerde und soff Blut , bis er berauscht niedertaumelte . Er wollte Blut sehen , das Zerreißen selbst war seine Lust . Und sein Tatzenhieb vergiftete zugleich die Wunden , die er schlug , wie des Tigers Klaue ein Gift verbergen soll . Lag nicht in dem ewigen Gejammer und Weltanspucken Leonharts eine unmännliche Schwäche verborgen ? Das Leben ist ja kein Liebeslied , sondern ein Schlachtgesang . Das Genie findet fortwährend das Ei des Columbus . Warum nicht hier ! Hätte er doch lieber alles Unedle deterministisch aus Abstammung , Erziehung und Umständen erklären sollen ! Faßte er nicht alles gleich von der schlimmsten Seite auf und nahm stets die schlechtesten Motive an , welche vielleicht ja unbewußt mitspielten , aber noch nicht als wirkliche bewußte Infamie aufgefaßt werden brauchten ? Krastinik überlas nochmals das Urtheil des Tagebuchs über Schmoller . Er lächelte . Nie hatte er Leonharts Vorliebe für diesen Mann bis zu solchem Grade begreifen können . Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mächtig in ihm . Er sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus . So wie der freche Maurergeselle sich alleine » Arbeiter « nennt , als ob andre Leute vom Müßiggang lebten , und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag , dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt , - so blickte dieser Arbeiterdichter im Dünkel seiner Bornirtheit auf alles herab , was nicht mit dem Modethema des Tages , der sogenannten socialen Frage , zusammenhing . Der Größenwahn des Socialismus ins Litterarische übersetzt . So hatte der Graf stets geurtheilt , obschon er dem großen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren ließ . Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein , - warum wandte er sie denn nur Schmoller gegenüber an ? Warum sah er nicht die Gebrechen der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge ? Gewiß ein zugleich ekelhaftes und komisches Schauspiel , diese Krämpfe der Ohnmacht , die sich ihres Nichts nicht bewußt werden will und alles besser könnte , wenn sie nur Zeit hätte . Oder diese idealen Pumpiers , die jeden » Collegen « , der nicht grade verhungert , als reichen Filz verschreien , wenn er ihnen nicht die Mittel zum faulen Schlampampen bieten will . Und doch - von » Lumpen « zu reden ist leicht . Aber wieviel bittre Scham , wieviel Erröthen vor sich selbst , wieviel Qual gekränkten Stolzes , welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump- und Pumpleben begleiten ! Und wie natürlich erscheint der verzehrende Neid gegen den , der nicht nur größer , sondern auch in glücklicheren Verhältnissen ! Recht wohl kann die Raserei herostratischer Neidwuth sich mit der tiefen und reinen Läuterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden . Denn widerspruchsvoll ist der Menschengeist . Drum will auch alles Menschliche so verstanden und entschuldigt werden . Warum empfand Leonhart nicht selbst das harte Loos nach , das Loos der Edelmann und Haubitz ? Nachdem man sich von Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt , nun plötzlich zu entdecken ( - denn , ohne es zu gestehen , besitzt der Neid ja Argusaugen für das Größere - ) , daß ein Anderer von dem trügerischen Apollo noch viel bedeutendere Vicekönigs-Vollmachten erhielt ! Das scheint gleichsam ein Betrug des Schicksals , ein Verrath der Muse , und sich dafür zu rächen , blieb als letztes Labsal dem Ex-Minister des Parnaß ! Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids ? Allerdings darf man sich nicht verhehlen , daß Jeder sich selbst der Nächste ist . Steuert man daher nicht den zügellosen Orgien neidgelben Größenwahns , so verzögert sich die Erkenntniß der Wahrheit , an der man sich somit durch lässiges Zusehen versündigt . Und hier handelte es sich freilich nicht um die Person des Dichters , sondern in ihm um die Zukunft der Poesie . Man konnte Leonhart gewiß nicht verwehren , daß er sich deren erwehrte , die seinem Dichterthum ans Leben wollten . Aber er hätte denn doch - das Recht ihm zugestanden , daß er selbst lebe - den Satz der Humanität mehr beherzigen sollen : » Die Andern wollen auch leben . « Die sprüchwörtliche Antwort darauf » Je ne vois pas la nécessité « ziemt sich für einen Weltmann , aber nicht für einen Prediger des Idealen . Wohl kennt die Welt keinen andern Prüfstein des Werthes , als den Erfolg . Wer früher über einen Alvers spöttelte , gehörte jetzt gewiß zu seinen lautesten Schmeichlern . Was manche » Unabhängige « an Leonhart benörgelten , das beräucherten sie ja jetzt schon nach seinem Tode . Denn die Menschen sind zwar sehr beschränkt und sehr boshaft , doch nicht so sehr , daß sie nicht zu Sinnen kämen , wenn ihnen das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt . Gewiß , der Mannesstolz vor Fürstenthronen wird immer verdächtig , wenn er sich an Könige- ohne -Land richtet . Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu gerathen , wenn seine » Judasse « , wie er das charakteristisch im Vertrauen Krastinik gegenüber nannte , ihm als sauertöpfische » Aufrichtigkeit « angebliche Wahrheiten ins Gesicht warfen , die er als hohl und wesenlos erkannte . Kurz , wohin der Graf auch blicken , wie auch immer er sich das Bild seines todten Idols vergegenwärtigen mochte , überall fand er jetzt Kleinliches und Schwächliches . Alles in der Welt hat zwei Seiten ; es kommt