er sich so fest gezeigt hatte . Es ward ihm ganz leicht um ' s Herz , als der frische Wind ihm durch die Locken wehte . Die Luft in den Zimmern der Gräfin war ihm heute durch die Resedatöpfe und den Potpourri so beklemmend gewesen ! - Sporenklirrenden Trittes einherschreitend , ließ er den Schleppsäbel geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen , er zog im Gehen den Säbel spielend halb aus der Scheide und stieß ihn wieder hinein . Jede Bewegung dünkte ihn eine Lust , und mit einer wahrhaften Genugthuung sagte er sich , daß ihn nichts auf der Welt verpflichte , sich um Hildegard ' s Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu kümmern , da er ja noch völlig frei , noch völlig ungebunden sei . Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern , er wußte selbst nicht wodurch , einen hohen Reiz und Werth für ihn gewonnen , und er konnte sich es nicht verhehlen , sein Oheim hatte Recht gehabt : es lag etwas Bedenkliches in seiner Freundschaft mit den Rhodens , etwas , wovor er sich zu hüten hatte . Er war im Allgemeinen weit entfernt , die Ansichten des Grafen Gerhard zu theilen , nur das Eine mußte er ihm zugestehen - ein Menschenkenner war der Graf , und Welterfahrung hatte er . Zwölftes Capitel Fast um dieselbe Zeit , in welcher Renatus die Wohnung der Gräfin verließ , stand Paul vor der niedrigen Thüre eines Zimmers , das in einem Hinterhause derselben Straße im dritten Stockwerke gelegen war . Auf sein Klopfen rief man : Herein ! und ein mittelgroßer , sehr schmächtiger Mann erhob sich von dem Tische , an welchem er schreibend gesessen hatte . Er trug einen hechtgrauen , altmodischen Ueberrock , eine Kniehose und Weste von schwarzem Tuche , und selbst den Puder und den kleinen , steifen Zopf , der ihm fest und gerade am Hinterkopfe saß , hatte er gegen die veränderte Sitte beibehalten . Alles an ihm und in seinem Stübchen trug das Gepräge peinlicher Genauigkeit und Ordnungsliebe . Lineal und Papierscheere , Federn und Bleistift lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische , das Wasserglas war mit einem rundgeschnittenen Papier bedeckt . Um den Käfig des Hänflings , der reich mit frischem Vogelkraut behängt war , fanden sich Papierstreifen durch das Gitter gezogen , damit der Vogel das Futter nicht verstreuen könne ; selbst unter die kleine , irdene Vase , in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blüthenkätzchen sich im Sonnenscheine entfalteten , war ein zierlich zurecht geschnittenes Papierblatt gebreitet , und Paul bemerkte mit Vergnügen , daß das Gesicht des schon bejahrten Mannes , der ihn empfing , eben so ruhig und friedlich aussah , wie das Stübchen , welches er bewohnte . Auf seine Frage , wie es ihm ergehe , antwortete der Greis : Gut , gut , lieber Herr Tremann . Wie sollte es mir anders ergehen , da Sie so gütig für mich sorgen ? Ich habe ja alles , was ich brauche , und das müssen Sie sagen , ein so hübsches , sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt , selbst nicht , als wir das Stockwerk im Flies ' schen Hause noch ganz allein bewohnten . Er schob bei den Worten für Paul einen Stuhl an das Fenster , machte ihn aufmerksam , wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei , wie in den Gärten , auf die er aus seiner Wohnung hinunter sah , sich an einzelnen Stellen schon der Rasen über dem befreiten , braunen Boden neu zu färben beginne , und sagte dann : Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel , und habe solch einen schönen , weiten Horizont vor Augen , so denke ich immer nur mit Schrecken an die Arbeitsstube , in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten meine Tage hingebracht habe , und ich frage mich , wie ich sündiger Mensch jetzt nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden haben kann . Denken Sie , daß Sie es durch Ihre Güte für mich verdient haben , meinte Paul . Ja , freilich , das muß ich mir denken , wenn mich nicht drücken soll , was Sie für mich thun . - Er schwieg einen Augenblick und sagte dann : Ich weiß nicht , was aus mir geworden wäre , hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen Helfer in der Noth gesendet . Nicht wissen , wo man sein Haupt zur Ruhe legen soll , und nicht wagen , sich mit seinem grauen Kopfe vor den Menschen , die man gekannt hat , sehen zu lassen , weil man es mit Schimpf und Schande beladen , weil man im Zuchthause gesessen hat - das ist gar zu schrecklich , gar zu schrecklich , lieber Paul ! Er senkte dabei sein Gesicht in seine Hände ; aber als der Andere ihn ermahnte , diese trüben Gedanken von sich fern zu halten , meinte der Alte , es thue ihm gut , sich einmal aussprechen zu dürfen . Sehen Sie , rief er , indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches ein in schwarzes Leder gebundenes Büchelchen hervornahm , ich denke immer an Sie , und weil ich sonst gar nichts für Sie thun kann und immer nur von Ihnen anzunehmen habe , so schreibe ich hier in das Buch , das ich mir eigens dazu habe binden lassen , alle die guten Lehren ein , die ich mir aus meiner verkehrten Handlungsweise abgenommen habe , und das soll einmal Ihr Erbe sein , obschon Sie meiner guten Lehren wahrlich nicht bedürfen . Es will doch aber Jeder gern etwas zu geben und zu hinterlassen haben . Er hielt Paul das Buch hin ; es hatte einen vergoldeten Schnitt , der Titel war wie eine Festgabe in schönster Frakturschrift geschrieben und trug unter der reichverzierten Ueberschrift : » Erfahrungssätze