wirklich eine ganz eigene Liebhaberei » Knoten in Binsen zu suchen « 15 dazu , die Sache so außerordentlich schwer zu finden , und selbst ohne alle Noth einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knüpfen , bloß um das Vergnügen zu haben sie wieder aufzulösen . Ich zweifle sehr , daß ihm hier die Ausrede zu Statten kommen könne , er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen , als ob er selbst noch nicht wisse , wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflösen können , - um die Täuschung der Leser , als ob sie hier den berüchtigten Eiron wirklich reden hörten , desto vollkommner zu machen . Man könnte dieß allenfalls für eine Rechtfertigung gelten lassen , wenn die Rede , anstatt von einem Gegenstande , womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtäglich beschäftigte , von irgend einer räthselhaften spitzfindigen Frage gewesen wäre ; oder auch , wenn er es , anstatt mit so verständigen , gebildeten und lehrbegierigen jungen Männern , wie Glaukon und Adimanthus sich gezeigt haben , mit unwissenden Knaben oder naseweisen Gecken zu thun gehabt hätte . Man könnte zwar einwenden , daß diese Gebrüder in dem größten Theil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender Schulknaben spielen , und daß Sokrates häufig Fragen an sie thut , durch welche ein Knabe von zwölf Jahren sich beleidigt finden könnte : aber wenn Plato dieß wirklich in der Absicht that , die langweilige Art , wie Sokrates ihren Ideen zur Geburt hilft , zu rechtfertigen , so hätte er nicht vergessen sollen , daß er sie kurz vorher wie verständige und scharfsinnige Männer reden ließ . - Doch sein Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spaß mit uns zu haben , und wir müssen uns schon gefallen lassen , in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich auf den nämlichen Punkt mit ihm zu kommen , zu welchem er uns auf einer ziemlich geraden mit wenig Schritten hätte führen können . Sehen wir also ( wofern du nichts Besser ' s zu thun hast ) wie er es anfängt , seinen erwartungsvollen , mit gespitzten Ohren und offnen Schnäbeln seine Worte aufhaschenden Zuhörern zum ächten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen . Da die Sache so große Schwierigkeiten hat , und wir uns nicht anders zu helfen wissen ( sagt er , die Rede an Adimanthen richtend ) , so wollen wir ' s machen , wie Leute von kurzem Gesicht , die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen sollten , es machen würden , wenn einer von ihnen sich besänne , daß eben diese Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in größern Buchstaben zu lesen sey . Diese Leute würden , denke ich , nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen , um durch Vergleichung der größern Buchstaben mit den kleinern zu sehen , ob nicht etwa beide eben dasselbe sagten . Ohne Zweifel , versetzt Adimanth ; aber wie paßt dieß auf unsre vorhabende Untersuchung ? Das will ich dir sagen , erwiedert Sokrates . Ist die Gerechtigkeit bloß Sache eines einzigen Menschen , oder nicht auch eines ganzen Staats ? Adimanth hält das letztere für etwas Ausgemachtes , wiewohl ich nicht sehe warum , da das , was die Gerechtigkeit sey , als etwas noch Unbekanntes erst gesucht werden soll . Aber , daß Glaukon und Adimanth zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende , ja wohl gar ganz unverständliche Sätze , der Bequemlichkeit des Gesprächs wegen bejahen , oder wenigstens gelten lassen , begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft , daß wir uns bei dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen . - Aber ist ein Staat nicht größer als ein einzelner Mann ? fragt Sokrates . Größer , antwortet der Knabe , voller Freude vermuthlich , daß er hoffen kann es getroffen zu haben . Wahrscheinlich wird also ( fährt der Schulmeister fort ) auch die Gerechtigkeit im Größern besser in die Augen fallen und leichter zu erkennen seyn . Gefällt es euch , so forschen wir also zuerst , was sie in ganzen Staaten ist , und suchen dann , indem wir in der Idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem Größern bemerken , herauszubringen , was sie in dem einzelnen Menschen ist . - Wohl gesprochen , sollt ' ich meinen , sagt Adimanth . - » Nun däucht mich , wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor unsern Augen entstehen ließen , würden wir auch sehen , wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihm entstehen . « - Könnte wohl seyn , versetzt jener . » Und wenn das wäre , sollte nicht Hoffnung seyn , desto leichter zu finden was wir suchen ? « - Viel leichter . - » Mich däucht also wir thäten wohl , wenn wir ohne weiters Hand anlegten ; denn es ist , meines Erachtens , kein kleines Werk . Bedenkt euch also ! « - Da ist nichts weiter zu bedenken , sagt Adimanth , des langen Zauderns , wie es scheint , überdrüssig ; thu nur das Deinige dabei ! Und so stehen wir denn vor dem Thor dieser Republik , die uns Plato , ihr Stifter und Gesetzgeber , durch den Mund seines immer währenden Stellvertreters für das Ideal eines vollkommenen Staats ausgibt , an dessen Realisirung er selbst verzweifelt ; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem großen Theil dieses Werks ernstlich beschäftigt , und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen , noch in der Absicht daß sie irgend einem von Menschenhänden errichteten Staate zum Muster dienen sollte , sondern ( wie er sagt ) bloß deßwegen mit so vieler Mühe aufgestellt hat , um seinen Zuhörern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem , was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist , zu verhelfen . Eine Einwendung , die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher , in Cyrene wenigstens , am häufigsten gehört wird , ist : es sey unbegreiflich , wie Plato nicht gesehen habe ,