es also Leonhart verdanken , wenn er manchmal heftig und zufahrig draufschlug ? Jaja , die Herzensgüte ! So rührend jene Phrase im Munde eines großen Mannes wirkt , dessen eigene Herzensgüte so mäßig entwickelt schien , so darf man dies Augenblicks-Aperçu doch wohl nicht ernst nehmen . Wiegt Passive Herzensgüte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Bethätigung wahren Talents ? Auch wenn letzteres scheinbar zerstörend auftritt . Nun ja , das wohl . Aber Herzensgüte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich selbst - mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen ? Und wäre das nicht ein Ziel , aufs innigste zu wünschen ? Steigt diese Güte wirklich bis zu einem hohen Grade , so tritt sie freilich stets produktiv auf , wie bei Christus und Buddha , da sie die Lüge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet . Genie ist Initiative . Allerdings muß das Glück nachhelfen . Der bloße Mann der That ist ja bloß der Sklave der Außenwelt , aber der Denkerschöpfer ist darum noch lange nicht Herr der Außenwelt . Seine Studirstube mag ihm als der Archimedische Punkt erscheinen , von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt . Doch die Außenwelt stört eben wie jener römische , Legionär die Kreise des Archimedes und schlägt ihm den Kopf ab . Ohne Glück und Erfolg erlahmt die Initiative des Genies . Aber lag nicht auch in Leonharts Initiative eine selbstbetrachtende Absichtlichkeit ? Wäre er naiv fürbaß , geschritten , so würde die Initiative auch frischer , und ursprünglicher herausgesprudelt sein . Der kommt am weitesten , welcher nicht weiß , wohin er geht - sagt Oliver Cromwell . Gewiß lag etwas Zielbewußt-Heroisches in Leonharts Leben . Krastinik kannte es aus der umfassenden Darlegung seines Freundes genau , der freilich immer an sich unleugbare Thatsachen noch pessimistisch färbte . Seit frühster Kindheit war dieser Mensch von dem Bewußtsein seines Dichterberufes durchdrungen gewesen . Seit seinem dreizehnten Jahre durchkostete er eigentlich die gleiche Bitterniß , wie jetzt am Ende seiner kurzen überreichen Laufbahn . Als Knabe umgeben von kindischer Roheit und Dummheit , einfältige Holzköpfe als » Lehrer « über sich , ihr werthloses Kanderwälsch dem feurigen Adlergeiste aufpfropfend , dessen ironisches Lächeln diese Bildungs-Hauswurstiaden aus überlegener Höhe verhöhnte . Als Jüngling die geckenhafte Unreife halbwüchsiger Krafthuber um sich her , über sich die Weisheit wohlpatentirter Weltautoritäten , die seine hohe Ueberlegenheit ebenso durchschaute . Als Mann um sich her die Rotte der Streber und Aftertalente , über sich immer noch die hohlen Gesetze der bestehenden Gesellschaft , die er verachtete . Immer , wachsend mit den Jahren , weit voraus und weit über den momentanen Dingen , also stets entfernt von dem Verständniß der Mitwelt . Allerdings kam es ihm zu Statten , daß er stets und immer das Ziel fest vor Augen hielt , sich zum Dichter auszubilden . Mit beispielloser eiserner Zähigkeit , die in ihm den echtpreußischen Berliner kennzeichnete , ließ er nie auch nur einen Augenblick sein Arbeitsstreben los . Die grünen Jungen , die über ihn salbaderten , wären vielleicht mit staunender Ehrerbietung scheu bei Seite gewichen , hätten sie , je klar anschaulich dies bewunderungswürdige System vor Augen gehabt , wo Fuge in Fuge griff , wo sich die frühsten Anfänge der Knabenjahre mit fünfzehn späteren Arbeitsjahren innerlich verknüpften . Das Räthsel seiner » überreizten Fruchtbarkeit « löste sich freilich dann sehr klar . Ausgestattet mit einem erstaunlichen Gedächtniß , ohne Gleichen an Arbeitslust und vor allem an Ordnungssinn , einem Hauptattribut des Genies , thürmte er unablässig das schwindelnd hohe Gebäude seines umfassenden Geisteslebens Stein auf Stein . Eigentlich war und blieb er stets gleich groß . Seine Jugendgedichte und Jugenddramen in einem Alter , wo man sich höchstens für » Räuber und Indianer « und Coopers Lederstrumpf erwärmt , mußten geradezu unglaublich genannt werden . Die historischen Essais in seinem Schubfach gab er später zur Zeit seines Glanzes als neuste Beiträge heraus , ohne daß Jemand ahnte , der dreizehnjährige Leonhart rede zu ihm ! Alles war hier anders als bei den Durchschnittstalenten . Ein solches , wie etwa der überfruchtbare Paul Heyse , spielert wohl als Primaner reizend geleckte Nippsächelchen und Märchen zurecht , um sich darob als junger Goethe bestaunen zu lassen . Aber gerade das , womit man der albernen Welt sofort imponirt , die gefällige Form , mangelte diesem wahren Genie , wie jedem Großbeanlagten , anfänglich vollkommen . Wenn er sich quälte , lyrische Liedchen nach bekanntem Muster zu pfeifen , mißlangen sie gänzlich . Von der Großartigkeit seiner gedanklichen . Conception verstand natürlich ein zum Urteil herangezogener Kunsthandwerker ebensowenig , wie von der unabgeklärten , aber genialen Gestaltungskraft seiner Charakteristik . Es wäre ein Glück für ihn gewesen , wenn er wie so mancher Dilettant , auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit sechszehn Jahren hätte publizieren können . Denn in diesen stak wenigstens der wirkliche ganze Leonhart , der halbflügge Genius , so daß alles Philistergenörgele immerhin hätte zugestehen müssen , für einen Knaben seien diese Versuche einfach unerhört . Aber so gut wurde es ihm nicht . Niemand verstand das Bahnbrechende in diesen seltsam bizarren Sachen und so überwand er sich denn endlich , etwas » Liebliches « zu fabriziren , um einen Verleger zu finden . Mit der Publikation dieses minniglichen Opus ( er zählte mittlerweile achtzehn Jahre ) begann nun die endlose Aergerkette seiner öffentlichen Laufbahn . Die Einzelheiten , welche er als besondere Tabelle gebucht hatte , wirkten allerdings vernichtend für die gänzliche Unfähigkeit der » Kritik « , das Ungewöhnliche zu begreifen , und der stumpf apathischen Welt , Perlen statt ihrer Trog-Kartoffeln zu verdauen . Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand , um sich her den Schein im Galakleid . Wohl mochte er rufen mit dem größten aller Dichter : » Müd alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode . Zu sehn , wie wahre Kraft