aus dem Angeklagten einen Ankläger machen würde . Dann von diesem gewaltsamen Gegenstande zu anderen Vorstellungen übergehend , sah er sich handelnd und redend , streitend und Überzeugend oder sich unbefangen überzeugen lassend , unter den Menschen verkehren und durch das bloße Hervorkehren eines guten Gewissens , einer wahren Natur und Offenheit , eines unverhohlenen und kräftigen Benehmens die Lügner überführen , die Unentschlossenen antreiben und die vorsätzlich Unklaren zum Sehen zwingen , jeden Handel bestehen , jede Verwirrung zerstreuen und durch das einfachste und unverfänglichste Dasein das Wahre an sich ziehen und Heiterkeit um sich verbreiten . Er sah sich das Verwerfliche unter allen Bedingungen verwerfen und ohne Prahlerei und Salbung , ohne Verzerrung des Gesichtes und Verrenkung des Lebens überall für das Sprüchlein einstehen Ehrlich währt am längsten und Was dem einen recht , ist dem andern billig ; und er lachte ruhig und unbekümmert diejenigen aus , welche weiser zu sein glaubten als diese einfache Lehre und weitsehender als deren unabweichliche Folgen . Dann , indem er wieder des Flurschützen gedachte und den Grund von dessen bestialischem Wesen aufzufinden sich bemühte , stellte er sich die Gestalt desselben nochmals lebendig vor die Augen , und indem er die rollenden Augen , die hochroten Backen und Nasenpolster , den grauen , wohl im Stand gehaltenen Schnurrbart , den dicken Bauch und die blanken Knöpfe des Dienstrockes betrachtete , sah er wohl , daß das Fundament alles dieses anmaßlichen , behaglich brutalen Gebausches eine unbegrenzte Eitelkeit sei , die sich , da sie einer halben Bestie angehörte , nicht anders als in solcher Weise äußern konnte » Dieser Kerl , welcher vielleicht der beste Vater und Gatte war und ein ganz guter Geselle unter seinesgleichen , insofern man ihn nur nicht im Prahlen und Ausbreiten seiner Art behinderte , dieser Kerl gefiel sich ausnehmend wohl und hielt sich für einen Kerl , nach Maßgabe seiner Dummheit , als er die alte Frau am Ohr zerrte . Nicht daß er etwa in der Kirche oder im Beichtstuhl zuweilen nicht einsähe , daß er unchristlich lebe und handle ; der Rausch der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist es , welcher ihn alle Augenblicke fortreißt und seinem Götzen frönen läßt . Gleichermaßen sieht er das Laster an seinem nächsten Vorgesetzten , dieser an dem seinigen , und so fort stufenweise , indem einer es am andern gar wohl bemerkt , selbst aber nichts Eifrigeres zu tun hat , als der eigenen Unart voll Wut den Zügel schießen zu lassen , um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich darzustellen . Alle die tausend voneinander Abhängigen streichen ihre grauen Schnäuze und lassen die Augen rollen , nicht aus Bosheit , sondern aus kindischer Eitelkeit ; sie sind eitel im Befehlen und eitel im Gehorchen , eitel im Stolz und eitel in der Demut ; sie lügen aus Eitelkeit , und die Wahrheit wird aus Eitelkeit in ihrem Munde zur Lüge ; denn sie sagen eine Wahrheit nicht um ihrer selbst willen , sondern weil es ihnen im Augenblicke gut anzustehen scheint . Stolz , Herrschsucht , Neid , Habsucht , Hartherzigkeit , Verleumdung , alle diese Laster lassen sich bändigen und zurückhalten oder in Schlummer singen ; nur die Eitelkeit ist immer wach und verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte Dinge , Brutalitäten und kleinere oder größere Gefahren , die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen , als er ursprünglich war und eigentlich sein will . Denn die Eitelkeit ist nichts anderes als die krankhafte Abirrung von sich selbst , der Mangel an genügendem Gefühl seines sichern Daseins und die Angst , gerade durch diese Verwirrung um das Dasein zu kommen . Hiegegen hilft kein Christentum ; denn der bekehrte Sünder ist erst recht eitel auf seine Reue und auf die Gnade des Herrn und wird seinen neuen Tick darin finden , über die Eitelkeit der Welt zu jammern . Gegen alles das Übel , was von diesem Mehlstaub Eitelkeit stammt , hilft nur die einfache , rein sachliche Gegenwirkung die Eitelkeit immer und allüberall zu verletzen , sie bei der Nase zu nehmen und ihr die eigene Zwecklosigkeit deutlich zu machen , d.h. insofern als sie nicht die unschuldige Beschäftigung mit der eigenen Person , sondern die Reibung an den Mitmenschen zu ihrer Befriedigung wählt . In der Tat sieht man oft , wie ein einziger Mensch , der nicht eitel ist oder doch das Gift unschädlich zu verbergen weiß , wenn er nur will , einen frischen Luftzug unter die Leute bringt , und wo mehrere zusammentreffen , die sich nur leidlich zu mäßigen vermögen , wird sogleich Ruhe , Ehre , Offenheit und Sicherheit herrschen und etwas Erkleckliches getan werden . « - » Ist die Eitelkeit , indem sie in der Zudringlichkeit , in der gewaltsamen Verfügung über die Meinung und Gemütsruhe anderer besteht , ein Riß und eine Abirrung vom eigenen Wesen , so ist hingegen die unschuldige Eitelkeit , welche in einer gutartigen Verzierung des eigenen Wesens und in der Freude an demselben besteht , eine wahrhafte Ergänzung desselben , sozusagen das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das beste Gegengift für jene bösartige weltliche Eitelkeit . Aber die gute und schöne Eitelkeit , als die zierliche Vervollkommnung oder Ausrundung unseres Wesens , indem sie alle Keimchen zum Blühen bringt , die uns brauchbar und annehmlich machen für die äußere Welt , ist zugleich der beste und feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an , das Gute und Wahre , was wir auch sonst vorbringen würden , ohne häßliche Manier , ohne Aufgeblasenheit und Schnörkelei zu vertreten , und so veredelt sie sich von selbst zum guten Geschmack , welcher seinerseits wieder nichts anderes als die Gesundheit und das Vernünftige selbst ist . « Indem Heinrich dergestalt vor sich hinpredigte , lenkte er endlich seine Gedanken auf sich selbst und fragte sich , zum ersten Male in seinem Leben , ob er selbst nicht eitel sei , und in welcher Weise