und allen übrigen schadet , unrecht sey . Es ist also Unsinn , zu sagen : die Menschen machten sich durch den gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der Gesetze anheischig , als sie solche nicht ungestraft übertreten könnten ; auch bedürfen wir keiner solchen , die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden Hypothese , um zu begreifen , wie es zugeht , daß in jedem Staat nicht wenige , und in einem sehr verdorbenen die meisten , in der That so handeln , als ob sie sich die Freiheit zu sündigen , sobald sie keine Strafe befürchten , ausdrücklich oder stillschweigend vorbehalten hätten . Wenn ich nicht sehr irre , so hätte sich also der Platonische Sokrates die Mühe , mehr als zwölf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden , ersparen können , wenn er , anstatt die Auflösung der Frage aus dem Lande der Ideen herabzuholen , es nicht unter seiner Würde gehalten hätte , sich an derjenigen genügen zu lassen , die vor seinen Füßen lag . Weder unsre fünf Sinne noch unser Verstand reichen bis zu dem , was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist : was mir und meiner Gattung zuträglich ist , nenne ich gut ; das Gegentheil böse . Die Natur selbst nöthigt mich , in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen . Wenn Unrecht leiden , d.i. im freien Gebrauch meiner Kräfte zu meiner Erhaltung und zu Beförderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden , für mich ein Uebel ist , so ist eben dasselbe auch ein Uebel für jeden andern Menschen . Also eines von beiden : entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der Welt , dessen natürliches Bestreben unaufhörlich dahin geht , seine eigene Gattung zu zerstören : oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel für das ganze Menschengeschlecht , und also auch ( ungeachtet des augenblicklichen Vortheils , den der Beleidiger daraus ziehen mag ) ein wahres Uebel für diesen selbst , indem er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt , sich auch gegen ihn herauszunehmen , was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden andern , sobald er Gelegenheit und Vermögen dazu hat , sich zu erlauben bereit ist . Alle Menschen haben , als Menschen , gleiche Ansprüche an den Gebrauch ihrer Kräfte , und an die Mittel , welche die Natur , der Zufall und ihr eigener Kunstfleiß ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Beförderung ihres Wohlbefindens darreichen . Wer dieß anerkennt und diesem gemäß handelt , ist gerecht , ungerecht also , wer alles für sich allein haben will , und das Recht der übrigen nicht anerkennt , oder thätlich verletzt . Mich dünkt , zwei Sätze folgen nothwendig und unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit : erstens , daß jeder Mensch , der einen andern vorsetzlich beleidigt , sich eben dadurch für einen Feind aller übrigen erklärt ; zweitens , daß sobald mehrere Menschen neben einander leben , zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend zugestandener oder ausdrücklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet , » jedem auf das , was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat , ein unverletzliches Eigenthumsrecht zuzugestehen . « In dieser Rücksicht kann also mit vollkommenem Grunde gesagt werden : Jedem das Seinige - nicht zu geben ( denn er hat es schon ) , sondern zu lassen und im Fall , daß es ihm mit Gewalt genommen worden , ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer angemess ' nen Entschädigung zu verhelfen , werde von allen Menschen auf dem ganzen Erdboden Gerechtigkeit genennt , oder , falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung allgemeiner Vernunftbegriffe hätten , als Gerechtigkeit gefühlt und anerkannt . Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage könnten wir , dünkt mich , allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne bieten ; auch würde Plato selbst Mühe gehabt haben , die Untersuchung und Festsetzung dessen , was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist , über den gewöhnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen , wenn er sich innerhalb der Gränzen des gemeinen , dem Sprachgebrauch gemäßen Sinnes der Worte hätte halten wollen . Da er aber diesem unvermerkt einen andern höhern und mehr umfassenden unterschob , indem er den gewöhnlichen Begriff der Gerechtigkeit ( ohne uns jedoch davon zu benachrichtigen ) mit seiner Idee von der höchsten geistigen und sittlichen Vollkommenheit , welche , seiner Meinung nach , der menschlichen Natur erreichbar ist , bald vermengt bald verwechselt : öffnete sich seiner dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld , wo sie sich nach Gefallen erlustigen konnte , und Stoff genug fand , einen Kreis von gefälligen Zuhörern eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen . Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen sollten . Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht , sich seinen Stoff nach Belieben zu wählen , und ihn zu bearbeiten , wie es ihm gut dünkt ; und wenn er nur , wie Plato , dafür gesorgt hat , uns , sobald wir zu gähnen anfangen , durch wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nöthigen , so wär ' es unbillig und undankbar , wenn wir uns beklagen wollten , daß er uns weit mehr vorsetzt als nöthig , oder selbst für eine reichliche Befriedigung unsres Bedürfnisses genug gewesen wäre . Hätte er sich auf das reichlich Genugsame einschränken wollen , so stand es nur bei ihm , die Aufgabe , so wie er sie gestellt hatte , geradezu zu fassen ; und da es ihm , kraft seiner philosophischen Machtgewalt , beliebt hatte , den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen , und die Idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen , so bedurfte es , meines Bedünkens , keiner so weitläufigen und künstlichen Vorrichtung , um ausfindig zu machen , worin diese Vollkommenheit bestehe . Es gehörte