Wagenburg in der nächtlichen Ferne verschwinden . Jetzt teilte sich die Straße in zwei fast gleich große Zweige , und da er den Unterschied wegen der Nacht nicht bemerkte , folgte er dem etwas schmälern Zweige ; nach einer Stunde wiederholte sich der gleiche Irrtum , indem die Straße sich abermals in eine unmerklich kleinere abzweigte , und endlich war Heinrich , auf einem schmalen holperigen Fahrweg gehend , weit seitwärts von der Heerstraße und in das Innere des alten Landes geraten . Er ging über dunkle Höhen , durch Gehölze , über Feld- und Wiesenfluren , an Dörfern vorüber , deren schwache Umrisse oder matte Lichter weit vom Wege lagen ; er begegnete einzelnen unkenntlichen Menschen , welche ihn ebensowenig erkennen mochten und behutsam grüßten oder auch schweigend vorbeigingen . Aber er fragte niemanden nach dem Wege , da er einen nähern Ort in der Richtung nach der Schweiz nicht zu nennen wußte und nach der letzteren am wenigsten fragen mochte in der Überzeugung , daß die Frage , so tief im fremden Lande , auf nächtlichen Wegen an herumdämmernde Landleute gerichtet , vollkommen zwecklos und töricht erscheinen , ja sogar bedenklich auffallen würde . So ging er mitten in dem zivilisiertesten Weltteil wie in einer unbewohnten Wildnis und suchte nur die Richtung nach der Heimat innezuhalten , indem er die Himmelsgegend nach den Spuren des verloschenen herbstlichen Abendrotes im Auge behielt . Obschon er müde ward , so wanderte er unverdrossen weiter , sein Päckchen bald unter diesen , bald unter jenen Arm nehmend ; denn die Nacht war frostig und kalt . Bald schmerzten ihn auch die steinigen harten Geleise der Wege durch die schlechten Sohlen , und er schlotterte in seinen dünnen Kleidern . Die tiefste Einsamkeit waltete jetzt auf Erden , da es Mitternacht war und Heinrich über weite Felder ging ; aber um so belebter waren die herbstlichen , mondlosen , aber mit tausend Sternbildern durchwirkten Lüfte , denn singende , zwitschernde Staren- und Schwalbenvölker zogen nach Süden , ja die ganze Nacht hindurch rauschte und tönte es auf den himmlischen Straßen von Sängerscharen , wilden Tauben- , Hühner- und Gänsezügen , welche entweder weit aus Norden kamen oder aus diesen Fluren aufbrachen und südwärts reisten . Noch nie hatte Heinrich diesen herbstlichen Nachtverkehr der Lüfte so genau und auffallend gesehen , und indem er sich unten auf der dunklen harten Erde mühselig forthalf , blickte er fortwährend nach dem Himmel und beobachtete neugierig das Ziehen und Begegnen der gefiederten Völkerschaften , denen mit Sonnenaufgang das wärmere Land und die neue lustige Heimat gewiß war . Dann geriet er in einen großen Forst , und die Dunkelheit wurde vollkommen . Still huschte der Kauz an seinem Gesichte vorüber , die Waldschnepfe bog hier und dort blitzschnell um die Büsche , wovon er aber nur ein leises Wehen hörte , aus der Tiefe schrie der Uhu . Diesen hatte Heinrich nie gehört , und er kannte sein Geschrei nicht , daher machte es die Verwirrung und Fremdheit des Abenteuers vollständig . Doch stieß er nun an einer Lichtung auf einen rauchenden Kohlenmeiler , dessen Hüter in der Erdhütte steckte und schlief . Heinrich setzte sich auf einen Baumstrunk an den heißen Meiler und wärmte sich , und er wäre ganz glücklich gewesen , wenn er jetzt nur etwas zu essen und zu trinken gehabt hätte . Er ging zwar einigemal unter die Bäume und ein wenig in sie hinein und griff gierig mit den Händen im Dunkeln herum , ob nicht etwa ein Tier oder ein Vogel in dieselben geraten möchte , was er würgen und braten könnte ; es rauschte auch auf und gab Laut da und dort ; allein nichts kam ihm unter die begierigen Hände , und traurig kehrte er an seinen Platz zurück , wo er endlich einschlief . Ein Flug laut schreiender Wanderfalken , deren silberblaue Flügel und weiße Federbrüste im ersten Morgenrot blitzten , weckte den Schläfer aus verlorenen Träumen , und da , wie er sich ermunterte , der Köhler sich zugleich zu regen und aus seiner Hütte zu kriechen begann , die Füße voran , so stand Heinrich auf und setzte seinen Weg fort , dem Köhler einen guten Morgen wünschend , und der Köhler dankte ihm , des Glaubens , er wäre ein früh vorübergehender Reisender mit kleinem Wachstuchbündel . » Der mag auch kaum ein altes Hemde in seinem Päckchen haben ! « sagte er vor sich hin , als die dürftige Gestalt im Walde verschwand . Doch dieser nahm bald ein Ende , und Heinrich trat in eine weite , wunderschöne deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus . Waldige und dunkle Gebirgszüge umgaben den Horizont , durch das weite Tal schlängelte sich ein rötlicher Fluß daher , weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die purpurisch angeglühten Wolkenschichten über Feldern , Höhen , Dörfern und kleinen grauen Städten hingen . Nebel rauchte an den Waldhängen und verzog sich an den dunkelblauen Bergen ; Burgen , hohe Stadttore und Kirchtürme glänzten rötlich auf , und über all dem stand noch der spät aufgegangene Mond am Himmel und vermehrte , ohne zu leuchten , den Reichtum dieser Herbstwelt um sein goldenes Rund . Längs des Waldrandes , über welchem er schwebte , entspann sich ein hallender Jagdlärm ; Hörner tönten , Hunde musizierten fern und nah , Schüsse knallten , und ein schöner Hirsch sprang an Heinrich vorüber , als er eben den Forst verließ . Das Morgenrot und der alte Mond waren so ruhig und heimatlich , ihn dünkte , er müsse und müsse zu Hause sein , während das fremde Gebirge ihm nur zu deutlich sagte , wie fern er noch sei , und das Morgenrot überdies noch den Seufzer entlockte : » Morgenrot bringt ein nasses Abendbrot ! « Jenes verkündete einen unzweifelhaften tüchtigen Regentag , und der wandernde Heinrich dachte mit Schrecken an die kommenden Fluten und daß er durchnäßt bis auf die Haut in die zweite Nacht hineingehen müsse . Die Nässe und