Kerl bin ich dennoch gewesen , als ich so platonisch , so ganz nach dem Schema liebte und ein grüner Junge war ! Wie unverschämt hab ich da geküßt , die Kleine und die Große , zum Morgen- und Abendbrot ! Und jetzt , da ich so manches Jahr älter bin und ein Stück Welt gesehen habe , wird es mir schon bang , wenn ich nur daran denke , diese schöne und gute Person zu unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen ! « Dann starrte ich wieder in die Luft hinaus ; doch kaum waren einige Minuten vergangen , während welcher ich neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am Horizont oder ein schwankendes Reis zu meinen Füßen betrachtete , so kehrten die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück ; denn das eiserne Bild erlaubte nicht , daß sie länger anderswo spazierengingen . Als ich eines Abends einen steilen Klippenpfad hinunterstieg , trat ich in der traurigen Zerstreutheit fehl und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen , daß ich nicht wußte , wie ich unten ankam , und mich zu meiner Kränkung und Beschämung ziemlich verletzte . Ein anderes Mal saß ich im Feld auf einem verlassenen Pfluge , der in der abgebrochenen Ackerfurche stand , und machte wohl ein sehr betrübt dummes Gesicht ; denn ein vergnügt grinsender Feldlümmel , der mit einem irdenen Selterskrüglein , das ihm am Rücken hing , dahergeschlenkert kam , stand vor mir still , gaffte mich an und begann endlich unbändig zu lachen , indem er sich mit dem Ärmel über Mund und Nase fuhr . Schon das arme Krüglein tat mir in den Augen weh , da es so stillvergnügt und unverschämt von der Schulter dieses Burschen baumelte , der wahrscheinlich seinen Vespertrunk darin mitgeführt hatte . Wie konnte man ein solches Krügelchen herumtragen , als ob es kein Dortchen in der Welt gäbe ? Da der grobe Gesell nicht aufhörte , dazustehen und mir ins Gesicht zu lachen , stand ich auf , trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihn dergestalt hinter das Ohr , daß der arme Kerl zur Seite taumelte ; und eh er sich wieder fassen konnte , prügelte ich all das Weh auf den fremden Rücken und zerschlug auch seinen Krug , daß mir die Hand blutete , bis der Feldlümmel , welcher glaubte , der Teufel sei hinter ihm her , sich aus dem Staube machte und erst aus einiger Entfernung anfing , mit Steinen nach mir zu werfen . Nach dieser humanen Heldentat ging ich langsam davon , schüttelte den Kopf und seufzte über soviel Herzeleid , das in der Welt sei ! Von solcher Aufführung selbst angegriffen , dachte ich nicht , mich daran aufzureiben , sondern suchte den Weg , mich aus dem Irrsal zu befreien . Ich musterte und verglich alle Umstände , um feststellen zu können , daß ich nicht der Mensch sei , eine Neigung wie diejenige Dortchens erwecken zu können . Was dem einen recht , ist dem andern billig ! und : Wie du mir , so ich dir ! sind zwei goldene Sprüche auch in Liebeshändeln , wenigstens für sonst verständige Menschen , und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewißheit , daß sein Leiden nicht geteilt wird . Nur eigensinnige und selbstsüchtige Verfassungen laufen Gefahr , sich aufzulösen , wenn sie von denen nicht geliebt werden , die ihnen gefallen . Aber was hätte sein können und nicht geworden ist , macht unglücklich , und der Trost hilft nicht , daß die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen ; nur das Gegenwärtige , was man kennt , ist heilig und tröstlich . Nachdem ich nun ausgemacht hatte , daß Dortchen nicht an mich denke , ward ich etwas ruhiger und begann zu ratschlagen , ob ich zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit ihr die Sache entdecken wolle oder nicht . Ich gedachte im ersten Falle , gelegentlich , eh ich abreiste , ihr lachend und manierlich zu gestehen , welchen Rumor sie mir angerichtet , und sie zugleich zu bitten , sich nicht darum zu kümmern ; denn nun sei alles wieder gut und ich wohl und munter . Auf der anderen Seite aber tauchte die Besorgnis auf , ein derartiges Geständnis möchte doch als schlaue Liebeswerbung angesehen werden und mich in ein schiefes Licht bringen , der Geliebten aber einen trüben Tag bereiten . Ich verfiel daher wieder in ein unruhiges und trauriges Nachsinnen , ob ich es tun solle oder nicht , bis zuletzt es mir doch möglich schien , mit unbefangenem Vertrauen ihr durch offene Darstellung des über mich gekommenen Ungewitters , unter Scherz und Lachen , eine kleine Erheiterung zu gewähren , die sie wohl verdiene , und mir zugleich die verlorene Ruhe zu verschaffen . Und zwar nahm ich mir vor , es sofort zu tun . Es war eben Sonnabend und das gute Wetter auch für den kommenden Tag in Aussicht . Ich beschloß daher , den Sonntagmorgen mit seinem stillen Glanze zu der verwegenen Verhandlung zu benutzen , heut aber mich nicht mehr sehen zu lassen , um nicht durch neue Eindrücke irre zu werden in meinen Vorsätzen . Der Morgen geriet auch auf das schönste ; ein wirklicher Vorfrühling lachte mit seinem wolkenreinen Himmel durch alle Fenster , und ich war trotz einiger süßen Bangigkeit doch guter Dinge , da ich meiner baldigen Freiheit und Erlösung von der schmählichen Beklemmung entgegensah und mir einbildete , nichts anderes erreichen , zu wollen . Und dennoch beruhte die ganze süße Aufregung , in welcher ich mich feiertäglich herausputzte und fortwährend auf neue Scherze sann , die ich in die bevorstehende Plauderei verflechten wollte , auf dem Selbstbetruge , mit dem ich mir verbarg , daß mich nur der Wunsch beseelte , mit Dorotheen wohl oder übel von Liebe zu sprechen . Aber es fand sich , daß sie schon am Sonnabend meilenweit weggefahren war , um eine