Was aber die eine und die andere an sich selbst sey , was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des Gerechten oder Ungerechten wirke , wenn sie auch Göttern und Menschen verborgen blieben , nämlich , daß die Ungerechtigkeit das größte aller Uebel womit eine Seele behaftet seyn kann , die Gerechtigkeit hingegen ihr größtes Gut sey , - dieß habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlänglich dargethan und ausgeführt . Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon , aufs ernstlichste und mit Beweggründen , denen kein aufrichtiger Anhänger der Gerechtigkeit , und Sokrates am allerwenigsten , widerstehen konnte , in den letztern einzudringen , daß er sich nicht weigern möchte , einem so wichtigen Mangel abzuhelfen ; und Sokrates , nachdem er sich eine Weile gesträubt und mit seinem Unvermögen , den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen , entschuldigt hat , wird endlich , von den vereinigten Bitten aller Anwesenden überwältigt , daß er wenigstens sein Möglichstes zu thun verspricht , der guten Sache zu Hülfe zu kommen und ihrem Verlangen Genüge zu leisten . Daß Plato die Gelegenheit , die er selbst durch die in den Mund seiner Brüder gelegten schönen Reden herbeigeführt hatte , dazu benutzt , seiner Familie , und namentlich seinem Vater Ariston und seinen ältern Brüdern Glaukon und Adimanthus aus dem Munde eines Sokrates , zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten , ein Denkmal zu errichten , welches wahrscheinlich , durch das Werk , worin es wie eine glänzende Spitze hervorragt , von ewiger Dauer seyn wird , wollen wir ihm auf keine Weise verdenken . Wenn das , was ihn dazu bewog , eine Schwachheit ist , so ist es wenigstens eine sehr menschliche , die ihm um so mehr zu gut zu halten ist , da er ( wie ich kaum zweifle ) durch einen Abschnitt in Xenophons Denkwürdigkeiten14 , worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht , bewogen worden seyn mag , diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vortheilhaftern Lichte zu zeigen , und den Verdacht eines einbildischen , leeren , unwissenden Windbeutels und Schwätzers durch die That selbst von ihm abzuwälzen . Bevor ich weiter gehe , Eurybates , wirst du mir wohl erlauben , dir , statt eines kleinen Zwischenspiels , meine eigenen Gedanken über die Frage , zu deren Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt , in möglichster Kürze vorzulegen . Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der Ungerechtigkeit : Unrecht thun sey an sich etwas Gutes , Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel . Ich habe schon bemerkt , daß ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als beleidigen heißen muß . Die Rede ist von Menschen , und zwar nicht von diesen oder jenen einzelnen , sondern von der ganzen Gattung . Was versteht er aber unter beleidigen ? Ich weiß keine Formel , welche mir bequemer schiene alle Beleidigungen , die der Stärkere dem Schwächern zufügen kann , zusammen zu fassen als diese : andere zu bloß leidenden Werkzeugen unserer Bedürfnisse und Lüste machen , und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles über sie erlauben , wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermögen gibt . Wenn dieß seiner Natur nach gut ist ; so muß es allen Menschen , überall und zu allen Zeiten gut seyn . Einander gegenseitig , eigenen Vortheils oder anderer Befriedigungen wegen , alle mögliche Beleidigungen zuzufügen gehört folglich wesentlich zur Natur des Menschen , oder mit andern Worten : es ist das , wodurch der Mensch den Forderungen der Natur und dem Zweck seines Daseyns ein Genüge thut . Sein natürlicher Zustand ist , ein geborner Feind aller andern Menschen zu seyn und unaufhörlich an der Beschädigung , Unterdrückung und Zerstörung seiner eigenen Gattung zu arbeiten . Indem nun jeder Mensch von seiner Natur getrieben wird , allen andern zu schaden , beleidigt er sie zwar dadurch , aber er thut ihnen kein Unrecht ; im Gegentheil , da alles der Natur Gemäße insofern recht ist , so ist es recht und völlig in der Ordnung , daß jeder allen andern so viel Uebels zufüge als er kann , und dafür von allen andern so viel leide , als er zu leiden fähig ist . Wölfe , Tiger , Hyänen und Drachen wären also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige Wesen ; der letztere hingegen wäre das unnatürlichste aller Ungeheuer , die der Tartarus ausgespien hätte . - Welcher Unsinn ? und doch ist es nichts , als was herauskommt , wenn wir annehmen , Unrecht thun , oder beleidigen sey an sich , oder seiner Natur nach etwas Gutes . Bedarf es einer andern Widerlegung einer so wahnsinnigen Behauptung - als sie auszusprechen ? Demungeachtet ist und bleibt es Thatsache , daß der rohe Stand der natürlichen Gleichheit für die Menschen , die sich darin befinden , eine Art von Kriegsstand Aller gegen Alle ist ; nicht , als ob die Menschen , ohne einen Grad von Ausartung , der sie tief unter die wildesten Thiere erniedrigen würde , jemals das Gefühl , daß es unnatürlich , folglich unrecht sey einander zu beleidigen , verlieren könnten ; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften , wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden , im Augenblick der aufbrausenden Leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedürfnisses stärker sind als jenes Gefühl , welches im Grunde nichts als die Stimme der Vernunft selbst zu seyn scheint . Aus dieser Thatsache folget nun freilich , daß die Menschen sich durch eine gebieterische Nothwendigkeit gedrungen finden , in gesellschaftliche Verbindungen zu treten , und sich Gesetzen zu unterwerfen , die ihrer aller Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen , und insofern ihrer aller gemeinsamer Wille sind ; aber diese Verbindungen , diese Gesetze sind nicht die Quellen , sondern Resultate des allen Menschen natürlichen Gefühls von Recht und Unrecht , welches einem jeden sagt , daß alles was nur Einem und allenfalls seinen Mitgenossen und Spießgesellen nützt