er doch auch vielleicht entwichen in einem langen Siechthum ! Was der Strömung der Zeit angehört , wird heut von ihr auf der Woge hoch getragen , daß es die Wolken ansprützt , um morgen im Abgrund zu versinken . Der Kothurn , den wir heut bewundern , morgen belächeln wir ihn . So liefert die Tragödie von gestern immer Stoff zur Komödie von heute . Louis Bovillard sahen wir durch die Thürritze als Träumer . Im Kostüm des englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt . Die jungen mochte er nicht verletzen wollen , denn er war plötzlich ein anderer geworden . Er war in ihrem Kreise voll Laune , Witz , liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh , aufmerksam auf jede Neckerei , die er in dem Tone wiedergab , von dem sie ausging.Was hatte ihn so verwandelt ? Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen Gesichtszüge , die Adelheid ihm zeigte ? Man kann ja nicht immer in einer Gesellschaft den Träumer spielen , sonst wird man langweilig ; und Adelheid mochte das auch denken , denn nichts verrieth , daß sie sich über diese Veränderung wunderte . Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des Klaviers . Aber Louis musste längst vergessen haben , um was er am Instrumente saß . Er träumte wieder , denn er hatte sich in Akkorde vertieft , die wohl zu einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck passten , aber nicht zu der harmlosen Situation aus der jüngsten Reichard ' schen Oper , noch zu den Scherzen des Suchens nach der Musik . Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt ? denn sie war allmälig verschwunden vor den dumpfen , langaushallenden Tönen , die er den Tasten entlockte . Nur Eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben , und als er die Phantasie mit einem Tonschlage schloß , der wie ein tief aufseufzender Meeresstoß gegen das Eis brach , respondirte ein Ton der Bewunderung aus ihrer Brust . » Das war zu göttlich ! Eigentlich verdiente es einen Kranz ! « Comteß Laura war aufgesprungen , und ehe der Fortepianospieler es sich versah , fuhr ihr weicher Arm um seine Schulter und steckte das Bouquet feuriger Nelken , das sie in der Schürze getragen , rasch ihm an die Brust . Als er den Arm fassen wollte , um den Dank auf die Hand zu hauchen , war die Nymphe entschlüpft . Das Unglück aber wollte , das die Zipfel ihres garnirten Tuches an seinen Rockknopf sich genestelt . Das Tuch war lang und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne , daß sie an ihn gefesselt war . » Sie zerreißen mein Tuch . « Er zog sie langsam an sich . » Was wollen Sie ? « - » Sie strafen , daß Sie entfliehen wollten . « Sie musste ihr Tuch mehr lieben , als die Strafe fürchten , sonst hätte sie doch das Tuch losgelassen und wäre entflohen . Als er ihr jetzt entgegensprang , um sie zu strafen , erschreckte ihn nicht ihr leichter Schrei , mit dem sie dem strafenden Arm sich zu entwinden suchte , sondern - eine Erscheinung . Adelheid stand zwischen der Thür und ihm , die Hand ans Herz gepresst , als fühle sie einen Schmerz , blaß , mit Geisteraugen , wie eine Bildsäule . » Meine Herren , schnell den Arm der Damen ! « riefen mehrere Stimmen , als durch die offene Thür der Zug zum Speisesaal vorüberging . » Sans gêne , Jeder wer ihm zunächst steht . « Ob er , ob die Comteß das Tuch vom Knopfe losgenestelt , wissen wir nicht , aber es musste losgemacht sein , denn Bovillard fand kein Hinderniß mehr , als er der ihm Nächststehenden den Arm öffnete . Es machte sich von selbst , es ging nicht anders , ohne einen Verstoß . Es war Adelheid , die der Strom auf ihn zudrängte , während er die Comteß fortschob . Auch sie musste , sie stand ihm zu rechts . Aber sie weinte . Eigentlich bebte nur ihre Brust . » Ihre Schlussakkorde - es war mir , als ob - als ob etwas sprang - « » Darf ich ? « rief die näselnde Stimme des Baron Eitelbach zur Comteß , ohne sich tief zu neigen . Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an , und steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem » qu ' importe ! « Es machte sich auch von selbst . Es waren die letzten Gepaarten . Drei Paare folgten einander zu Tisch , von denen Keiner am Abend erwartet , daß der Zufall ihn zu dem Andern führen würde . Die zwei sahen wir eben ; ihnen voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach . Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter . Fünfundsechszigstes Kapitel . Ein belauschtes Intermezzo . Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten . Es war Vieles vorgefallen , was diese Audienz , um die er nicht nachgesucht , immer wieder aufgeschoben hatte . Der Minister war einmal zum Könige berufen gewesen , eine dringende Konferenz hatte sich ein ander Mal in die Länge gezogen . Man hatte ihm hinaus sagen lassen , es thue dem Minister sehr leid , aber um ihm seine Zeit nicht zu rauben , werde Excellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen . Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen . Nicht weil ein entfernter Bekannter , der sich plötzlich seinen Freund nannte , heut Morgen zu ihm gestürzt war , mit der frohen Kunde , die er vom Schwager des Bruders eines Kanzleibeamten gehört , daß derselbe seine Brochüre auf dem Arbeitstisch des Ministers liegen gesehen . Seine Schrift hatte Walter fast vergessen . Was war es jetzt Zeit zu Organisationen . Es war kein anderer Impuls in ihm . als die Lust des Atoms , sich aufzulösen