blassen Miene eines Menschen , der seine Hoffnung nur noch auf ein besseres Jenseits gesetzt hat - brach in ein hysterisches Weinen aus , und Hermine , sich plötzlich erhebend und das Spitzentuch auf Stirn und Wangen drückend , sagte , sie bitte um Entschuldigung , wenn sie die Gesellschaft durch ihre böse Laune gestört habe , aber ihre Kopfschmerzen seien so arg , daß sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen müsse . Ich glaube nicht , daß irgend Jemand von den Anwesenden an diese Kopfschmerzen glaubte , was natürlich nicht verhinderte , daß die beiden Eleonoren von ihren Stühlen auffuhren , und , sich von rechts und links der schönen Leidenden nähernd , jedenfalls im Begriffe waren , die günstige Gelegenheit zu einer rührenden Gruppe zu benutzen . Aber Hermine hatte bereits den Arm ihrer schluchzenden Gouvernante ergriffen und verließ das Zimmer mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen , welches für die ganze Gesellschaft bestimmt schien - außer für mich . Ihr Blick war über mich hingeglitten , als ob mein Stuhl unbesetzt sei ; und dies schien auch die übrige Gesellschaft anzunehmen . Niemand hatte noch ein Wort , einen Blick für mich und ich habe es dem Wilhelm Kluckhuhn nie vergessen , daß er in diesem verhängnißvollen Augenblicke den Muth hatte , hinter meinen Stuhl zu treten und , mit einer allerdings etwas gepreßten Stimme zu fragen : » Befehlen der Herr Ingenieur noch ein Glas Hochheimer ? « Ich nahm das Glas und trank es vorsichtig schlürfend mit der Miene des Kenners ; aber ich müßte lügen , wollte ich behaupten , daß ich dem herrlichen Gewächs wirklich hätte Gerechtigkeit widerfahren lassen . So sehr ich mir Mühe gab , unbefangen zu erscheinen , befand ich mich doch in peinlicher Aufregung . Es ist ein eigen Ding , von einer jungen Dame auf solche Weise vor einer ganzen Gesellschaft ausgezeichnet zu werden ! Glücklicherweise hatte ich meine Kraft auf keine zu harte Probe zu stellen . Die Tafel wurde bald aufgehoben ; die Gesellschaft zerstreute sich sehr rasch , ich ging in die Anlagen , um bei dem beruhigenden Rauch einer Cigarre über das , was geschehen , weiter nachzudenken . Eines war mir durchaus begreiflich : das Betragen der Gesellschaft bei dieser Angelegenheit . Sie hatte mich einfach fallen lassen in dem Momente , als sie zu bemerken glaubte , daß mein Spiel verloren sei . Wußte ich doch , daß Arthur ' s Eltern noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben hatten , ihr Sohn werde noch einmal seine reiche Cousine heimführen ; daß ihre plumpen Schmeicheleien , Arthur ' s falsche Freundschaftsversicherungen nur ein Mittel gewesen waren , ihre Absichten vor mir wo möglich zu verdecken und nebenbei vielleicht durch Güte auf mich zu wirken , da man wahrscheinlich fürchtete , durch offene Feindseligkeit die Sache nur schlimmer zu machen . Der Justizrath , die beiden Eleonoren - sie schwammen eben mit dem Strom ! Sie und die Andern - das war Alles , Alles nur zu erklärlich ; aber der Commerzienrath ! der Commerzienrath ! Sah es nicht gerade so aus , als ob er die peinliche Scene über Tisch direct provocirt oder doch geflissentlich so weit habe kommen lassen ? Er verstand es sonst sehr gut , einem Gespräch , das ihm nicht gefiel , eine andere Wendung zu geben . Und wenn es ihm wirklich um meinen Beistand in der Verkaufsangelegenheit zu thun war , weshalb hatte er schon jetzt , wo noch Alles in der Schwebe , mit Hermine davon gesprochen ? weshalb mich ihr als den Urheber oder doch hauptsächlichen Beförderer des ihr so verhaßten Projectes hingestellt ? Hatte er sich einfach durch mich decken wollen ? ein solches Manöver sah ihm ganz ähnlich : er hatte die Gewohnheit , Lasten , die ihm zukamen , auf Andere abzuwälzen - oder war das noch nicht Alles ? Hatte der alte schlaue Mann nur einmal wieder eines seiner Tintenfisch-Manöver ausgeführt und sich in eine dunkle Wolke vollkommener Unbefangenheit gehüllt ? nichts , gar nichts , was um ihn her vorging und wobei er so betheiligt war , gesehen ? nichts von Allem gewußt ? und jetzt nur so ganz zufällig , so ganz unschuldiger Weise seinen jungen Freund der schönen , leidenschaftlichen Tochter gegenüber in eine unhaltbare Lage gebracht ? Das Blut stieg mir heiß in die Stirn , als ich bis zu dieser Schlußfolgerung kam und eine mir ganz neue Empfindung bemächtigte sich meiner immer mehr . Es war mir sonst herzlich leicht geworden , meinen Beleidigern zu vergeben , so leicht , daß ich mich manchmal einen Schwächling , einen Menschen ohne Herz und ohne Galle genannt hatte ; warum wollte mir , was mir sonst so leicht wurde , heute nicht gelingen ? Warum kam mir jetzt jeder Blick , mit dem man mich über Tisch scheel angesehen , die Vernachlässigung , die Gleichgültigkeit , die man urplötzlich gegen mich zur Schau getragen - warum kam mir das Alles bis auf die kleinste Einzelheit wieder in Erinnerung ? und weshalb war mir , als ob ich ersticken müßte an dem , was ich vorhin mit scheinbar so viel Gemütsruhe hingenommen hatte ? Ja , es war eine neue Ader in mir , auf die ich plötzlich getroffen war , eine Ader , aus der ein schwarzes , galliges Blut in mein sonst so leichtes Blut überströmte . Ich fühlte durchaus als einen physischen Vorgang , was doch nur , oder doch ursprünglich nur ein Vorgang in meinem Gemüthe war : die erste heftige Regung des Ehrgeizes , das leidenschaftliche Verlangen , mit seiner Person zur Geltung zu kommen ; die Demüthigung , die Beschämung , wenn das Gegentheil der Fall ist ; der verzweifelte Entschluß endlich , aus dem Kampfe als Sieger hervorzugehen , trotz alledem und alledem ! Welches war dieses Ziel ? Dasselbe noch , das ich vor Augen hatte , als ich hierher kam ? oder ein anderes ? oder jenes und dies