daß , wofern zuvor aufs Reine gebracht wäre , was die Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sey , die Frage , was sie in einem ganzen Staat sey ? sich dann von selbst beantwortet hätte : da hingegen diese letzte Frage nicht ausgemacht werden könne , ohne den Begriff der Gerechtigkeit schon vorauszusetzen ; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen , und nur insofern als diese gerecht seyen , finde Gerechtigkeit in jenem statt . - Es wäre in der That unbegreiflich , wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen Einwurf nicht vorausgesehen hätte . Er kann ihm aber nur von solchen gemacht werden , die mit den Mysterien seiner Philosophie gänzlich unbekannt sind . Plato setzt bei allen seinen Erklärungen , wovon auch immer die Rede seyn mag , eine Art dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus , abgebleichte , durch den Schmutz der Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit , womit sie bedeckt sind , unkenntlich gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist , dumpfe Erinnerungen , welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses Leben mitgebracht , die sich zu deutlichen Begriffen des Wahren eben so verhalten wie Ahnungen zu dem was uns künftig als etwas Wirkliches erscheinen wird , und in deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht , womit die Philosophie unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu Hülfe kommen kann . Dieses aus der Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen Zuhörern aufzuklären , ist itzt das Geschäft des platonisirenden Sokrates . Sie besteht , nach ihm , in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft . Um dieß seinen Hörern anschaulich zu machen , war es allerdings der leichtere Weg , zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn müsse ; und erst dann , durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten Gemeinwesens , die wahre Auflösung des Problems , welche Glaukon und Adimanth im Namen der übrigen Anwesenden von Sokrates erwarteten , ausfindig zu machen . Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in größern Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt ; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt , ist das Innere dessen was er seine Seele nennt . Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben , lass ' uns sehen wie Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht . Es ist wirklich eine Lust zuzuschauen , wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern , einem Feldbauer , Zimmermann , Weber und Schuster , gleich einer himmelan steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn , zu einer mächtigen , glücklichen und in ihrer Art einzigen Republik emporwächs ' t. Daß es sehr schnell damit zugeht , ist Natur der Sache ; und mancher Leser mag sich wohl kaum enthalten können zu wünschen , daß die Sokratische Manier einen noch schnellern Gang erlaubt hätte , und daß wir nicht alle Augenblicke durch die Frage : oder ist ' s nicht so ? aufgehalten würden , wobei die beiden Gebrüder mit ihrem ewigen : ja wohl ! eine ziemlich betrübte Figur zu machen genöthig sind . Das Einzige was wir dem wackern Glaukon zu danken haben , ist , daß wir in der neuen Republik etwas besser gehalten und beköstiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war . Denn , wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu seyn und schlecht zu essen gewohnt war , so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt gehen , Kleider und Schuhe nur im Winter tragen , von Gerstengraupen , Mehlbrei und Kuchen leben , und auf Binsenmatten , mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut , in geselliger Fröhlichkeit Mahlzeit halten . Aber auf Glaukons Vorstellung , daß sie doch auch einige Gemüse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben sollten , läßt er sich gefallen , ihnen noch Salz , Oliven , Käse , Zwiebeln und Gartenkräuter , auch statt des Nachtisches Feigen , Erbsen , Saubohnen , Myrtenbeeren und geröstete Bucheckern zu bewilligen . Bei den Bucheckern scheint dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen ; er wird für einen wohlerzogenen Athenischen Patricier ein wenig grob , und fragt den Sokrates : wenn er eine Republik von Schweinen zu stiften hätte , womit er sie anders füttern wollte ? - Was wäre denn zu thun , Glaukon , erwiedert dieser mit seiner gewohnten Kaltblütigkeit . - Ei was bei allen rechtlichen Leuten der Gebrauch ist , antwortet jener : lass ' sie , anstatt so armselig zu leben , fein ordentlich auf Polstern um Tische herumliegen , und gib ihnen zu essen wie man heutzutage zu speisen pflegt . Ah , nun versteh ' ich dich , sagt Sokrates ; meine Stadt , worin alles nur für die wirklichen Bedürfnisse ihrer Bürger berechnet ist , scheint dir zu dürftig ; du willst eine , wo es recht üppig zugeht . Sey es darum ! Wiewohl jene die wahre und gesunde ist , so hindert uns doch nichts , wenn ihr wollt , auch eine kranke , von überflüssigen und verdorbenen Säften aufgedunsene Stadt etwas näher zu besehen . Er läßt sich nun in eine umständliche Aufzählung aller der unnöthigen und bloß der Eitelkeit und Wollust dienstbaren Personen und Sachen , Künste und Lebensarten ein , welche die Ueppigkeit , wofern ihr der Zugang in die neue Stadt einmal geöffnet wäre , den Einwohnern in kurzem unentbehrlich machen würde ; und wir andern Liebhaber der nachahmenden und bildenden Künste können uns nicht enthalten , ein wenig schel dazu zu sehen , daß er bei dieser Gelegenheit auch von den Malern und Bildnern , Tonkünstlern und Dichtern , mit ihren Dienern , den Rhapsoden , Schauspielern und Tänzern , als von Leuten spricht , die in seiner gesunden Stadt nichts zu schaffen hätten , und die er ohne Bedenken mit den Putzmacherinnen und