, in der verwerflichen oder in der guten Art ? Er setzte sich abermals höchst bedächtig auf einen Stein und sann darüber nach , traurig und verfroren ; denn in guten jungen Tagen fragt man sich wohl einmal , ob man gut oder böse sei , ob aber eitel , anmaßend oder unerträglich , erst wenn man etwas mürbe geworden und ordentlich durchgeregnet ist . Da fiel sein Blick auf das triefende Päcklein , das er in seinen Händen hielt , und er fand sofort , daß der Inhalt desselben wohl das Produkt der Selbstgefälligkeit sein dürfte , welche ihn in so frühem Alter unbewußt getrieben hatte , ein Bild von sich selbst zu entwerfen und festzuhalten . Doch als er dieses selbe Bild näher und nicht unliebsam betrachtete und der Sonnenschein der entschwundenen Jugendzeit durch das dunkle feuchte Wachstüchelchen zu leuchten begann , glaubte er sich sagen zu dürfen , daß die Eitelkeit der eingewickelten Bücher zu der guten Art gehöre , welche ihren Inhaber zierlich verlockt , sich selbst zu ergänzen und darzustellen , und ihm hilft zu sein , was er seiner Natur nach sein kann . Wie er nun das verhüllte Buch in Gedanken durchblätterte , sah er jene Stelle , wo er in den frühesten Tagen der Kindheit seine kleinen Mitschüler ins Unglück hineingelogen und eine ganze Malefizgeschichte über sie aus dem Stegreif ersonnen hatte , und damit tauchte die weitere Frage in ihm auf , ob er eigentlich von Grund aus eine Neigung zum Wahren oder zu dessen Gegenteil habe ; denn ohne die Liebe zur Wahrheit und Aufrichtigkeit ist die Eitelkeit in allen Fällen ein schädliches Laster . Da er aber seit nun bald zwanzig Jahren nicht die mindeste Lust zu solcher Teufelei mehr verspürt und sich auch gestehen konnte , aufrichtig um das Wahre bekümmert zu sein , so beruhigte er sich über diesen Punkt und suchte sich nur jene so ausgeprägte Kinderuntat auf andere Weise zu erklären . Und da führte er sich dann den seltsamen Vorgang auf die angeborne Lust und Neigung zurück , im lebendigen Menschenverkehr zu wirken und zu hantieren und seinerseits dazu beizutragen , daß alle Dinge , an denen er beteiligt , einen ordentlichen Verlauf nähmen . Dem Kinde war der Unterschied zwischen Gut und Böse oder vielmehr zwischen wahrer und falscher Sachlage nicht bewußt und völlig gleichgültig ; die Erwachsenen hatten jenen Handel unvernünftig eingeleitet , das Kind hatte nichts zu tun , als , da ihm die wirkliche Gerechtigkeit verborgen war , eine poetische Gerechtigkeit herzustellen und dazu erst einen ordentlichen faktischen Stoff zu schaffen . Auch erinnerte er sich noch heute , daß er damals ohne die mindesten Gewissensbisse und mit dem unbefangensten Interesse dem angerichteten Schaden zugesehen . Gedachte er nun noch , wie er um die gleiche Zeit sich Bilder von Wachs gemacht und eine tabellarische Schicksals- und Gerechtigkeitsordnung über sie geführt , so schien es ihm jetzt beinahe gewiß , daß in ihm mehr als alles andere eigentlich eine Lust läge , im lebendigen Wechselverkehr der Menschen , auf vertrautem Boden und in festbegründeten Sitten das Leben selbst zum Gegenstande des Lebens zu machen . Mit diesen tüchtigen Gedanken stand Heinrich auf und sah , daß er sich über einem Tale befand , und dicht zu seinen Füßen lag ein altertümliches Städtlein , wo um ein graues mächtiges Kirchenschiff und um den Giebel des Rathauses sich ein Hundert kleine Häuser zusammenkauerten . Heinrich sah in die paar Sträßlein und auf den Platz hinein , wie auf einen Pfannkuchen , und sah zu seiner Verwunderung , daß die ganze Einwohnerschaft trotz des Regenwetters auf den Beinen war und die kleine Offentlichkeit des Ortes erfüllte . Er bemerkte auch alsbald , daß einige Feuerspritzen , begleitet von vielen Männern in kühnen Feuerkappen , sich durch das Gedränge bewegten , und da er keinen Rauch sah , so nahm er an , daß diese Leute wohl ihre herbstliche Feuermusterung mit Spritzenprobe hielten . So war es auch ; denn indem um das Rathaus herum Platz gemacht wurde und man Feuerleitern daran legte , fingierte man kühnlich einen Brand auf dem Dache desselben , und alle Fenster des Städtleins waren geöffnet , und die Einwohner , so nicht auf der Straße waren , harrten vergnügt unter den Fenstern der tapferen jährlichen Bespritzung ihres Rathausgiebels . Um die Übung unternehmender und künstlicher zu gestalten , waren die Spritzen in kleinen Seitengäßchen verteilt , und die langen Schläuche zur Freude der Stadtjugend , die verstohlen darauf herumtrampelte , zogen sich in mäandrischen Windungen bis zu dem unsichtbaren Feuer hinan . Männer standen hoch auf den Leitern und schritten auf dem Dache , die metallenen Wendröhren in der Hand , während andere ihnen von unten auf Befehlsworte zusandten und sie auf die gefährlichsten Punkte aufmerksam machten . Aber als nun das Abenteuer vonstatten gehen sollte , da gab es eine große Verwirrung , ein Rufen , Schreien , Schelten und zuletzt ein bedenkliches Durcheinanderdrängen und Puffen , ohne daß die Leute wußten , woran es lag und wie sie sich helfen sollten . Heinrich aber sah ganz herrlich , woher die Not kam , und hätte gern gelacht , wenn er nicht so naß gewesen wäre ; denn die Wendrohrführer hatten in der kunstreichen Verschlingung der Schläuche jeder das unrechte Rohr ergriffen , und als sie nun oben auf dem Kapitol ihrer Spritzenmannschaft laut zuriefen , Wasser zu geben oder damit nachzulassen , je nach der Wendung des Abenteuers , da gab immer die Spritze eines andern Wasser oder versiegte plötzlich , so daß ihr Vorkämpfer vergeblich sein Rohr kühnlich emporhielt und klug zielend hin und her schwenkte , während sein Nebenmann , der an nichts dachte , unerwartet Wasser bekam und dem Bürgermeister damit die Perücke abspritzte , der den Kopf aus einer Dachluke streckte . Immer größer ward die Verwirrung , und ein allgemeiner Kampf schien zu entstehen ; denn den einfachen Grund , die Verwechslung der Wendröhre , entdeckte niemand , da die verschlungenen