der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost , sich etwa erschöpft an die trockene Erde zu werfen , wo es niemand sieht . Überall kältet ihm die bitterliche Feuchte entgegen , und er ist gezwungen , aufrecht über sie hinzutanzen und doch immer zu versinken . Bald verhüllte auch ein dichtes Nebeltuch alle die Morgenpracht , und das graue Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern , bis ein gleichmäßiger starker Regen weit und breit herniederfuhr , welcher den ganzen Tag anhielt . Nur manchmal wechselte das naßkalte Einerlei mit noch stärkeren Wassergüssen , welche einen kräftigen Rhythmus in das Schlamm- und Wasserleben brachten , das bald alles Land und alle Wege überzog . Heinrich ging unverdrossen durch die Fluten , welche längst seine Kleider durchdrangen , in den Nacken strömten und aus den Rockärmeln herausliefen . Einen Bauernknecht auf dem Felde fragte er nun nach der Gegend und vernahm , daß er im allgemeinen die rechte Richtung innegehalten und nur um einige Stunden seitwärts geraten sei . Er sah mit Seufzen ein , daß er unmöglich in einem Zuge nach der Heimat gelangen könne , ohne etwas zu essen ; doch berechnete er , daß er bis zum nächsten Tage eine Landschaft erreichen müsse , wo seiner dunklen Erinnerung nach schon etwas Obst wuchs , daß er gefallene Früchte suchen , sich leiblich stärken und unter irgendeiner Feldscheune ruhen könne , um dann in einem zweiten Anlauf die Schweizer Grenze zu erreichen , wo er heimisch und geborgen war . Doch schon um die Mittagszeit , als er durch ein triefendes Gehölz ging und es rings im Lande Mittag läutete , schien ihm der Hunger und die Ermattung unerträglich , und er setzte sich ratlos auf einen nassen Steinblock . Da kam ein altes Mütterchen dahergetrippelt , welches mit der einen Hand ein elendes Bündel kurzen Reisigs auf dem grauen Kopfe trug , dessen Haare so rauh und struppig waren wie das Reisig , und mit der anderen Hand mühselig eine abgebrochene Birkenstaude nachschleppte . Mit tausend kurzen , zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend , viele Seufzer ausstoßend , den widerspenstigen Busch über alle Hindernisse nach sich , gleich einer Ameise , die einen zu schweren Halm nach dem Bau schleppt . Heinrich bedachte eben mit Scham über seine eigene Ungeduld , wie das schwache bejahrte Weib , das vielleicht dem Lande arbeitende und starke Söhne geboren hatte , sein ganzes Leben nur einen fortgesetzten Gang in Regen und Not ging , ohne Grund und ohne Schuld , als ein dicker Flurschütz des Weges kam , wohl ebenso alt wie das arme Weib , aber mit rotem trotzigen Gesicht und einem eisgrauen Schnurrbart und scheibenrunden , töricht rollenden Augen . Dieser fuhr sogleich über die Frau her , welche den Busch zitternd fahrenließ , und schrie » Hast wieder Holz gestohlen , du Strolchin ! « Bei allen Heiligen beteuerte die Alte , daß sie das Birkenbäumchen also geknickt mitten auf dem Wege gefunden habe ; aber er rief » Lügen tust du auch noch ? wart , ich werd dir ' s austreiben ! « Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr , welches unter der verschobenen geblümten Kattunhaube hervorguckte , und zerrte sie mehrmals an selbem hin und her , wie man etwa einen bösen jungen Buben schüttelt , daß es höchst seltsam und unnatürlich anzusehen war . Heinrich sprang mit einem Satze hinzu und schlug dem bösen Holzvogt sein hartes Wachstuchpäcklein einigemal so heftig um die Ohren und auf das Gesicht , daß der Unhold taumelte und ihm das übermütige Blut aus Mund und Nase rann . Das Frauchen machte sich , so schnell es konnte , aus dem Staube , oder vielmehr aus dem Regen , der Feldwärtel aber wollte seinen Säbel ziehen , und indem dieser nicht hervorkommen wollte , verharrte der Wütende krampfhaft in der ziehenden Stellung , die eine Hand am Griff , die andere an der Scheide , schnaubend und fluchend , und gab in dieser gebannten Lage ein so herausforderndes Bild der höchsten Wut , daß Heinrich noch einmal auf ihn zusprang , ihm noch mehrere Maulschellen gab und mit Scheltworten , Stößen und Schlägen davonjagte . Froher als der junge Moses , der den ägyptischen Aufseher erschlagen , atmete er auf und fand plötzlich , daß das unvorhergesehene Abenteuer ein gutes Mittagsmahl war , denn er fühlte nicht mehr den mindesten Hunger und sich so angenehm aufgeregt und bei Kräften , daß er wohlgemut seinen Weg fortsetzte und sich nicht stark um die Rache des Flurschützen kümmerte , welcher wahrscheinlich Mannschaften herbeiholte . Wie er nun so vorwärtsdrang durch Wind und Regen , wirkte die Wärme der guten Tat , welche die Stelle eines nahrhaften Imbisses bei ihm vertreten , immer angenehmer nach ; es ging wie ein Licht in ihm auf , und es wollte ihn bedünken , als ob eine solche fortgesetzte und fleißige Tätigkeit in lebendigem Menschenstoffe doch etwas ganz anderes wäre als das abgeschlossene Phantasieren auf Papier und Leinwand , insonderheit wenn man für dieses nicht sehr geeignet sei . Oder vielmehr begann es ihm klarer zu werden mitten in dem düstern Unwetter , in welcher Weise er sich in der Berufswahl getäuscht , da erst jetzt , und noch viel eindringlicher als durch jenes borghesische Fechterbild , das runde lebendige Menschenleben sich in seiner Hand abgedruckt und noch deutlich nachfühlte , im Gegensatz zu dem kalten Flächenleben , dem er sich sonst ergeben . Auf der Höhe des nahen Gehölzes fürbaß schreitend , dachte er sich den Fall , daß er den bösen Flurschützen in der Hitze eines Kampfes totgeschlagen und infolgedessen gefangen worden und vor ein Gericht über Leben und Tod gestellt sei , und er dachte sich eine feurige und siegreiche Verteidigungsrede aus , welche ihn nicht nur aus dem bösen Handel zöge , sondern auch der Sache der Menschlichkeit ein kräftiges Wort liehe und