nicht stecken , Sie kalter Fisch ! « Ins Schloß zurückgekehrt , hatte sie dem Tee vorzustehen , der noch eingenommen wurde , und nachher der Verabschiedung der einzelnen Gäste beizuwohnen . Als ich mit dem Grafen und dem Kaplane noch bei einem Glase Punsch zusammensitzen mußte , kam sie , gute Nacht zu wünschen . Sie legte dem erstern den Arm um die Schultern und sagte scherzhaft weinerlich : » So eine Adoptivtochter fahrt doch ein elendes Leben ! Nicht einmal ihrem Vater darf sie einen Kuß geben , wenn sie zu Bett geht ! « » Was fällt dir ein , du Närrchen ? « sagte der Graf lachend ; » das geht allerdings nicht und würde sich nicht schicken ! « Hier wendete sich das Eisen wieder in meinem Herzen und drückte mich jämmerlich die ganze Nacht . Dazu fing es an , mir den Hals zuzuschnüren , und ich konnte nicht anders Luft bekommen als durch den Ausbruch einer Tränenflut und erbärmlichen Schluchzens , zum ersten Mal in meinem Leben wegen Liebessachen . Der Unwillen über diese Schwachheit vermehrte das Übel , so wie auch die unliebsame Entdeckung , daß durch die wahre Leidenschaft , als welche ich die Geschichte ansah , die Freiheit der Person und jede vernünftige Selbstbestimmung verlorengehe , mich elend machte . Als es endlich Tag wurde , war der falsche Lenz vorüber , und es fiel ein mit Schnee vermischter Regen . Dortchen sagte , als ich im Schlosse erschien , nichts mehr vom Schreiben , und ich selbst vermochte erst recht nicht , mich daranzumachen . Eine abermalige neue Erfahrung war der Widerwillen gegen das Essen , welchen aus solchen Ursachen zu empfinden ich nie für möglich gehalten hätte . Denselben zu verbergen , damit er nicht auffiel und weil er ein trübseliges Aussehen mit sich brachte , kostete die größte Mühe , und alles das in einem Alter , wo ich doch auch kein Konfirmand mehr war . Auch bedauerte ich , diese schöne brotsparende Leidenschaft nicht zur Zeit meiner Hungersnot besessen zu haben , wo sie mir die besten Dienste geleistet hätte . Diese realökonomische Observation hinwieder nicht der Dorothea zu ihrer Belustigung mitteilen zu dürfen , drückte mir fast das Herz ab . Dortchen dagegen schien nicht übel aufgelegt und sogar mit jedem Tage besser , ohne sich stark um mich zu kümmern . Sie machte Geldstücke wie Kreisel über den Tisch tanzen , brachte Kinder herbei und setzte ihnen Papiermützen auf die Köpfe , ließ auf dem Hofe Hunde apportieren , und was dergleichen unschuldige Schwänke mehr waren , und alles dünkte mich unergründlich merkwürdig , reizvoll und bestrickte mich . Alle die kleinen Teufeleien verrieten täglich heller eine ursprüngliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes und zeigten mit federleichten Wendungen , daß sie tausend Nücken unter den Locken sitzen hatte . Wenn nun erst die offene , klare Herzensgüte , was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt , uns gewinnt , so bringt uns nachher , wenn wir in unserer Einfalt entdecken , daß die Geliebte nicht nur schön und gut , sondern auch gescheit und beweglich ist , die fröhliche Kinderbosheit des Herzens vollends um Ruhe und Verstand ; und so ging auch mir ein neues Licht auf , und es befiel mich ein heftiger Schreck , nun gewiß nie wieder ruhig zu werden , da ich gerade dies kurzweilige Frauenleben niemals mein nennen könne . Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief , sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist , so erneut sie sich selbst in jedem Augenblick das bißchen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben , und nichts macht trauriger , als ein solches Leben möglich zu sehen , ohne es zu gewinnen ; ja die allertraurigsten Leute sind die , welche glauben , das Zeug dazu zu haben , recht lustig zu sein , und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft . So dachte und fühlte ich damals , weil ich nicht wußte , daß es wichtigere und dauerhaftere Dinge in der Welt gibt als jene jugendliche Kurzweil . Da das schöne Wesen mir mit jedem Tage anders und unbegreiflicher erschien , obgleich sie immer dieselbe war , so verlor ich zuletzt alle Unbefangenheit des Verkehrs , und um die Heilung meiner Krankheit zu versuchen , zog ich mich wie ein Einsiedler in die Wildnis zurück ; d.h. unter dem Vorgeben , die Gegend , Land und Leute recht anzusehen , fing ich an , bei jeder Witterung , gut oder schlecht , den Tag im Freien zuzubringen . Ich hielt mich aber meist auf den waldigen Höhen auf , unter alten Tannenbeständen oder in verlassenen Köhlerhütten , ohne menschliche Gesellschaft , was schon aus dem Grunde gut war , weil ich , immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt und die Herrschaft über mich selbst vergessend , laut zu denken und zu sprechen begann , besonders mit der Klage über den schmählichen Druck , der mir wie eine fremde Krankheit angeworfen war und den ich hundertmal mit der Hand wegzuwischen suchte . » Ist diese Teufelei also die wirkliche Liebe ? « sagte ich eines Tages laut vor mich hin , als ich unter Bäumen einsam hockte und über das Land wegblickte . » Habe ich nur ein Stück Brot weniger gegessen , als Anna krank war ? Nein ! Habe ich eine Träne vergossen , als sie starb ? Nein ! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen ! Ich schwur , der Toten ewig treu zu sein ; dieser Lebendigen aber Treue zu schwören wäre mir nicht einmal möglich , da sich das ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann ! Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte , würde ich dann imstande sein , dem Ereignis so aufmerksam zuzusehen und es gar zu beschreiben ? O nein , ich fühle , es würde mich brechen und die Welt verfinstern ! Und welch ein praktischer