und ich konnte ihn füglich ebensowohl als ein körperliches wie als ein moralisches Übel betrachten . Die Heftigkeit des Zustandes wurde keineswegs durch das beschämende Bewußtsein gemildert , daß ich an dem eben verbannten Peter Gilgus einen drolligen Genossen besaß ; wie ich überhaupt nicht viel von der Meinung halte , physische oder geistige Leiden seien leichter zu tragen , wenn sie mit andern geteilt werden . War Gilgus auch in seiner Art von mir verschieden , so standen wir uns doch darin gleich , daß beide als arme Zuflüchtige in das Haus gekommen und mit dem Begehren nach der Tochter endeten . Der unzeitige Frühling hielt wochenlang an ; in den Gehölzen blühte schon der Zeidelbast , so daß ich am Weihnachtsabend , da ich nichts anderes hatte , eine Handvoll der roten duftenden Zweige auf den Bescherungstisch legen konnte . Es wurde übrigens nur den Angestellten und Dienstleuten beschert und ohne weitere Festlichkeit ; denn der Graf sagte , es zieme sich nicht , mit den Kirchlichen nur die Lustbarkeiten , nicht aber die Peinlichkeiten und die Andachten zu teilen . Als der Tisch geleert und das Volk abgezogen war , lag mein Strauß noch da . Dorothea ergriff ihn und sagte : » Wem gehört denn eigentlich die schöne Daphne ? Gewiß mir , ich seh ' s ihr an ! « » Wenn Ihnen die Jahrszeit nicht allzu verdächtig ist « , sagte ich , » so erbarmen Sie sich dieser zu früh gekommenen Sendboten ! « » Ei was , man muß das Gute nehmen , wie ' s kommt . Haben Sie Dank ; wir wollen die Zweige gleich ins Wasser stellen , sie sollen uns das ganze Haus durchduften ! « Dorothea war nicht nur an diesem Abend , sondern über die ganze Festzeit aufgeräumt und von lieblichster Laune , besonders am Neujahrstage , wo zum ersten Male , seit ich im Hause war , sich eine größere Gesellschaft zu einem Festmahle einfand . Nicht nur der Kaplan , sondern auch der Pfarrherr , der Arzt , ein Oberamtmann und einige Edelleute ! Jugendgenossen des Grafen , welche trotz seiner verpönten Gesinnungen ihm zugetan blieben , waren da . Selbst ein paar aufgeweckte ältere Damen kamen angefahren und verbreiteten sogleich den guten freien oder den freien guten Ton , der in gewissen Zeiten oft nur noch in der Gewalt der alten Frauen steht , die andere Tage gesehen haben und für sich nichts mehr fürchten noch hoffen . Es wurde nichts gesagt , was der einzelne nicht hören durfte , und doch auch nichts verschwiegen , was irgend mit wohlwollender Heiterkeit anzubringen war . Jeder fand seine Gelegenheit , ein Wort mitzusprechen , und keiner mißbrauchte sie , weil das Treffendere und deshalb scheinbar Neuere schon gesagt war , sofern einer darauf ausging , dergleichen zu leisten . Selbst der Kaplan übte seine Künste mit höflicher Mäßigkeit , und der Pfarrherr , ein rechtgläubiger , aber nicht bösartiger Katholik , zog von vornherein eine so generose Linie des allenfalls zu Dulden den um seine behagliche Person , daß die Überschreitung der Grenzwehr niemandem einfiel und sogar nicht einmal eine merkliche Annäherung versucht wurde . Ungeachtet dieses heitern Daseins nahm ich meine Zeit wahr , um mich für einmal zurückzuziehen , da ich durch mein Dableiben weder aufzufallen noch zu stören wünschte . Für den Augenblick etwas ruhiger geworden , begab ich mich in die alte Hauskapelle und machte mir dort einiges mit meinen Bildern zu schaffen , die halb eingetrocknet dastanden . Wie ich mich so in der Stille befand , kam mir plötzlich die Mutter in den Sinn , welche in der fernen Heimat saß und nicht wußte , wo ich war , indessen es mir hier wohlerging . Längst hätte ich ihr nun Nachricht geben können und sollen , da sich die Umstände ja für einmal tröstlich verändert hatten ; daß ich es dennoch immer verschob , geschah aus unklar ineinanderfließenden Ursachen . Erstlich hielt ich allerdings meine Angelegenheiten nicht mehr für so sehr wichtig und besprechenswert , seit ich aus der Not erlöst war ; dann dachte ich wieder , durch die Freude einer unvermuteten Ankunft alles gutzumachen , bis wohin die kurze Spanne Zeit , gegenüber den verflossenen Jahren , nicht mehr in Betracht käme ; endlich aber scheute ich mich unbewußt , bei dem jetzigen innern Zustande irgendeinen Laut von mir zu geben , zumal die geheime Selbstliebe trotz aller gegenteiligen Gedankengänge und Vorsätze sich doch nicht eingestehen wollte , daß jede Entscheidung undenkbar sei . Als ich nun in einiger Ruhe dies Wirrsal beschaute , faßte ich doch den Entschluß , die stille Stunde zu benützen und der Mutter zu schreiben , wo ich sei , wie es mir gehe und daß ich bald heimkehren werde . Zu diesem Zwecke ging ich nach dem Gartenhause hinüber , wo ich etwas Bücher und Schreibzeug liegen hatte . Auf dem Wege dahin bemerkte ich , daß die Gesellschaft sich in dem wie im Frühlingslichte ruhenden Park erging ; das konnte mir als merkwürdiges Bild eines Neujahrstages und meines Aufenthaltes gleich zum Eingange des Briefes dienen . Kaum war ich aber in meinem Zimmer oder Schlafsälchen angelangt , so klopfte es , und Röschen die Gärtnerin erschien in der Sonntagstracht der Landesgegend vom zierlichsten Schnitte ; die wollene pelzverbrämte Jacke trug sie der warmen Luft wegen nur am Arme , so daß die Brustbekleidung von grüner Seide mit ihren silbernen Häkchen und Knöpfchen den Wuchs des hübschen Mädchens um so feiner zeichnete . Ein kleines Gehäube , von schwarzem Samt und Spitzen zusammengesetzt , bekleidete den Ausgang der starken goldenen Zöpfe , von denen der eine wie aus Übermut über die Schulter nach vorn gezogen war und mit der Jacke auf dem Arme lag . Sie war von Seite des Fräuleins an mich abgesandt mit der Aufforderung , sogleich nebst der Botin zu ihr zu kommen und den Frauenzimmern den Ort zu zeigen , wo ich den blühenden Zeidelbast gefunden