suchen und das klug gefundene Recht auch zu behaupten , fest und unbedingt , im Wirbeltanz der ringenden Geschöpfe . Und so denn , unter eines Schicksals rechtloser Last zusammenbrechend , fühlt man im Innern noch den wuchtigen Takt der Waage , die uns zur Selbsterfüllung aufwärts reißt . Den Auserkorenen ward immer früh bewußt das eherne Gesetz in ihrem Busen : Das Recht des Wollens ist das Recht des Sollens . Ich kann ihn nicht verdammen , diesen Schmoller . Das Recht der finsteren Notwendigkeit , das uns unwiderstehlich übermannt und dämonisch fortschleift auf ungemessener Wünsche Irrfahrt , bis ein letztes Riff ihm ein Ende setzt , - das wird in ihm doch triumphiren müssen . Der Stärkere hat Recht . Wohl ist er nur ein eitler Sclav der Selbsucht , falsch ist sein Recht und nackte Eigensucht sein Rechtsgefühl . So sollte er zähneknirschend von hinnen fahren und dem geborenen König die Herrschaft lassen . Die Herrschaft - hahaha ! Eine schöne Herrschaft , weiß Gott ! Nein , bleiben wir beim Realen ! So sollte es sein , so ist es nicht . Er ist stärker als ich , weil seine Roheit ihn knorrig erhält . Ich bin schwaches zartes Porzelan , ich zerspringe beim ersten Fall . Mit wehmüthiger Freude ahne ich , wie er das Gesindel noch zu Paaren treiben wird mit seiner Peitsche , wenn ich schon unter der Erde liege . Ich peitschte euch mit Ruthen , er aber wird euch mit Skorpionen züchtigen . Ich fühle es , lange geht ' s nicht mehr so fort mit mir , es geht zu Ende . Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rächer . V. Seevögel umkreischten schrill ihre Nester , der Schaum klatschte an den stiebenden Sand , eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge . Mit seiner Braut , der Erde , schien der Ozean zu schäkern . Er schmückte sie mit Muscheln . Bald ebbte er zurück , um ihren Reiz überschauend zu mustern , bald rollte er wieder zum Kusse heran . Krastinik lag am Strande , das Buch war ihm entglitten . Und statt seiner las er vom weißen Blatt des Dünensandes , der unter dem glühenden Sonnenstrahl zu knistern schien , die Gedanken-Arabesken ab , welche wie Schatten seines Geistes darüberhin huschten . Er schloß die Augen . Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn , jene Nacht , aus der allein sich Sterne empordrängen . Lang und sorgsam dachte er über das Gelesene nach , um sich über die Zweifel Rechenschaft zu geben , die ihn bedrängten . Wie ein Dom erhabener Stille , wölbten sich Meer und Aether ineinander . Wie das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit , wie das Zirpen von Heimchen in zerfallener Ruine , plätscherten sanft die Wogen . Aus dem Becher des Meergottes sprühte ihm ein gastlicher Willkommengruß schaumtropfend entgegen . Dem nach innen Schauenden war es , als ob der Geist seines todten Idols , dessen treuer » Heroen-Anbeter « er gewesen , lautlos über den Wassern schwebe und wandele über Meer und Land . Und eine Stimme , wie das Geräusch vom Flügelschlag eines Engels oder das Säuseln in Karmels Klüften , wie das Murmeln der Muschel , die sich nach der Mutterwoge zurücksehnt , - eine geheimnißvolle Stimme sang den versöhnenden Psalm : Wundersame Morgenfrühe , Dehnst die Seele mir so weit . All der Erde starre Mühe Löst die holde Einsamkeit . Sie umhüllt der Erde Schmerzen Wie ein lichtes Schleiertuch . Liebe wandelt still im Herzen Und Vergebung sei mein Fluch . Was vermag der Menschen Grollen , Allgerechter , gegen Dich ! Deinem Licht , dem liebevollen , Sonnengott , vertraue ich . Meine Sünden , meine Fehle Richten kannst Du nur allein . Denn Du schaust in meine Seele , In das Herz der Welt hinein . Wohl , diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Versöhnung , einer Erhebung des Menschen aus irdischer Wirrsal , aus tiefer Ich-Not aufschreiend zur All-Liebe . Aber diese Stimme - tönte sie wirklich aus dem Geist des Verblichenen , oder tönte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust ? Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfähige Gemüth kritisch an sein Idol heranzutreten und sich objektiv darüber zu stellen . Warum schwang sich denn Leonhart zu solcher Versöhnung niemals auf ? ! Wenn heut einem großen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen scheint , nun , so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules ! Warum verzichtete er nicht gänzlich auf solche flüchtigen Werthungen der äußern Geltungseitelkeit ? Warum schloß er sich nicht ab von der Welt und sank in majestätischem Schweigen , das Lächeln einer erhabenen Verachtung am den Lippen , ins Grab des Todtschweigens und der Verlästerung ? War er doch von zu grobem Metall für solche goldklare Feinheit Gesinnung ? Schopenhauer sprach das große Wort gelassen aus : Was sei alles Genie gegen vollkommene Güte des Herzens , welche Andern gegenüber jene grenzenlose Nachsicht übt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet . Von dieser Herzensgüte besaß Leonhart viel , aber noch lange nicht genug . Freilich , da sich die kindische Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt , wie in der sogenannten Litteratur , so bleibt es hier am schwersten , jene höchste Bethätigung der Herzensgüte zu üben - nämlich Gerechtigkeit , die sich auf den Standpunkt des Andern zu setzen und jene großen Gesichtspunkte zu bewahren weiß , vor welchen persönliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden . Auch ist es mit der » grenzenlosen Nachsicht « , die Schopenhauer als vollkommene Herzensgüte rühmt , immer ein eigen Ding , da durch sie ja nichts gebessert wird . In der Kunst wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen . Wer das Große und das Kleine , das Genie und Talent , das Talent und Nichttalent gleichmäßig » anerkennt « , versündigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem Guten . Kann man